Trash

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Trash (Abfall) ist ein Stilmittel (Technik, Skill oder Fertigkeit) der populären Musik, das spätestens seit Mitte der 1960er Jahre Kontur findet, in vielen unterschiedlichen Stilen verwendet und oft wie ein eigenständiges Genre behandelt wird.

Hintergrund

Neben dem Garage-Rock von Beatles-Coverbands in Großbritannien zu Beginn der 1960er Jahre sind die ersten Ansätze von Trash in der Musik über Andy Warhol und The Velvet Underground in New York zu finden. Als Initialzündung erschien 1963 Richard Berrys Louie Louie von den Kingsmen.[1][2] Eines der bekanntesten Trashstücke der sechziger Jahre ist die 1966 erschienene Version der Troggs von Wild Thing (Original von Chip Taylor): The Troggs – Wild Thing [7] bei Youtube[3][4]

Musik

Während beim Punk auch professionelle Studioproduktionen eine Rolle spielen, nehmen Trashbands alle Instrumente üblicherweise über Mikrofone ab, um ihren je spezifischen Sound besser zu kontrollieren, die Aufnahmen klingen entsprechend rougher und direkter. Bei vielen Produktionen fehlt in der Folge auch ein Masterhall, der die Textur lückenlos und homogen erscheinen lässt.[5] Teuere Klänge und Instrumente werden durch Billiginstrumente, zum Beispiel Rhythmusboxen oder Casiokeyboards ersetzt, der oft tatsächlich auch vorhandene Mangel an finanziellen Mitteln wird affirmativ zur Grundlage der Produktionen und zu einem fast genreprägenden Stilmittel in den unterschiedlichsten Strömungen der Populären Musik erhoben. Oft werden die Aufnahmebedingungen thematisiert, indem anfallende Geräusche aus der Kulisse dokumentiert, zum Teil freigestellt und ungestylt in den Vordergrund gestellt werden, eine Grundhaltung des Ungefähren wird gewöhnlich mit einer Slacker- oder Junkie-Ästhetik verbunden und souverän und in engem Rahmen elaboriert, ohne dabei ausgeklügelt oder etwa manieriert zu wirken.[6] Ornamente gibt es keine, wohl aber Bezüge und Anspielungen auf Ornamente, Gimmicks spielen dabei auch eine Rolle. Mängel bei Produktionen werden als unerheblich entgegen der eigentlich authentischen Gestalt des Trash, der Grundidee eines Songs oder Stücks in einer bestimmten Tradition, eingeschätzt und finden oft unbearbeitet Eingang in die Produktion. Trash enthält auch oft ein humoristisches oder/und ein dominantes Laid-Back-Element, das entweder den Anfängergeist oder die entspannte Grundhaltung zum Beispiel der Drummer (vgl. The Slits) zum Ausdruck bringt. Exaktheit ist ausdrücklich nicht gefragt, ebensowenig wie Perfektionismus. Der Souveränität beim Spiel ist ein weitaus höherer Stellenwert zugeordnet als der Virtuosität, das berührt jedoch nicht die Kenntnis von den Ursprüngen. Jean-Luc Godards Stellungnahme, man müsse Filme mit den Möglichkeiten machen, die man habe, findet sich ebenso wieder.[7]

<– eine der ersten Trashbands: The TrashmenSurfin Bird (1963)

<– Andy Warhols / Paul Morrisseys Trash (1970)

Die Grenzen des „guten Geschmacks“ werden beim Trash gerne affirmativ überschritten und mit Kriterien von Kunst, Literatur und Musik der Beatgeneration kombiniert. Low-Budget ist in diesem Bereich eine Auszeichnung, die von Beginn an bereits auch chartsorientiert und seit Existenz der Spartencharts auch öffentlichkeitswirksam ist. Viele Bands und Acts definieren sich durch den auch für Punk und den frühen Rock'n'Roll typischen Vitalismus.[8]

Eine historische Umwertung von aufwändigen Studioproduktionen zu Trash, wie zum Beispiel beim Trash-Pop, kann erfolgen, wenn der Aufnahmestandard früher oder später überholt klingt oder die Musik eine Zeit mehr oder weniger immanent repräsentiert (zum Beispiel: Jean Michel Jarres Oxygène oder Saturday Night Fever). Was Trash-Pop ist, wird ausschließlich über die zeitliche Distanz geregelt, jedes Stück aus jedem Genre oder Subgenre kommt für eine Umwertung in das perspektivische und konstruiert-retrospektive Genre infrage, es muss also kein einziger Ton erklingen.[9] Anhand der zeitlichen Distanz notiert hier am ehesten der Progress, der seit dem Originalphänomen zu Buche schlägt, die Differenz als historische Erfahrung. Besonders die Avantgarde entwirft oft trashig pionierhafte Ideen des Musikmachens, die in der Folge professionalisiert und ausgearbeitet werden. Folge ist, dass zum Beispiel im Punkumfeld viele Punk-Avantgarde-Bands intuitiv dem Post-Punk zugeordnet werden.

