Slavoj Žižek zur Musik

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Slavoj Žižek [ˈʒiʒɛk] (* 21. März 1949 in Ljubljana, SFR, heute Slowenien, österreichisch: Laibach) ist Philosoph und Kulturkritiker und einer der produktivsten Poststrukturalisten der Gegenwart. Er selbst sieht sich nicht in der Tradition des Poststrukturalismus verankert.[1] Bis 1988 war Žižek Mitglied der kommunistischen Partei Sloweniens, mit der es zu Problemen aufgrund seiner „heterodoxen Ideen“ kam.[2][3] Danach war er Präsidentschaftskandidat der liberalen Demokraten, der tonangebenden Partei Sloweniens in den 1990ern, ohne deren Ideale explizit zu teilen. Žižek vertritt einen radikalen Subjektivismus, aus dem heraus die Realität sich konstituiert.[4] Er beschäftigt sich hauptsächlich mit dialektischer Psychoanalyse, einer lacanschen Lesart von Hegel und Marx.[5] Anhänger finden sich besonders in Osteuropa. Žižek gehört zu den Denkern, denen, wie Jean Baudrillard, ein Mangel an Anschlussfähigkeit an bestehende philosophische Konzepte vorgeworfen wird. Er wird ebenso als Rockstar-Philosoph tituliert, wie als Elvis oder Marx Brother der Kulturtheorie.[6]

Slavoj Žižek und die Musik

Žižek ist deutlicher mit Film und Literatur befasst als mit Musik. Erkenntnisse, die die Musik betreffen, können deshalb oft erst über zwei Schritte erschlossen werden, indem sie aus seinen Erkenntnissen aus Film und Literatur rück- oder weiterübertragen werden. Die Ausnahmen, bei denen er sich auf die Musik bezieht, sind dagegen wie exemplarisch an Oppositionen festgemacht und untermauern seine Auffassung von Dialektik. Seine Bezüge sind hauptsächlich in modernistischen Musiken zu finden, ob Laibach und Rammstein, Erik Satie oder Richard Wagner – die Frage nach der Rechtfertigung des Leitmotivs schließt sich hier an. Deutliche romantische Bezüge treten zusammen mit einem latenten Polyphoniegebot, das in der Gleichgewichtung der Tonhöhen kulminiert, auf:

"A whole range of references to music is scattered throughout the copious body of Slavoj Žižek’s works, covering a broad array of musical genres, styles and epochs stretching from Bach, Mozart and Beethoven to the music of such bands as Laibach and Rammstein or a phenomenon like the Gangnam style. Žižek has also contributed more substantial works on Schumann (in The Plague of Fantasies 1997), Wagner (Opera’s Second Death 2002, together with Mladen Dolar) and more recently on Schönberg (in Absolute Recoil 2014)."[7]

Slavoj Žižeks zentrale Gegenüberstellung in der Populären Musik ist die von Erik Saties Schaffen und Rammsteins Musik. Die Musik ist, entsprechend den gegensätzlichen Klangbildern, auch hier nicht mehr als Anlass zur Befestigung seiner Dialektik. Die Kriterien, nach denen er Einlassungen auf die Musik zulässt, sind ganz entgegen zum Beispiel dem Vorgehen von Gilles Deleuze weniger ästhetizistisch als erklärend, was hinter der Musik möglicherweise vorfindbare Ideologien betrifft. Žižeks Vorgehen ist im Vergleich zum Ansatz seines Zeitgenossen Alain Badiou weniger werkorientiert.[8] Gangnam Style und Justin Bieber hören zu müssen, hält er für eine Zumutung.[9] 2013 befand er sich im Schriftwechsel mit Nadezhda Tolokonnikova von Pussy Riot.[10]

Hinsichtlich des 1959 erschienen Musicals The Sound of Music stellt Žižek eine seiner grundlegenden Methoden vor. Das Musical sei rassistisch zu nennen, weil es jenseits der offiziellen Botschaft eine kulturästhetische Aufwertung der Faschisten in Österreich berge und transportiere.[11] Was Rammstein betrifft, konstatiert er dort, wo andere ein totalitäres Image vorfinden, ein Außerkraftsetzen von Ideologie und empfiehlt die Band für die nächste Kommunismus-Konferenz:

