Popmusikforschung

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Popmusikforschung ist die gängigere Form des zumeist treffenderen Begriffs Popularmusikforschung[1] und befasst sich mit Erkenntnissen zur Populären Musik, dem Jazz und angrenzenden Gattungen. Das vertretene Fachwissen im Sinne eines umfassenden aktuellen Informationsstands und realistische Szenenkenntnisse sind an den Universitäten, Einzelstudien ausgenommen, in seltenen Fällen gegeben. In vielen Szenen ist entsprechend oft eine Skepsis dem akademischen Betrieb gegenüber zu konstatieren. Das Nerdige begleitet untilgbar den Lehrbetrieb. Bis heute kann behauptet werden, dass musiktheoretische Hintergründe in Publikationen gegenüber sozial-, medien- und kulturwissenschaftlichen weit im Hintertreffen sind. Allerdings kann ein Geflecht interdisziplinärer Zusammenhänge ausgemacht werden.

Hintergrund

Zuständig sind staatliche und private Bildungs- und Lehranstalten, Musikschulen, Vereine und weitere Interessensvereinigungen, Zeitschriften, Blogs und Privatpersonen. Besonders durch das Internet erscheinen die Anlaufpunkte heutzutage soweit verbunden, dass die früher typische Trennung von Szenen- und Universitätsleben weitgehend flachfällt. Kompetente Analysen von Popmusik sind im Internet nicht nur in Reviews und Kritiken zu finden. An den Universitäten in Deutschland ist die Popularmusikforschung Teil der Systematischen Musikwissenschaft, wo sie sich nicht eigenständig präsentiert. Ein transdisziplinärer Schwerpunkt in Richtung Kulturwissenschaften und Medienwissenschaften, zuweilen noch Sozialwissenschaften, besteht. Die Universitäten organisieren sich darüberhinaus in Form von Vereinen, die Tagungen und Veröffentlichungen planen und durchführen. Die Mitglieder der Vereine sind gewöhnlich an Universitäten tätig, die entsprechende Lehrgänge anbieten. Die Vereine sind dabei zum Teil auch bemüht, Einflüsse aus der Wirtschaft außen vor zu halten. Hauptsächlich funktionieren sie zur Selbsterhaltung der Universitäten, Betreuung von Studenten, Doktoranden usf.. In den Satzungen sind sie offen für alle interessierten Teilnehmer.

Geschichte

Bereits 1941 erscheint Theodor W. Adornos On Popular music. Die Popmusikforschung beginnt dann in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die ersten Veröffentlichungen beschäftigen sich mit kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründen der Popmusikproduktion. Besondere Popularität erreicht die sogenannte Birmingham School CCCS mit den Cultural Studies seit Beginn der 1960er Jahre. In den späten 1970er Jahren erscheinen die ersten Standardwerke zur Popmusikforschung. So zum Beispiel Dick Hebdiges Subculture – The Meaning of Style (1979, geschrieben 1977/78) und Simon Friths Sociology of Rock (1978). Bis in die 1980er Jahre hinein muss sich die Popmusikforschung weltweit als universitär erweisen und ist steten Anfeindungen eines, am vorgegebenen Wertekatalog der Kunstmusik festhaltenden, Lehrbetriebes ausgesetzt. Diese Anfeindungen finden heute noch einen Widerhall, indem fachlich kompetente musiktheoretische Forschung deutlich zu wenig besteht.[2] Dazu soll nicht unwesentlich der Einfluss Adornos beigetragen haben, der strikte Absagen an die Populäre Musik richtete. Dass Adorno das Gespür für eine mögliche höherwertige Populäre Musik bei seinen Studenten erweckt hat und derart ganz und gar mit den Ambitionen zum Beispiel Karlheinz Stockhausens konform ging, wird dabei gewöhnlich übersehen. Für Deutschland ist bei Tobias Marx die Rede von einer schrittweisen Institutionalisierung der Popmusikforschung seit Beginn der 1980er Jahre[3], inhaltlich wie folgt ausgerichtet: „Die deutsche Popmusikforschung setzt ihren Schwerpunkt auf medienwissenschaftliche Ansätze wie Verbreitungsformen, mediale Vernetzung und audiovisuelle Darbietungsformen. Aktuell wird versucht, das vorhandene Wissen zu systematisieren und es differenzieren sich Richtungen der Popmusikforschung heraus, die kulturwissenschaftlich, musikwissenschaftlich, historisch oder an einzelnen Genres orientiert sind.“[4]

