Nischenkultur: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Bild:Nischenkultur_DWDS.jpg|thumb|520px|Screenshot DWDS Verlaufskurve Nischenkultur – Basis: DWDS-Zeitungskorpus im Digitalen Wörterbuch, 1945 bis 2018.]]
'''Nischenkultur''' ist ein Begriff, der einen Zustand beschreibt, der im Rahmen einer Gesellschaft Freiräume für Szenen und Subkulturen vorweist, die zumeist im Anschluss an stark polarisierte Gesellschaften möglich werden. Der Begriff ist eine Mitte der [[1980er]] Jahre aufgekommene Neuprägung und bezeichnet besonders die bundesdeutsche Gesellschaft nach dem Kalten Krieg bis zum Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts.
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'''Nischenkultur''' ist ein Begriff, der einen Zustand beschreibt, der im Rahmen einer Gesellschaft Freiräume für Szenen und Subkulturen vorweist, die zumeist im Anschluss an stark polarisierte Gesellschaften möglich werden. Der Begriff ist eine Mitte der [[1980er]] Jahre aufgekommene Neuprägung und bezeichnet besonders die [[Deutschland|bundesdeutsche]] Gesellschaft nach dem Kalten Krieg bis zum Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts.
  
 
Der Begriff der Mikrokultur steht dem Begriff nahe. Beispiele für Nischenkulturen sind viele der [[Independent]]szene zugeordnete Klein- und Kleinstszenen. Seit dem Beginn der zweiten Dekade sind Nischenkulturen wieder rückläufig und eine allgemeinere Polarisierung der Szenen ist zu beobachten, die sich auch wieder mehr an politischen Themen orientiert.
 
Der Begriff der Mikrokultur steht dem Begriff nahe. Beispiele für Nischenkulturen sind viele der [[Independent]]szene zugeordnete Klein- und Kleinstszenen. Seit dem Beginn der zweiten Dekade sind Nischenkulturen wieder rückläufig und eine allgemeinere Polarisierung der Szenen ist zu beobachten, die sich auch wieder mehr an politischen Themen orientiert.

Version vom 14. Juli 2019, 15:09 Uhr

Screenshot DWDS Verlaufskurve Nischenkultur – Basis: DWDS-Zeitungskorpus im Digitalen Wörterbuch, 1945 bis 2018.

Nischenkultur ist ein Begriff, der einen Zustand beschreibt, der im Rahmen einer Gesellschaft Freiräume für Szenen und Subkulturen vorweist, die zumeist im Anschluss an stark polarisierte Gesellschaften möglich werden. Der Begriff ist eine Mitte der 1980er Jahre aufgekommene Neuprägung und bezeichnet besonders die bundesdeutsche Gesellschaft nach dem Kalten Krieg bis zum Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts.

Der Begriff der Mikrokultur steht dem Begriff nahe. Beispiele für Nischenkulturen sind viele der Independentszene zugeordnete Klein- und Kleinstszenen. Seit dem Beginn der zweiten Dekade sind Nischenkulturen wieder rückläufig und eine allgemeinere Polarisierung der Szenen ist zu beobachten, die sich auch wieder mehr an politischen Themen orientiert.

Hintergrund

„Im Unterschied zu einer Subkultur oder Parallelkultur ist eine Nischenkultur nicht gegen die herrschende Kultur offen oder subversiv bestimmt, sondern ein gegen die Wirklichkeit der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse abgeschotteter Lebensraum [...] Sie will inhaltlich die gesellschaftliche Kultur von sich ausgeschlossen verstehen und sich auf die Form einer alternativen Kultur zurückziehen ...“[1]