„So wie Charlie Chaplin in ‚Der große Diktator‛ Hitler zwischen Gebrabbel nur ‚Apfelstrudel‛ und ‚Wiener Schnitzel‛ sagen lässt, so sabotiert Rammstein auf obszöne Weise die faschistische Utopie. Ich kenne nur zwei Stücke von Rammstein. Als Theoretiker hat man das Recht, über Dinge zu schreiben, die man nicht kennt. Ich glaube an die absolute Theorie.“[12]

Žižeks Ansatz lässt sich besonders deutlich am Beispiel der slowenischen Band Laibach, immerhin nach Žižeks Geburtsort benannt, nachvollziehen. Die Band sei daran gelegen, „das versteckte Umgekehrte der Ideologie an den Tag zu bringen“.[13] Laibach wurden durch die konsequente Gegenüberstellung nahezu paradoxer, ideologischer Hintergründe und die Ästhetisierung des Totalitären in ihrer Selbstdarstellung und Musik bekannt.

<– What the hell is Laibach all about? (1996)

<– "Every minute of the future is a memory of the past", Life is Life (von der LP Opus Dei, 1987). Angesprochen ist auch ein malerisches Element in der Musik. Auf die Frage hin, welche Musik Slavoj Žižek am liebsten hört:

"I love classical music; I’m a mega Wagnerian – Wagner, Shemberg, Mozart, Schubert, Schuman. I listen for hours every day. I work to loud music. […] Of the latest music, I like bands like the German one, Rammstein. I disagree with those who think they are some kind of proto-fascist band. They do this wonderful thing – deconstructing from within; the charm of fascism, overidentifying with it and making it ridiculous."[14]

Zu Tschaikowski im Zusammenhang mit dem 2010 erschienen Psychothriller Black Swan: "It’s a beautiful film, nicely shot, blah, blah – but maybe they could have got slightly better music than that Tchaikovsky bullshit. I’m here this conservative European high modernist. Tchaikovsky is out for me, no? It’s popular music […]"[15] Einer zunehmenden Virtualisierung der Musik, wie Baudrillard sie beschreibt, steht er im Grunde nicht negativ gegenüber.[16]

a / A

Wie Gilles Deleuze konstatiert Slavoj Žižek eine Gegenüberstellung von Handlungen und normativen Instanzen (zum Beispiel könnte die musikalische Handlung gegenüber dem Musiksystem genannt werden). Das Subjekt konstituiert sich hier durch einen Sog symbolischer Instanzen einer Strukturierung von außen:

  • a – Ein Mangel im Subjekt treibt das Subjekt zu seinen Handlungen.
  • A – Symbolische Instanz, die die Gesetze und Normen des Sozialen garantiert und dem Subjekt einen Platz innerhalb der Gesellschaft zuweist.

Das ist ursprünglich bei Jacques Lacan zu finden und ähnliches findet sich auch in Jean Baudrillards Medientheorie, wenn im Zeitalter der Simulation die Reproduktion vor der Produktion genannt wird.

In der Tradition

  • Poststrukturalismus, Medientheorie, Feminismus, Cultural Studies, Populärkultur, Gesellschaftskritik, Philosophie, Kulturkritik, lacanianische Psychoanalyse, Politische Theorie.
  • Hegel, Marx, Lacan, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Herbert Marcuse, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Walter Benjamin, Immanuel Kant, Martin Heidegger.

Kritik

Žižek und Alain Badiou befinden sich in einem Dialog zur Musik, der Rolle des Künstlers / Musikers und ihren Lesarten spezifischer Genres in der Musik. Weder Badious noch Žižeks Herangehensweise an die Musik kann dabei ästhetizistisch genannt werden – "Žižek rejects both historicism and aestheticism as proper approaches to musical art":

"historicist reductionism and abstract aestheticism are two sides of the same coin: a work is eternal not against its historical context, but through the way it answers the challenge of its historical moment. One needs to abstract from historical trivia, to decontextualize the work, to tear it out of the context in which it was originally embedded."[17]

