Weltmusik

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Abgrenzung
Ursprünge: Jazz, Pop, Experimentelle Musik / Avantgarde
Herkunft: England, USA (als Fusion-Genre), Afrika, Asien, Südamerika
Zeitraum: seit ca. 1980
Anders als: Fusion, Crossover, Volksmusik


Unter dem Begriff Weltmusik oder World Music verstand man einmal eine musikalische Mischform aus westlichen und nichtwestlichen Klangelementen. Der amerikanische Musikethnologe Robert E. Brown hatte diesen Begriff Anfang der 1960er Jahre an der Wesleyan Universität in Connecticut geprägt, um im Rahmen eines kleinen Studiengangs die Musiktraditionen der Welt unter einen Hut zu bringen.[1] In den 1980er Jahren war World Music dann vor allem ein Marketingbegriff des Real World Labels, das seine Acts gerne im Rahmen des WOMAD Festivals öffentlich präsentierte. Der Ausdruck World Music selbst gilt mittlerweile als überholt, da ihm ein eurozentristischer Ansatz zugrundeliegt, der afrikanische, asiatische oder südamerikanische Musik lediglich als Zusatz oder Beiwerk zur westlichen Tradition begreift. Das Funkhaus Europa des Westdeutschen Rundfunks ist als Hauptfinancier der World Music Charts im Jahre 2014 weltweit die einzige Institution, die noch offiziell an den Genrebegriffen Weltmusik und World Music festhält.[2] Die National Public Radio Moderatorin Anastasia Tsioulcas nannte den Begriff World Music in ihrer Berichterstattung zum globalFEST gar "einen problematischen und schrecklichen Begriff, der absolut niemanden zufriedenstellt." Sogar innerhalb der "World Music" Community gäbe es niemanden, der diesen Begriff mögen würde, da er mittlerweile in vielerlei Hinsicht als belastet gelte. So fänden sich unter der Dachbezeichnung "World Music" immer wieder Genregruppen, die nie etwas miteinander zu tun gehabt hätten.[3] In der Tat wäre unter der Dachbezeichnung Weltmusik ein Klanggemisch aus Stammesgesängen der Sioux kombiniert mit balinesischer Gamelanmusik und den bläserbetonten Marschrhythmen einer Dortmunder Bergmannskapelle denkbar, auch wenn untereinander noch nie Grußpostkarten ausgetauscht wurden.

Einführung und Geschichte

Bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert galt es unter europäischen Komponisten teilweise als schick, beispielsweise chinesische oder arabische Elemente – beziehungsweise was dafür gehalten wurde – in ihre Werke mit aufzunehmen, um eine orientalische Atmosphäre zu schaffen. Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts dann hielten zunächst lateinamerikanische Stilarten wie Tango, Rumba oder Cha-Cha-Cha Einzug in die populäre Tanzmusik, woran sich in den 1950er Jahren die erste größere Stilfusion aus Bossanova und Jazz anschloss. Gerade im letztgenannten Genre verbreitete sich der Ansatz, neben lateinamerikanischen auch afrikanische und indische Klangelemente aufzunehmen, wie es vor allem John Coltrane vormachte. Der Sitar-Meisterspieler Ravi Shankar übte in den 1960er Jahren enormen Einfluss auf George Harrison und die Beatles aus, die ihrerseits indische Musikelemente in ihre Songs mit aufnahmen. Mit Ska, Reggae, Dancehall und Dub wurden in den 1970ern originär jamaikanische Genres in England und den USA populär und übten großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der dortigen Punk- (The Clash, The Police) und modernen Tanzmusikszene aus.

Von Weltmusik im eigentlichen Sinne, also der gezielten Vereinigung von klassisch-westlicher Rock- und Poptradition mit nichtwestlichen Musikstilen, kann ab etwa den frühen 1980er Jahren gesprochen werden. Pionier in dieser Hinsicht war der vormalige Genesis-Sänger Peter Gabriel, der für seine Soloalben schon früh auf die kompositorische Mithilfe von Musikern aus Afrika und dem Vorderen Orient wie Nusrath Fateh Ali Khan, Youssou N'Dour (der später mit dem Neneh Cherry-Duett 7 Seconds einen weltweiten Hit erzielen sollte) oder Manu Katché zurückgegriffen und in Songs wie San Jacinto oder Biko auch das Leben in Lateinamerika oder Südafrika thematisiert hatte. 1982 richtete Gabriel zusammen mit Freunden erstmals das bis heute jährlich stattfindende "World of Music, Arts and Dance Festival" (kurz WOMAD) ins Leben, auf dem zum ersten Mal der nichtwestlichen Musik und ihren Interpreten ein größeres Forum innerhalb des europäischen Popkreislaufs geboten wurde. Einen weiteren Popularitätsschub erfuhr das Konzept der Weltmusik mit dem Release von Paul Simons Erfolgsalbum "Graceland" im Jahr 1986, das die Pop-Ethno-Fusion in die Charts brachte. Auch andere Pop-Großverdiener wie Sting, Mick Fleetwood oder Robert Plant setzten auf die neue Klangfusion, und Peter Gabriels Label Real World Records setzte mit Platten wie dem Filmsoundtrack "Passion" von 1989 neue Maßstäbe in der globalen Vernetzung alter und neuer, europäisch-amerikanischer und orientalischer Klangtraditionen. David Byrne von den Talking Heads gründete 1988 das Label Luaka Bop, das neben Byrnes Ethno-beeinflussten Soloprojekten auch bekannte Weltmusik-Acts vor allem aus Lateinamerika wie Zap Mama, Shuggie Otis oder die britischen Chartstürmer Cornershop veröffentlichte.

