KORG MS-Serie

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Der KORG MS-20 (1978-1984) ist ein spannungsgesteuerter (CV/Gate) analoger monophoner sowie halbmodularer Lead- und Basssynthesizer und war das Flaggschiff der MS-Serie der Firma KORG.[1] Wie beim MS-10 entspricht das augenfällige Metallgehäuse von der Form her dem Oberteil eines Zimmerklaviers, wobei das Steckfeld frontal rechter Hand neben der Anordnung der Drehpotentiometer über die Tasten gebaut ist.[2] Die Billigtastatur umfasst drei Oktaven.[3]

Geschichte

Das logische Design der Festverdrahtung ansich eigenständiger Module unter einem Gehäuse mit dennoch patchbaren Umgehungen (über die Patchbay, Steckfeld) wurde in den späten 1970er Jahren für den ARP 2600[4] entwickelt und kam auch bei der MS-Serie zur Ablösung der großen Modularsysteme der 70er[5] zur Anwendung. Die Serie sollte ebenso als abgespeckte Nachfolgervariante der großen PS-Synthesizer auf den Markt gebracht werden.[6]

Ebenfalls 1978 erschien mit dem Prophet-5 der erste erschwingliche mikroprozessorgesteuerte polyphone Synthesizer von Sequential Circuits, der zwar dreimal so teuer wie der MS-20 war (der bei Markteinführung 1.200 DM kostete) aber die Aufmerksamkeit von Musikern und Industrie als bahnbrechende Erfindung des Jahres fesselte. Zwei Jahre nach Einstellung des MS-20 wurde dann das erste digitale Übertragungsprotokoll (MIDI) vorgestellt, wodurch die CV/Gate also steuerspannungsabhängige Steuerung der MS-Serie weitgehend obsolet wurde. Im Laufe der 1990er Jahre wurden externe (im Gehäuse), dann auch interne (als verschraub- und verlötbare Platinen) Midi-Interfaces vorgestellt, mit denen analoge Synthesizer nachgerüstet werden konnten, vom MS-20 gibt es viele dieser midifizierten Versionen.

Technisch

Die Transistoren für die MS-Reihe wurden nicht selektiv eingekauft, das heißt, es wurden auch und vor allem billige und einfache Importchips eingesetzt, um eine Art Volkssynthesizer, einen ARP 2600 fürs Volk zu erschwinglichen Preisen anzubieten.

Der MS-20 verfügt über zwei spannungsgesteuerte Oszillatoren VCOs, die neben den üblichen Wellenverläufen Noise, Sägezahn oder Kippschwingung (Tendenz Streichinstrumente) und Puls (auch Zinne oder Rechteck genannt; Tendenz Holzblasinstrumente) auch als Dreieck (Tendenz Flöten) angelegt sind. Hinzu kommt ein Rauschgenerator (weiß und rosa, bzw. hart und weich). Desweiteren ein langsam schwingender Oszillator LFO, der mittels unterschiedlicher Wellenformen die VCOs beeinflussen und verändern kann. Zwei spannungsgesteuerte Filter VCFs, die zur viergliedrigen Hüllkurve hin verlaufen, können als Tiefpass (die Bässe dürfen passieren), Hochpass (Höhen), Notch (Mittenbegrenzung) oder BandReject (Band-/Mitten-Sperre, Tendenz in die Bässe) – Filter voreingestellt werden. Zwei spannungsgesteurte Verstärker (VCAs) am Ende der Schaltungen ermöglichen ein Sample and Hold mit einer Hüllkurvenverfolgung (ADSR, vierteilige Envelope), der Envelope Follower ist ein Messwandler, der Audio- in Steuersignale übersetzt (wobei zum Beispiel – bedingt auch durch die billigen Transistoren – Ungenauigkeiten entstehen können). Mit ihm kann die Lautstärke des Ausgangssignals so reguliert werden, dass sich unterschiedliche Beträge der Einwirkung der eingestellten Envelope ergeben und die Mikrodynamik bei der Klangsynthese betreffen. Die MS-Reihe verfügt über eine zweite Hüllkurve, einen nur zweiteiligen Anschwing- / Ausschwingverlauf (AR), bei dem die Verhältnismäßigkeit über ein vorgelagertes Delay geregelt wird.[7]

Modulationsarten

Ringmodulation – eine Ringschaltung zwischen den beiden VCOs[8] Anmerkungen zu Modulationsarten als Bilddarstellungen
Amplitudenmodulation – die Amplituden werden kleiner und größer[9]
Frequenzmodulation – die Amplitudenabstände werden länger oder kürzer[10]
Phasenmodulation – Veränderung der Periodendauer, indem die Phasen durch ein anders schwingendes Modulationssignal in regelmäßigen Abständen moduliert werden[11]