Žižeks Konzeption von der Rolle des Musikers in einer utopischen (kommunistischen) Kultur ist wenig vereinbar mit dem Genie als Ursprung musikalischer Kreativität. Sie ist „weder bacchantisch noch asketisch“.[18] Seit Satie entwickle sich die Musik von einer linearen Konzeption hinweg zu einer mehrdimensionalen Angelegenheit. Wie Satie habe auch John Cage die klassische Harmonielehre durch die Vordergrundstellung der Zeit ersetzt. Damit sei der Hörer aufgefordert, zum Beispiel die Länge eines Stückes selbst zu bestimmen.[19] Saties Musik konstituiere zugleich eine „kollektive Intimität“:

"egalitarian communism in music: a music which shifts the listener’s attention from the great Theme to its inaudible background, in the same way that communist theory and politics refocus our attention away from heroic individuals to the immense work and suffering of the invisible ordinary people."[20]

Artikel Žižek hört ... bei der Zeit

Die Kolumne wurde am 6. Dezember 2007, im Anschluss an die Kolumne Willemsen hört ..., mit einem Artikel zu Robert Schumann begonnen, der zur Zeit nicht online ist. Alle Artikel bei der Zeit, übersetzt von Bettina Engels. Bei Žižeks Analysen stehen ausschließlich die narrativen Elemente zur Verfügung.

  • Schöne Schwäche (3. Januar 2008) [18] zu Peter Tschaikowski
  • Zu viel! Weh mir! (24. Januar 2008) [19] zu Gioachino Rossini
  • Gespielte Seligkeit (31. Januar 2008) [20] zu Arnold Schönberg
  • Wagners Arier (7. Februar 2008) [21] zu Richard Wagner
  • Coitus Interruptus (14. Februar 2008) [22] zu Richard Wagner
  • Homo Sacer (21. Februar 2008) [23] zu Andrej Tarkowskij und Vinko Globokar
  • Diebt bleutsch (6. März 2008) [24] zu Rammstein
  • Salomés Lust (13. März 2008) [25] zu Richard Strauss
  • Diskothek Žižek hört. Sanfte Disziplin (19. März 2008) [26] zu Erik Satie
  • Kitsch als Ereignis (27. März 2008) [27] zu W.A. Mozart und Alfred Hitchcock

Zeitachse Musik in Philosophie und Medientheorie

  • Roland Barthes – Mythen des Alltags (1957)
  • Marshall McLuhan – DIe Gutenberg-Galaxis (1962)
  • Theodor W. Adorno – Negative Dialektik (1966)
  • Michel Foucault – Die Ordnung der Dinge (1966)
  • Jacques Lacan – Écrits (1966)
  • Jacques Derrida – Grammatologie (1967)
  • Gilles Deleuze – Differenz und Wiederholung (1968)
  • Roland Barthes – Der Tod des Autors (1968)
  • Gregory Bateson – Steps to an Ecology of Mind (1972)
  • Pierre Bourdieu – Die feinen Unterschiede (1979)
  • Jean-François Lyotard – Das postmoderne Wissen (1979)
  • Gilles Deleuze – Mille Plateaux (1980)
  • Jean Baudrillard – Simulacres et Simulation (1981)
  • Paul Virilio – Ästhetik des Verschwindens (1986)
  • Slavoj Žižek – The Sublime Object of Ideology (1989)

Ähnliche / Einflüsse aus der Philosophie

Theodor W. Adorno, Gilles Deleuze, Jean Baudrillard, Roland Barthes, Pierre Bourdieu, Jacques Lacan, Jean-François Lyotard, Jacques Derrida, Marshall McLuhan, Paul Virilio, Michel Foucault, Alain Badiou.

Literatur

  • Slavoj Žižek – The Sublime Object of Ideology (1989)
  • Slavoj Žižek – Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien, Berlin: Merve (1991)
  • Slavoj Žižek – Looking Awry, An Introduction to Jacques Lacan Through Popular Culture (1992) [28] Kommentare bei amazon und [29] Leseprobe bei Google.books