Eine Zeitlang gehörte es fast zum guten Ton, sich von nichteuropäischen Musikern unterstützen zu lassen, was sich selbst in der Musik der brasilianischen Thrash-Metaller Sepultura niederschlug, die sich auf ihrer Platte "Roots" (von 1996) von Indianern des Xavante-Stamms begleiten ließen, um ihre kulturellen Wurzeln zu erforschen. Bands wie Cornershop, Transglobal Underground oder Asian Dub Foundation, die aus zumeist britischen Musikern mit orientalischem Hintergrund bestanden, suchten nach neuen Wegen des ethno-inspirierten Indie-Pops oder elektronischer Tanzmusik. Im weitesten Sinne Weltmusik machten auch beispielsweise Punk-Bands, die sich von europäischer Folklore inspirieren ließen, etwa Dropkick Murphys oder Flogging Molly mit irisch-keltischem Folk oder Gogol Bordello mit (süd-)osteuropäischer Volksmusik. Die Multiinstrumentalistin Amy Denio aus Seattle initiierte zahlreiche Projekte wie Pale Nudes, Kultur Shock oder The Tiptons, die sich der Symbiose von Jazz, Punk und Indierock mit Volksmusik-Traditionen widmeten.

Weltmusik 2.0

"Ich hasse Weltmusik." (David Byrne, im Jahr 1999)[4]

Heute wird der Begriff Weltmusik im Sinne einer Weltmusik 1.0 weithin kritisch gesehen, da er ein eurozentrisches Verständnis der nichteuropäischen Musikkulturen andeutet, die von westlichen Musikern lediglich zur „Orientalisierung“ ihres an sich weiter bestehenden Sounds herangezogen werden. So ist auch David Byrnes Zitat zu verstehen, der die künstliche Trennung zwischen "Wir" und "Sie" in der westlichen Weltmusik-Rezeption damit kritisierte. Nichtsdestoweniger sind Acts wie die von Damon Albarn produzierten Amadou & Mariam aus Mali sehr erfolgreich in den westlichen Charts. Seit Anfang 2011 ist ein neuer Terminus für die heutige Weltmusik im Gespräch, die von Thomas Burkhalter so benannte Weltmusik 2.0:

„Weltmusik, in der Popwelt und der Clubszene lange belächelt, setzt heute Trends. Sie heisst jetzt Global Ghettotech, Ghettopop, Cosmopop, Worldtronica oder schlicht Weltmusik 2.0 – die Weltmusik der interaktiven Internetplattformen [...] Weltmusik 2.0 lässt sich in kein Korsett mehr zwängen, sie ist widersprüchlich und mehrdeutig. Es klingt das Chaos der Welt, die Hektik des Alltags, die Wut über Weltpolitik und Wirtschaft, und die Hoffnung, sich via Musik eine Existenz zu sichern.[5]

Auch der von TAZ Autor Thomas Burkhalter bemühte Gattungsbegriff der Weltmusik 2.0 findet weltweit keine Verwendung, da auch hier von einem beliebigen Klangeintopf ausgegangen wird, ohne die einzelnen Zutaten zu kennen oder zu benennen. Ein ehemaliges Flaggschiff der sogenannten "Weltmusik" wie der Peter Gabriel Soundtrack zum Martin Scorsese Film Passion wird heute bei Rateyourmusic.com so beschrieben: Primärgenre - Soundtrack, Sekundärgenres - New Age, Turkish Folk Music, Arabic Traditional Music, Ambient, African Folk Music, Arabic Folk Music, Tribal Ambient. Die globale Sammlerplattform Rateyourmusic hat für das irdische Musikgeschehen vier einfache Dachbegriffe eingeführt, die so wenig wie möglich verwendet werden sollen: Global Music, Regional Music, Esoteric Music, Experimental Music. [6]

Wichtige Akteure, Alben und Songs

Wichtige Bands und Künstler:

Wichtige Alben:

  • Paul Simon - "Graceland" (1986)
  • Peter Gabriel - "Passion" (1989)

Wichtige Songs

  • Youssou N'Dour - 7 Seconds
  • Peter Gabriel - Biko, San Jacinto
  • Paul Simon - The Boy in the Bubble, I Know What I Know

Vorläufer

Wichtige Labels

Einzelnachweise

  1. [1] Robert E. Brown über die Anfänge seines "Weltmusikprogramms"
  2. [2]Homepage der World Music Charts Europe
  3. [3]Der Bericht von Anastasia Tsioulcas
  4. Ist das noch Weltmusik? – Artikel in der taz vom 25. Mai 2013
  5. Thomas Burkhalter – Weltmusik 2.0: Zwischen Spass- und Protestkultur [4] bei norient.com, 27. Januar 2011
  6. Definition des Dachbegriffes "Regional Music" auf Rateyourmusic.com [5]

Weblinks

  • Thomas Burkhalter – World Music 2.0? [6] bei norient.com, 14 March 2011
  • Startseite Network for Local and Global Sounds and Media Culture [7] norient.com