Klangsynthese, Besonderheiten

Mehr noch als der MS-20 wird der KORG MS-10 (mit nur einem Oszillator) wegen seiner Filter geschätzt. Bei Eigenresonanz entsteht ein krasses Pfeifen im Gegensatz zum üblichen Hintergrundsäuseln anderer Synthesizer mit instabilem Obertonverhalten, dieses grundsätzlich disharmonische Designdetail vereinfacht den Umgang mit den erzielten Obertonreihen etwas, es ist von vornherein toleranter und gleichzeitig trashiger.[12]

"Die Qualität der Filter ist unterirdisch schlecht, da die Bauteile nicht selektiert wurden. Daraus folgt, dass der Q-Faktor (Verstärkung im Frequenzbeschneidungspunkt) niedrig ist und die Filter nicht hochwertig selektiv arbeiten. Dafür pfeifen sie schon bei geringen Q-Werten [Q = Emphase]."

Dirk Matten bei amazona[13]

Eben diese trashigen Filter machen heutzutage viel vom eigentlichen Kultwert der MS-Serie aus. Störanfällig sind die Signale auch durch Rauschen (das besonders bei langen oder schlecht abgeschirmten Kabeln hinzukommt)[14] und Probleme bei der Linearisierung und Verstärkung der Signale während der Messumformungen. Die MS-Serie ist nicht besonders stimmstabil, die Potentiometer reagieren auch nicht immer stabil, oft betrifft das auch das Grundtonverhalten, was den Umgang mit dem MS-Serie aber reizvoll machen kann. Der MS-20 klingt im Vergleich ein wenig nähmaschinenhafter, der KORG MS-10 mit nur einem VCO etwas „steiniger“ (Klaus Kotai, Elektro Music Department). Der KORG MS-50 ist die Luxusvariante als Expander, das heißt ohne Tastatur und mit mehr Möglichkeiten. Vermutlich alle Ausführungen haben ein typisch metallisches Sounddesign. Eine Art seriöses Röhren kann zuweilen attestiert werden. Die Filter der MS-Serie sind in vielen Clones und Nachfolgeprodukten von KORG nachempfunden oder wurden wieder eingesetzt, so zum Beispiel beim KORG-Pseudo-Stylophon Monotron (mit dem Original-MS-10-Filter und Audio In zum Nur-das-Filter-verwenden, wie auch der Duo-Monotron) oder beim etwas größeren Monotribe.

Emulationen

Im Jahr 2000 kam die erste virtuell-analoge Software-Emulation unter dem Namen KORG MS-2000 auf den Markt, eine vierstimmige Software,[15] später ein 32stimmiger MS-20 im Rahmen der KORG Legacy Collection (2004-2010), einer Softwaresammlung der kultigsten KORG Synthesizer mit einem Midicontroller, fast so groß wie der Original MS-20 und genau nachdesignt, nur eben ohne Innenleben und aus Plastik, auch eine lustige Art der Bedienung, wie es heißt (Digital Edition). Die Analogue Edition (ab 2007) kam dann ohne den Midicontroller zu einem deutlich niedrigeren Preis. Die Legacy-Emulationen sollen aufgrund der aktuellen KORG Component Modeling Technology CMT, bei der laut KORG auch Eigenheiten der Transistoren usw. berücksichtigt wurden, klanggenau repräsentiert sein, ein Direktvergleich müsste vielleicht etwas weniger Druck konstatieren.[16] Sie sind heutzutage nur noch 2nd Hand und auch so kaum erhältlich. Sie funktionieren Standalone sowie als VST- (Cubase und Ableton Live, Pro Tools) und AU- (Logic) PlugIns.[17] Auch als Reason- (Propellerhead) Soundbank gibt es MS-20 Sounds (ReFill). Für das iPad erschien eine um viele Funktionen erweiterte Version, die zwar nicht mit anderen Apple-Betriebssystemen kompatibel ist, aber über USB mit dem Midicontoller der Digital Legacy Collection gespielt werden kann, KORG iMS-20 (seit Ende 2010).[18] Für die Nintendo Playstation DS gibt es den KORG DS-10, der über eine andere Ausstattung verfügt.[19] Der 2013 erschienene KORG MS-20 Mini soll sich im Ergebnis doch etwas weiter entfernt von den Möglichkeiten des Originals befinden, ein hohes Grundrauschen wird konstatiert.[20]

Trivia

Der KORG Analogstepsequencer SQ-10 (2x12 Steps) entspricht im Design der MS-Serie, für deren Steuerung er ursprünglich entwickelt wurde. Den MS-20 gibt es auch in einer Sonderausführung mit Holzverkleidung. Vom MS-20 wurden insgesamt 20.000 Exemplare gebaut, vom MS-10 10.000.[21] Die Namen der Entwickler sind Herr Mieda und Herr Mori.[22] Der Gebrauchtpreis Mitte der 90er Jahre lag bei 600 DM für die einfache Version des MS-20, für die midifizierte bei etwa 850 DM. Heute (2015) liegt der Gebrauchtpreis bei etwa 1.000 - 1.500 € je nach Zustand. Der MS-10 kostete zu der Zeit etwa 350 DM, heute etwa 500 €.