Einzelnachweise

  1. Zur Selbsteinschätzung, was die Einordnung in die Tradition des Poststrukturalismus betrifft, vergleiche den Artikel Slavoj Žižek [1] bei der de.wiki, eingesehen am 14. April 2016
  2. John Gray – The violent visions of Slavoj Zizek (2012) [2] bei Nybooks.com
  3. Anfang der 1970er wurde Žižek ein Lehrauftrag entzogen, weil eine These zum Strukturalismus von den Behörden als nicht-marxistisch eingestuft wurde.
  4. Markus Gabriel – Slavoj Žižek. Machwerk des Subjekts (2015) [3] bei der Zeit
  5. Derick Varn – Žižek and Adorno: The Function of the Popular? (2012) [4] Hegelscher Marxismus per Lacan, über die Ähnlichkeiten von Theodor W. Adorno und Slavoj Žižek, bei prtiallyexaminedlife.com
  6. International Journal of Žižek Studies (2016) [5] bei zizekstudies.org
  7. Golan Gur – CFP: Žižek and Music. Special Issue of the International Journal of Žižek Studies (2015) [6] bei Music and Philosophie Study Group
  8. James Little – Philosophico-Musical Vision: Badiou, Žižek, and Music (ohne Jahr, nach 2010) [7] bei zizekstudies.org
  9. Slavoj Žižek on "Gangnam Style and Justin Bieber" (2013) [8] bei Youtube
  10. Artikel Slavoj Žižek [9] bei der en.wiki
  11. Slavoj Žižek explains why The Sound of Music is racist (2007) [10] bei Youtube
  12. Doris Akrap / Tania Martini – Slavoj Zizek über Disziplin. "Alles ist Fake" (2010) [11] Interview bei der TAZ
  13. Ulf PoschardtStripped Pop und Affirmation bei Kraftwerk, Laibach und Rammstein (1999) [12] orginal erschienen in Die Beute, bei der Jungle World
  14. Vince Medeiros – Slavoj Žižek. The End of Time (2011) [13] in Anlehnung an Francis Fukuyama, bei huckmagazine.com. Es könnte sich die Frage anschließen, was der, von Žižek so bezeichnete, „Charme des Faschismus“ sei.
  15. Black Swan – Official HD trailer (2010) [14] bei Youtube
  16. Žižek – Personality (2014) [15] "The thing that interests me is how there can be more truth in the mask that you adopt, than in your real inner self. I always believed in masks ...", ab min. 0:55 bei Youtube.
  17. Slavoj Žižek 2010, zitiert nach James Little – Philosophico-Musical Vision: Badiou, Žižek, and Music (ohne Jahr, nach 2010) [16] bei zizekstudies.org
  18. James Little – Philosophico-Musical Vision: Badiou, Žižek, and Music (ohne Jahr, nach 2010) [17] bei zizekstudies.org
  19. ebd., James Little, S. 4, Littles Essay endet mit der Feststellung, dass "Žižek’s communist culture is an attempt to show that ceremony is possible, that there are communal celebrations, gatherings, and performances that are not fundamentally totalitarian."
  20. ebd., Little bei zizekstudies.org

Weblinks

  • International Journal of Žižek Studies [30] bei zizekstudies.org
  • Online-Dossier Slavoj Žižek. Philosoph (2016) Dossier des ZKM mit Links zu Texten von und über Žižek
  • Andreas Dorschel – Der Pedant des Wirren. Parallaxe überall: Slavoj Žižek universale Besserwisserei (2006) [31] bei der Süddeutschen Zeitung
  • Astra Taylor – Zizek! (2005) [32] filmische Dokumentation bei IMDb und komplett [33] bei Youtube

Weblinks zur Musik

  • Literaturverzeichnis Slavoj Žižek zur Musik [34] bei amazon
  • Nils Markwardt – Xavier Naidoo. Oh, wie bös ist das System (2014) [35] Xavier Naidoo auf der Suche nach „einem Fixpunkt der Macht“, bei der Zeit
  • Iris Radisch – Pussy Riot. Helden und Narren der Revolte. (2013) [36] bei der Zeit
  • Slavoj Žižek / Mladen Dolar – Opera's Second Death (2002) [37] bei amazon
  • pmajorins – Slavoj Žižek on “Gangnam Style” Sprituality (2013) [38] bei abstractcathedral.com
  • Call for papers: CfA: Žižek and Music (International Journal of Žižek Studies) (2015) [39] beim IASPM D-A-CH-Verband der Studierenden, die Veröffentlichung ist für 2017 vorgesehen.
  • Slavoj Žižek on "Gangnam Style and Justin Bieber" (2013): [40] bei Youtube
  • Žižek-Parodie, 2013: [41] bei Youtube

Links im Mai 2017.