Vinyl

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Mehr Spaß mit Schallplatten: Rechts der Tonarm eines riemengetriebenen Plattenspielers, links unten die Rillen einer Vinyl Lp, im Zentrum ein großer Wecker gegen die Langeweile...

Vinyl ist chemisch gesehen die Kurzform von Polyvinylchlorid (Kurzzeichen PVC), seit dem sogenannten Vinylrevival („Rettet das Vinyl!“) wird das Wort von Liebhabern umgangssprachlich auch für Schallplatten verwendet. Abspielgeschwindigkeiten sind 33⅓, 45 und 78. Wird eine Langspielplatte auf 45 U/min abgespielt, dann wird sie damit um etwa eine Quarte hochgepitcht. Das meistverkaufte Album auf Vinyl aller Zeiten ist Michael Jacksons Thriller von 1982, die meistverkaufte 12" ist New Orders Blue Monday von 1983.

Allgemein

Schallplatten werden seit 1948 aus PVC hergestellt, davor waren sie aus Schellack. Obwohl durch die Einführung der CD (Compact Disc) 1983 die Verkäufe und Produktionszahlen von Schallplatten stetig sinken, ist Vinyl nicht nur in der DJ-Szene Objekt der Begierde Nummer eins – besonders wenn es sich um rare Sonderpressungen handelt. Vinyl wird mit etwa 120 Tonnen Gewicht von einer Presse verarbeitet.[1][2] Wenn man ein Vinyl zwischen zwei Händen ein wenig hin und herflattern lässt, dann kann man haptisch und auch akustisch die Qualität der Schallplatte einschätzen. Der beste Standard ist die 180 Gramm Luxusedition, danach kommen 150 (selten) und 120 (oft) Gramm. 120 Gramm klingen noch ganz gut, wenn man aber eine Platte auf 80 Gramm erschüttelt, dann ist die Tonqualität und schnell auch das Knistern oft etwas nervig. Mehr- und Längerveröffentlicher unter den Musikern haben es gewagt, bis zu 26 und mehr Minuten auf eine Seite zu pressen. Das schränkt die Dynamik dadurch ein, dass die Rillen sehr dicht zueinander verlaufen, die Nadel, wenn sie ein wenig abgenutzt ist, springt schneller und die Platten klingen auch nicht besonders gut. Eine der längsten Spielzeiten beinhaltet 90 Minutes with Arthur Fiedler and the Boston Pops auf 90 Minuten und Bob Dylans Desire, bei dem eine Seite fast 30 Minuten in Anspruch nimmt. Die LP Previn Plays Gershwin mit dem London Symphony Orchestra überschreitet auf beiden Seiten die 30 Minuten. Manche Presswerke kaufen offenbar billiges Vinyl, das ist zumeist mit Papieretikettresten versehenes recycletes Material aus Einstampfungen, reines Vinyl ist teurer.[3] Bei einer 12" liegt die sogenannte EP / Mini-LP Grenze zwischen acht und zwölf Minuten, ab 12:01 min. kann auch das Mastern teuerer werden. Die Abspielgeschwindigkeit spielt eine zentrale Rolle, audiophile Pressungen können, aufgrund der höheren Abspielgeschwindigkeit, auch bei längeren Spielzeiten als 45er besonders die Höhenbereiche sauberer wiedergeben, ohne dass allzuviel Lautstärke in den Bässen verloren geht. Es ist also zuweilen weniger der Rillenplatz als die Abspielgeschwindigkeit für die Qualität eines Schnitts und einer Pressung interessant. Wenn das Vinyl ein wenig gegen das Licht gehalten wird, können die Frequenzverläufe (Höhen, Bässe, auch Dynamik und so weiter) deutlich gesehen werden, bei Schallplatten zum Beispiel ganz ohne Etikett ist das oft die einzige Möglichkeit, herauszufinden, um welche Seite es sich handelt. Auch bei Dunkelheit, wenn das Etikett nicht richtig lesbar ist, kann das Vorgehen hilfreich sein.

Restauration alter Schallplatten

Wegen ihrer langen Haltbarkeit und bei entsprechender Pflege auch Wiedergabequalität dienen Vinylschallplatten oft auch als Ersatz für beschädigte oder verlorengegangene Mastertapes. Die Störgeräusche älterer Schallplatten lassen sich durch spezielle Laserplattenspieler oder Klangrestaurationssoftware fast vollständig eliminieren. Seit den 80er, 90er Jahren gibt es das Verfahren des Nassabspielens, das aber zum Teil zu einem Suchtverhalten des Materials führen soll, das bedeutet, dass die Platten, die mit einer flüssigen Substanz abgespielt werden, die danach zum Teil antrocknet, nicht mehr trocken abgespielt werden können. Auch sonst ist die Angelegenheit ein sehr sensibles Verfahren. Manche reinigen ab und zu ihre Platten mit eigens zugelegten Plattenwaschmaschinen, das kann anscheinend für manche durchaus empfohlen werden. Schallplattenwaschmaschinen gibt es ab etwa 50 € bei 2nd Hand Anbietern oft auch neu.