Vor und nach 1989 / 1990

Auch nach den Ereignissen 1989/1990 präsentierte sich die Popularmusikforschung bis vor Kurzem (Stand 2017) noch gespalten[5]: 1981 erfolgte die Gründung der IASPM (International Association for the Study of Popular Music), deren deutsche Sektion in der DDR aktiv wurde und die seit 2012 als IASPM D-A-CH (deutscher Sprachraum Deutschland, Österreich und Schweiz) auftritt. Im gleichen Jahr erschien in den USA zum erstenmal die Zeitschrift Popular Music. 1984 erfolgte die Gründung des ASPM (Arbeitskreis Studium Populärer Musik) durch Helmut Rösing und Alenka Barber-Kersovan in West-Deutschland (seit 2014: GfPM, Gesellschaft für Popularmusikforschung e.V.). Beide Vereine sind beitragspflichtig. Die GfPM verfügt zur Zeit über etwa 250 Mitglieder. Inzwischen sind auch hier Verflechtungen zu bemerken, die wohl in erster Linie der zu bewältigenden Vielfalt an Musik zu verdanken sind. Die erste fachspezifisch ausgewiesene Professur besetzte in Deutschland 1993 Peter Wicke an der Humboldt-Universität, Berlin, der mehrere Standardwerke zur Popmusikforschung verfasst hat und 2016 in den Ruhestand ging. Es kündigt sich zur Zeit, vielleicht auch entsprechend seiner zentralen Funktion in der Popmusikforschung, eine Neuordnung der Popularmusikforschung in Deutschland an.[6] Der Humboldt- Universität angegliedert ist seit 1983 das Forschungszentrum Populäre Musik mit einem umfangreichen Archiv an Texten, oft im Zusammenhang mit Veröffentlichungen des IASPM. Im Westen Deutschlands wurde die Popularmusikforschung hauptsächlich im Rahmen der Systematischen Musikwissenschaft betrieben, so zum Beispiel zuerst von Helmut Rösing, Ekkehard Jost (Jazz) und weiteren. In Lüneburg gibt es inzwischen ein Angebot eines komplett englischsprachigen Popmusikstudiums Popular Music Studies. Im angloamerikanischen Sprachraum ist umgangssprachlich anstelle von Popular music studies auch die Rede von Popular musicology.

Klassiker

Zu Klassikern wurden Dick Hebdiges Subculture: The Meaning of Style (1979, geschrieben 1977/78), Simon Friths The Sociology of Rock (1978), Richard Middletons Studying Popular Music von 1990 und weitere. Im deutschen Sprachraum können Veröffentlichungen von Peter Wicke, Diedrich Diederichsen und anderen genannt werden. Seit etwa dem Millennium kann von Klassikern kaum noch die Rede sein, weil die Masse an Veröffentlichungen eine entsprechende Vielfalt von Ansätzen hervorbringt.

Internet

Die Geschichte der Popularmusikforschung im Internet beginnt wahrscheinlich mit Eintragungen bei der Wikipedia und Blogs. Die Server der Universitäten sind in den meisten Fällen zum Teil zugänglich, andere wieder verlangen eine Authentifizierung und befestigen das Konzept des wirtschaftenden Elfenbeinturms. Das übliche Argument ist der Schutz der Studenten. Diverse Internetplattformen in Deutschland beschäftigen sich mit Popmusikforschung, zunächst Seiten bei der deutschen Wikipedia und der Indiepedia. Alle Inhalte, die ein Popmusikstudium ausmachen, können heutzutage aus dem Internet zusammengetragen werden. Die Universitäten präsentieren sich derart als Kontaktschmieden und Ausbildungs- und Jobschmieden für nachkommende Generationen. Sie leisten darüberhinaus eine Strukturierung der Lehrinhalte und liefern die Nachweise für Lebensläufe.