Nischenkulturen weisen für Einzelne und kleinere Szenen oft ebenso paradiesische Zustände wie Regressionen aus. Ein gewisser Narzissmus ist Merkmal der Teilhaber an einer Nischenkultur und repräsentiert für Wolfram Pfreundschuh den Versuch der Selbstveredelung. Pfreundschuh kommt zum Schluss: „In einer Nischenkultur ist die Negation nicht mehr begreifbar, die solche Kultur zur Grundlage hat und auch in sich erhält ...“[2] Infolge sind die Teilhaber einer „verdoppelten Unwirklichkeit“ ausgesetzt. Das Paradiesische an Nischenkulturen lässt sich auch durch den Anspruch an eine immer weiter aus dem Moment zu schöpfende Reihe unbegrenzter Kopplungen und Ableitungen rekonstruieren. Repolarisierungen als Reaktionen auf die Unübersichtlichkeit der kulturellen Vielfalt und der damit verbundenen Orientierungslosigkeit, wie sie seit Beginn der zweiten Dekade dieses Jahrhunderts vorzufinden sind, liegen nicht fern.

Arnold Illhardt stellt fest, dass Nischenkulturen auch als „soziales Korrektiv als Prophylaxe gegen ideologische Gleichschaltung“ verstanden werden können.[3] Er hinterfragt Sinn und Zweck von Aktionen und Szenen.

Wie Subkulturen sind Nischenkulturen als quantitativ bzw. hierarchisch noch weiter untergeordnete Form Teil des gesellschaftlichen Underground. Sie zeichnen sich aber weniger durch Protestformen als durch die Umgehung von Gegenüberstellungen aus und definieren, soweit möglich, ihre eigenen Spielräume. Ambtionen in Richtung Gesamtgesellschaft liegen fern. In diesen Szenen, die sich oft diversen Moden oder Musiken anschließen, ist die Übungsraummentalität stark ausgeprägt. Partys finden, wie es die 1990er Jahre gelehrt haben, auf Baustellen oder in stillgelegten Fabrikhallen und Ähnlichem statt und werden zuweilen kurzfristig über Mailinglists bekanntgegeben. Im Vordergund steht ein gezügelter Hedonismus. Anything goes ist verpflichtend, Referenzen auf gesamtgesellschaftliche Debatten werden, wie auch die Frage nach Sinn selbst, sanktioniert. Strömungen und Massenereignisse werden abgelehnt oder am Rande belächelt. Nischenkulturen beziehen ihre Inspirationen oft aus einer Vielfalt an Subkulturen und Kulturen. In der Regel finden sich Teilhaber solcher Szenen mit der Zeit und fortschreitendem Alter in der bürgerlichen Mitte ein.

Nischenkulturen ist oft daran gelegen, sich frei von öffentlichen Förderungen oder Geldgebern aus der Wirtschaft zu entfalten. Involvierungen der öffentlichen Hand werden als uncool betrachtet, die Wirtschaft als Korruptionsfaktor. Eigene Clubs und Diskotheken oder regelmäßige Partys werden vor einer breiteren Öffentlichkeit geheimgehalten. Die muskalischen und künstlerischen Aktivitäten, Produktionen und Produkte werden dagegen auch auf dem Markt vertreten.

Trivia

  • Was die Verhältnisse in der ehemaligen DDR betriftt, wird der Begriff oft im Zusammenhang mit Kleingärten und dem Rückzug ins Private als „Auszeit von Staat und Bevormundung“ in Zusammenhang gebracht.[4]
  • Die Weimarer Republik sollte ebenfalls Züge von Nischenkulturen aufgewiesen haben.
  • Den Begriff gibt es auch in der Agrarindustrie, was den Anbau vormals exotischer Nahrungsmittel wie Soja, Quinoa usw. betrifft.

Einzelnachweise

  1. Wolfram Pfreundschuh – Eintrag Nischenkultur (2018) [1] bei kulturkritik.net
  2. ebd.
  3. Arnold Illhardt – Nischenkultur. Kulturelle Nebenschauplätze als soziales Korrektiv (2018) [2] bei querzeit.org
  4. Autor unbekannt – Alltag und Nischenkultur (2011) [3] beim mdr

Weblinks

  • Chris Anderson – Von der breiten Masse zur Nischenkultur. Wie entsteht der "Rattenschwanz"? (2007) [4] bei der Welt. Nischenprodukte am Markt.