Sonderpressungen

Vinyl lässt sich in vielen unterschiedlichen Formen pressen, Sonderpressungen bieten viele Presswerke für Aufpreise an.

  • Die Goldene Schallplatte ist eine limitierte Sonderauflage, die Farbe muss man sich erst verdienen, bevor man sie benutzen darf (ebenso wie Silber und Platin). Sie wird goldähnlich in einem aufwändigen, chemischen Verfahren beschichtet, oder es wird eine „Mutter“ aus Kupfer oder anderem Edelmetall mit 24 Karat vergoldet.
  • Kontrollvinyl ist entweder mit einem Timecode SS|MM|SS bespielt, der die absolute Position des Tonarms sozusagen Echtzeit an einen A/D - Wandler und ein Laptop übermittelt, wo eine spezielle Software die digitalen Files synchron zu den (beiden) Platten(spielern) steuert und ans Mischpult ausgibt. Oder es wird eine sogenannte Noisemap abgespielt, die „timecodefrei“ genannt wird (vgl. Digitales Vinyl System).
  • Auf vielen Veröffentlichungen insbesondere im Technosektor sind Linernotes zwischen den Auslaufrillen eingekratzt. Manche Masterstudios und auch Presswerke hinterlassen hier handschriftlich ein Kürzel. Jede Band und jeder Act kann zwischen den Auslaufrillen normalerweise Einkratzungen mit speziellen Botschaften usw. vornehmen lassen, das kostet meist auch nichts dazu.
  • Dubplates, Lackschallplatten in geringer Auflage oder als Einzelstücke, können als Sonderpressungen verstanden werden. Die Dubplates der Jamaican Soundsystems sind oft in trashigen Hinterhofklitschen gepresst, mit 2nd Hand Maschinen und billigem Vinyl, die Pressungen werden so nebenbei verfertigt, mit dem, was an Materialien und Möglichkeiten da ist. Manchmal verrutscht auch das Etikett oder es ist nicht ordentlich aufgelegt, sodass die Rillen sich bis ins Papier abspielen lassen (was zusätzlich knistert).
  • White Labels werden von vielen Plattensammlern wie Sonderpressungen behandelt.
  • Lathe Cuts sind selbstgemachte Einzelanfertigungen an Drehmaschinen.[4]
  • es gibt einige Beispiele von Musikern die Platten ganz ohne Etikett und Liner Notes pressen ließen, das kostet Aufpreis bei den Presswerken.
  • Video: Schallplatten aus Schokolade [7] Chocolate Records bei Youtube
  • es gibt inzwischen ein Schellackplattenrevival in dessen Zuge Schellackplatten als Sonderpressungen aufgetaucht sind. Die Schellackszene ist besonders im Country und frühen Rock'n'Roll aktiv.
  • die ersten 10"s aus Vinyl (nicht Schellack) wurden als Sonderpressungen verstanden.
  • ebenso die Verwendung farbigen Vinyls (Coloured Vinyl, Colored Vinyl).
  • in den späten 80ern, frühen 90ern erfreute sich die Picturedisc einer besonderen Beliebtheit, da waren Bilder oder Fotos auf der Oberfläche eingedampft, was aber eine sehr schlechte Pressqualität ergab. Deshalb wird das nicht so gern gemacht.
  • besonders im Heavy Metal gibt es die Shaped Single, die ist nicht rund, sondern in beliebiger Form gepresst, das betrifft den Rillenverlauf nicht.
  • bereits in den 70er Jahren gab es als Beigabe zu Zeitschriften die besonders dünne Flexi-Disc (als 7"), so zum Beispiel Xenakis-Schallplatten als Beigaben zur Zeitschrift Hör zu.[5]
  • Die Punk / Postpunkband Die Tödliche Doris hat acht Miniphonplatten (4", coloured) mit Abspielgerät, Batterie und Buch in einer Box veröffentlicht. Chöre & Soli (Pure Freude, 1983 / Reissue auf Gelbe Musik)[6]
  • Die Punkband Tab Hunter hat eine 5" Single pressen lassen – Jerk off (Voodoo Rhyhtm, 1997)
  • Bei einer Gimmick-Compilation des Tübinger Labels Music Maniac Records wurde eine Doppel 12" auf transparentem Vinyl mit zwei parallel laufenden Rillen pro Seite gepresst. Beim Auflegen ist es mehr oder weniger Zufall, welches Stück abgespielt wird (1989).
  • Napalm Death haben eine Flexidisc veröffentlicht, bei der auf einer Seite allerlei Zeichnungen auf dem Vinyl eingekratzt erscheinen, die B-Seite ist leer. Sie ist selbstverständlich nicht abspielbar (Label unbekannt). Außerdem zusammen mit den Electro Hippies eine Splitsingle (You suffer but why!), die als kürzeste der Welt gilt – etwa ein bis zwei Sekunden, wenn der Ausklang ganz abgewartet wird. Es handelt sich nicht um eine Endlosrille, sondern zwei bis drei Umdrehungen je 1,33 Sekunden (Anfang der 90er, Label unbekannt).
  • Der Detroit Techno-Act Drexciya hat eine 12" pressen lassen, bei der die B-Seite (Drexciya – Sea Snake) von innen nach außen läuft.
  • Thomas Brinkmann hat 1978 bereits die Idee gehabt, Auslauf- oder Endlosrillen, das sind Rillen die wie ein geschlossener Kreis gepresst sind und bei einer 12" bei 133 bis 134 Beats Per Minute looptreu rund laufen, mit einem Messer zu bearbeiten und dann „wie einen manuell programmierbaren Sequenzer“[7] zu behandeln.
  • Patrick Pulsinger hat wie es oft zu der Zeit üblich war, 1995 mit Porno (Disko B) eine Doppel 12" veröffentlicht, die viele Endlosrillen enthält, zwischen manchen ist viel ungenutzte Vinylfläche als deutliche Aufforderung zum Weitersetzen des Tonarms und fürs schöne Aussehen.
  • Sha La La Flexis erschienen üblicherweise im 6,5"-Format.
  • Das Paul-Cocksedge-Designstudio in London bietet auf ausgewählten Schallplattenbörsen die Möglichkeit, erhitzte Vinylscheiben in eine zeitlose Trichterform zu verwandeln, die dem Passivlautsprecher eines alten Grammofons sehr nahe kommt.
  • Doppel- und Mehrfach LPs zählen nicht zu den Sonderpressungen, es muss schon mit dem Pressvorgang als solchem zu tun haben. Im Artikel der de.wiki – Schallplatte sind weitere ansprechende Sonderformen und Hintergründe aufgelistet.[8]