Zeitschriften und Periodika

Aus dem Kreis der Kritiker (damals besonders der Spex) haben sich Redakteure, besonders Diedrich Diederichsen, mit Veröffentlichungen zur Popmusiktheorie und Kulturtheorie hervorgetan. Ebenso die Testcard, die seit 2003 auch als Verlag für Veröffentlichungen der GfPM fungiert. Bei der Anthologie testcard des 1999 gegründeten Mainzer Ventil Verlags läuft Musikwissenschaft indes unter Kulturwissenschaften, die Veröffentlichungen zeigen eine deutliche medienwissenschaftliche Tendenz. Zu den Veröffentlichungen des Verlags gehören die Beiträge zur Popularmusikforschung, die seit 1986 und seit 2003 hier erscheinen, Texte zur Populären Musik, Studien zur Popularmusik (beide GfPM), Sound Studies und Musik und Klangkultur. Online: Samples (seit 2002).[7] Die Testcard erschien zum erstenmal 1995 unter dem Titel Pop und Destruktion mit Beiträgen von Martin Büsser, Johannes Ullmaier und Jochen Kleinhenz. Aus dem Betrieb des Forschungszentrum Populäre Musik der Humboldt-Universität erschien das Popscriptum 1 1992, Sound, Sex und Sexismus (Popscriptum 12) 2016.

Kritik

Popmusikforschung an den Universitäten hat mit dem Ruch des Uncoolen und Akademisierten zu kämpfen, das in den Szenen oft nicht erwünscht ist. Die Gegenüberstellung wird teils aufgehoben durch Verlage, die sich auch für Erkenntnisse aus Studienrähmen interessieren, so die Testcard-Reihe, und Einlassungen aus dem Kreis von Kritikern, so Diedrich Diederichsen und weitere.

Studiengebühren

Studiengebühren wurden 2006 von vielen Universitäten eingerichtet, mit den Jahren aber nach und nach wieder abgeschafft. Ein Popularmusikstudium ist damit 2017 gewöhnlich gebührenfrei, soweit es sich nicht um Sonderstudienfälle handelt (Senioren, Zweitstudium, usw.).[8]

Einzelnachweise

  1. Der Konflikt zwischen der Gattung Popmusik und der Popmusik als nicht nur der Populären kommt hier zum Ausdruck, wie auch die Gegenüberstellung Pop und Rock im Rahmen der Populären Musik.
  2. Es ist jedoch auch ein Mangel an Analyseinstrumenten und Visionen zu bemerken.
  3. Tobias Marx – Musiker unter sich: Kohäsion und Leistung in semiprofessionellen Musikgruppen (2017) [1] Kapitel Popularmusikforschung bei google.books
  4. ebd.
  5. Helmut Rösing zur Auseinandersetzung: ASPM / GfPM – persönliche Erinnerungen an die Anfänge (2014), in der Jubiläumsbroschüre der GfPM [2] PDF bei der GfPM
  6. Neuordnung: Tobias Marx – Musiker unter sich: Kohäsion und Leistung in semiprofessionellen Musikgruppen (2017) [3] Kapitel Popularmusikforschung bei google.books
  7. Samples [4] bei aspm-samples.de
  8. Aktuelle Übersicht Studiengebühren in Deutschland [5] bei studis-online.de

Weblinks

  • Homepage [6] beim IASPM D-A-CH
  • Homepage Gesellschaft für Popmusikforschung e.V. [7] bei popularmusikforschung.de
  • Homepage [8] beim Ventil-Verlag
  • Artikel Musicology, Abschnitt Popular music studies [9] bei der en.wiki