Elektrotrash, Electro Trash

Beim Elektrotrash werden elektronische Instrumente und Samples ebenso rough verarbeitet und oft betont plakativ eingebracht, die Sounds der verwendeten Drummaschinen sind oft unversteckt mit nur wenigen Grundeffekten versehen, die ihrerseits nach Trash-Standards der hörbaren Exposition einfacher und halb oder ganz undesignter Elemente ausgesucht werden. Oft sind Einflüsse aus dem Hip-Hop (zum Beispiel Public Enemy) vorhanden, die Sounds werden gerne in Garagenmanier verzerrt. Auch das für Garagenbands typische Laid Back ist des öfteren zu finden. So offen die wenigen Kriterien sich präsentieren, so vielfältig sind die Musiken, die sich in diesem Bereich als Electro Trash bezeichnen lassen. Hauptbezugspunkte sind Hardcore-Techno, Acid, Breakcore, Hip-Hop, Dubstep oder Popmusik.

Trashelemente sind zum Beispiel bei Deichkind, Frittenbude, Scenario Rock, Dj Tom And Absonic, Benny Benassi, Simian Mobile Disco, !!!, Namosh, Cansei de Ser Sexy, Mayans, Sigue Sigue Sputnik, Nazis from Mars, Milch, Alec Empire (Digital Hardcore) oder bei Spectre, Sensational, Schooly D, Public Enemy und vielen weiteren zu finden.

Abgrenzung zu anderen Techniken und Genres

Besonders in Internetzeiten der Verfügbarkeit eines Mehr an Information als man bewältigen kann, ist eine deutliche Trennlinie zwischen Trash und Amateurmusik, zum Beispiel Amateurrock zu ziehen. Gegenüber dem Punk verfügt Trash über losere Texturen, die in der angenommenen Summe eine Akzentuierung des Frequenzbereiches zwischen 3 und 6 kHz erfahren (im Gegensatz zum tendenziell wärmeren und kompakteren Punk).[10] Vom Indie-Rock setzt der Trash sich durch eine deutlichere und fundamentalistischere Orientierung an Rock'n'Roll-Regeln ab, Indierock ist formal und vom Sound her oft vielfältiger. Alternative ist gewöhnlich sauberer und voller gemischt. Hauptsächlich der Trashfaktor hebt Glenn Danzig und Motörhead aus dem Heavy- in den Kultbereich.[11] Diese Art der selten vorzufindenen Kombination von Heavy Metal und Trash ist nicht zu verwechseln mit Thrash Metal. Am nahesten ist der Trash dem Lo-Fi, fast alle Low-Fi-Bands lassen sich auch mehr oder weniger als Trash bezeichnen. Der Unterschied zum DIY besteht darin, dass DIY ein Lernparadigma beschreibt, während Trashmusiker sich auf der Grundlage souveräner Repräsentationen der Basics eines Ursprungsgenres bewegen. Homerecording gilt vielfach auch bereits als Trash. Demos werden oft gegenüber den offiziellen Versionen einigermaßen trashig aufgenommen und sind gerade dadurch bei eingefleischten Fans oft beliebt, zum Beispiel Soft Cells Tainted Love oder Curtis Mayfields Super Fly (siehe die betreffenden Artikel). Auch dem Rockabilly, besonders aber dem Psychobilly, ist der Trash ziemlich nahe, das rigide und elaborierte Formelwerk des Rockabilly und der zwingende Bezug auf den Rock'n'Roll verhindern aber eine allzu deutliche Orientierung am Trash.