Einzelnachweise

  1. Eine solche Hydraulikpresse ist oft nicht besonders groß und wenn man von einem Plattenpresswerk spricht, dann kann man sich auch einen Zweimannbetrieb darunter vorstellen. Eine Hydraulikpresse plus ein Backstock von Material kann 2nd Hand je nach Qualität für vielleicht etwa 80 bis 100.000 € erworben werden, diese Presswerke sind aber nur sehr selten auf dem 2nd Hand Markt erhältlich.
  2. Beispiel eines netten kleinen Vinylrevival-Presswerks [1] Hear The Sounds
  3. Jazzschwelger, Cock- und Krautrocker gehören oft zu Langzeitverbrechern, was die Länge ihrer Stücke angeht.
  4. Hackerboards – So I built a record lathe to cut my own records (2013) [2] bei Youtube
  5. Marcus SchmicklerUeber Elektronische Musik / On Electronic Music (2007) [3] min. 24:40 bei Vimeo, Uploader: Institut Fuer Musik Und Medien
  6. Chöre & Soli [4] bei Discogs
  7. Thomas Brinkmann [5]] in der De:Bug, 18. Juli 2002
  8. Artikel Schallplatte [6] de.wiki

Weblinks

  • Anonym – Eine Platte macht die Runde. Vinyl feiert ein Comeback und macht Musik wieder anfassbar. [8] ausführliches Gespräch mit Holger Neumann von der Pallas-Group Diepholz, Europas erstem Vinylhersteller bei der Osnabrücker Zeitung
  • Artikel Schallplatte [9] de.wiki
  • Bildergalerie [10] Zeit.de
  • Nicolay Ketterer – Praxiswissen: Vinyl-Produktion, Teil 1. Mythos und Trend Vinyl – was Sie wirklich über das Medium wissen müssen (2014) [11] die Schritte beim Mastering im Einzelnen und ausführlich bei myownmusic.de