Interpreten

Grundtonhaft mittige Serpentinenschleifen aus der MS-Reihe bringt die Postpunk-Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft, wie auch viele New Wave Bands ihre Oktavostinati vom MS-10 / MS-20 haben spielen lassen. Im Anschluss an DAF dann Elektro Music Department (mit 808) und viele andere.[23] Während der sogenannten Retrophase Anfang der 90er Jahre wurden MS-10 und MS-20 oft verwendet, der spezifische Klang steht fast schon stellvertretend für die analoge Musik jener Zeit. Was den Kultstatus analoger Instrumente angeht, teilt sich die KORG MS-Reihe hier kaum anfechtbar den ersten Rang mit den gut zu ihm passenden Drummaschinen Roland TR-808 und 909, dem Basslinegenerator (in anderen Zusammenhängen der Zwitschermaschine) Roland TB-303 und vielleicht noch der Roland SH-202.

Klangbeispiele

Einzelnachweise

  1. Die Tonerzeugung und -modulation ist analog. Analog bedeutet, dass die Klänge theoretisch fließend gelesen werden können und auch, dass sie nicht (digital als Koordinaten) gespeichert werden können. Monophon bedeutet, dass immer nur ein Ton gespielt werden kann, Gate bedeutet, dass das Signal fließt, solange der Ton gehalten wird und nicht ein einmaliger Triggerimpuls nur als an gegeben wird. Halbmodular, dass ansich eigenständige Module in einem einzigen Gehäuse festverdrahtet wurden.
  2. Abbildung der Patchbay: [1] bei der de.wiki
  3. Das Klappern der Tastatur kann zwar behoben werden, indem Filze und Gummis angebracht werden, dafür gibt es unterschiedliche Anleitungen Online. Die Tasten sind aber auch wie üblich für die Zeit miserabel gewichtet, aus billigstem Plastik und demotivieren deutlich jedes Tastenspiel am MS-20.
  4. ARP 2600 [2] bei Vintage Synth, zur Markteinführung etwa 6.000 DM
  5. Große Modularsysteme der 70er sind zum Beispiel die SynLab Systeme [3] hier bei Sequencer.de
  6. Hier kommen „die Kolosse“ – die ähnliche PS-Vorgängerserie [4] bei amazona
  7. Bild von der Reglersektion mit den beiden Hüllkurven usw. [5] bei der de.wiki
  8. Abbildung und Nachbauanleitung für MS-20 Clones mit Platinenabbildungen und Schemata [6] MS-20 Ringmodulator zum Selberbauen bei Analog-synth.de
  9. vgl. Bilddarstellungen AM vs FM [7] bei JJ Gifford
  10. siehe vergl. Bilddarstellung AM vs FM, ebd.
  11. PM analog Bilddarstellung [8] bei Thefreedictionary.com
  12. Ein MS-20 Pattern Beispiel mit und ohne das typische Resonanzverhalten des MS-20: KORG MS-20 [9] bei amazona, kurze Online-MP3s, scroll
  13. ebd.
  14. Manchmal ist auch die Rede von Streuungen unter der Hülle.
  15. Promotionvideo für den MS-2000 [10] bei Youtube
  16. Darstellung der CMT-Technologie bei KORG: „Analog eben!“ [11] bei KORG, scroll
  17. Der KORG MS-20 als Teil der Legacy Collection bei KORG [12] und bei Vintagesynth: [13]
  18. iMS-20 fürs iPad [14] bei KORG Products
  19. DS-10 Tutorial: Super Mario Bros auf der Nintendo Playstation DS [15] Video bei Youtube
  20. Artikel MS-20 Mini (2013) [16] mit „K.O.-Faktor“, Kundenbewertung bei Thomann
  21. Dazu im Vergleich wurden von der PS-Vorgängerserie zwischen 50 und 100 Stück weltweit gefertigt.
  22. KORG MS-20 [17] bei amazona
  23. Eine Liste von Musikern, die den MS-20 verwendet haben: [18]. DAF mit ihrer minimalistischen Freigestellter-MS-20-Ästhetik fehlen bei Synthmuseum.com

Siehe auch

Equipment, Elektronische Musik, Elektronische Tanzmusik, Roland SH-202, Roland TB-303, Roland TR-606, Alesis QuadraVerb, Novation BassStation, Doepfer MS-404, Roland TR-808

Weblinks

  • KORG Homepage [22]] bei KORG
  • Bedienungsanleitung Englisch [23] bei Synthfool, PDF
  • Anleitung zum Bau eines MS-20 Clones [24] bei Analog-synth.de
  • MS20 mit vielen Abbildungen [25] bei Sequencer.de
  • Theo Bloderer (2012) – MS-20. Die semi-modulare Revolution [26] bei Greatsynthesizers.com

Links im Juli 2017.