Genres

Gitarren-Trash, Sixties-Trash (The Seeds, The Troggs, The Sonics, The Monks), Elektrotrash oder Electro Trash (oft orientiert an Hardcore-Tech), Disco-Trash, Eurotrash (Eurodance, Euro Disco), Trash-Pop (typische Musik zum Beispiel der 1990er Jahre)[12], Trashpunk (frühe Buzzcocks, Swell Maps, Dead Moon), L.A.-Trash, Heavy Trash (GWAR, Poison Idea), Party Trash. Viel Garage-Rock und Proto-Punk, Lo-Fi, Easy Listening (Revival)

Bands und Acts

Trash im Namen

Trash, The Trashmen, Tommy Trash, Trash Groove Girls, Heavy Trash, Trash Palace, Trash Can Sinatras, White Trash, Dino Lee (The King of White Trash)

Weitere

Guitar Wolf, The Cramps, The Seeds, The Monks, The Sonics, Wild Billy Childish, Fleshtones, The Troggs, GG Allin, Big Guitars From Texas, zum Teil Tav Falco, Fuzztones, Dead Moon, Lolitas, The Fugs, Dramarama, Johnny Thunders, Nomads, Wreckless Eric, zum Teil The Stooges, Pussy Galore, Jon Spencer Blues Explosion, Tab Hunter, Royal Trux, Zen-Faschisten, Rocket From The Tombs, 39' Clocks, Floating di Morel, The Velvet Underground, The Original Modern Lovers, Killdozer, Misfits (Trash-Hardcorepunkrock), Jon Wayne (Cowpunk), The Birthday Party, Oblivians, Joan Jett, Gas Huffer, Subterraneans

Trivia

<– up to date: Jeff MossI Love Trash (1970)

<– Street Trash Toilet Meltdown (1987)

Trash im Titel

Einzelnachweise

  1. Zum Skandal Louie Louie vergleiche den Artikel Louie Louie [1] bei der de.Wiki
  2. The Kingsmen – Louie Louie (1963) [2] bei Youtube
  3. "The bad news, of course, is that the Troggs, at this point at least, played their instruments with about the same level of perfection as John Lennon and Paul McCartney played theirs in the good old days of The Quarrymen, but the good news is that the Troggs don't actually need to play their instruments in a fine way; arguably, they were the first band to make it big that didn't give a fuck about the professional approach." Vergleiche das Album-Review zu The Troggs – From Nowhere (1966) [3] bei Starling.rinet.ru
  4. Artikel Wild Thing (Lied) [4] bei der de.wiki
  5. Martin Hannetts Badezimmer- oder Übungsraumhall für Joy Division ist zum Beispiel ein Ausnahme-Masterhall als Trashfaktor, der die Band zusätzlich als Stars im Punkumfeld situierte.
  6. Im Gitarrentrash sind demnach Bands weniger durch die Verwendung spezieller Sounds zu identifizieren als durch die subtilen Unterschiede im Gesamtsound, zum Vergleich die Seeds mit den Fugs, Troggs oder Monks, Bandsound wird hier in engem Rahmen differenziert, oft spielt gerade der verwendete Hall oder die Einstellung des Distortions die entscheidende Rolle.
  7. Godards Aussage ohne Ansehen der Palette an Firmen, die er als Nahezu-Sponsoren in manchen seiner Trailer aufzählt.
  8. Zum Vitalismus in Populärer Musik zum Beispiel Roger Behrens, Martin Büsser und Johannes Ullmaier [5] beim Ventil Verlag
  9. Wo bei Retro noch geschraubt und gehämmert wird, ist Trash-Pop die dem Begriff des klassischen Kanons entsprechende Variante der populären Musik. Hier entscheidet sich im Internet der tatsächliche Abstand zwischen kommerzieller Ware und Public Domain, der dann wertvollen bzw. beständigen Musik. Den Kanon populärer Musik gibt es im Grunde entgeltlos. Das bedeutet auch, dass die betreffende Musik ohne die Kategorie Trash-Pop und sporadische Updates in Form von Coverversionen schlicht überholt und mehr oder weniger vergessen wäre.
  10. Diese Akzentuierung des Frequenzbereiches findet sich auch bei Stücken wieder, die über eine insgesamt geringere oder sogar minimale Frequenzweite verfügen, was bei Trashbands ausgesprochen oft vorkommt. Die meisten Stücke klingen dadurch trotz einfachster Aufnahmetechnik bis hin zu Direct-to-Tape-Aufnahmen ohne Dolby einigermaßen hell oder frisch.
  11. Viele Bands, die sich wie Motörhead und zum Teil Danzig oder die Misfits hauptsächlich über Trash-Elemente definieren, sind in ihren Bezugsgenres kaum anzusiedeln, was einen Teil des Kults ausmacht, vielleicht betrifft das sogar Bands, wie Can, Kraftwerk, die Stooges oder Roxy Music.
  12. Ad Trashpop – Party [6] bei Youtube

Weblinks

  • Timeline for for a selective history of America's relationship with garbage (bis 1993) [18] bei Rotten Truth. About Garbage

Links im Juli 2017.