Serielle Musik

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Die Serielle Musik ist Nachfolgerin der Zwölftonmusik[1], auf die sie sich ausdrücklich bezieht, und thematisiert das Linearitätsempfinden des Menschen, damit ist sie eine zutiefst polyphone Musik, sowie eine ausgesprochen moderne[2] oder aber avantgardistisch-experimentelle Musik, die Musik der Postmoderne wartet seit den 1960er Jahren mit dem Begriff des Postseriellen auf.[3] Mit dem Beginn von an Tonreihen orientierter Musik kann in etwa auch der Beginn der Neuen Musik angesetzt werden.[4] Im englischen Sprachgebrauch bezeichnet Serial music die Zwölftonmusik im Sinne Arnold Schönbergs, während Serielle Musik General serialism oder Multiple serialism genannt wird.[5] Der Begriff des Seriellen ist dem des Parallelen entgegengesetzt.

Geschichte

Der Begriff musique sérielle wurde 1947 von René Leibowitz geprägt, der einen Begriff für die hypo- und hyperchromatischen Tonreihen Karlheinz Stockhausens suchte. Als erste serielle Kompositionen werden im allgemeinen Milton Babbitts 3 Kompositionen für Klavier (1947), Pierre Boulezs Polyphonie X (1950 / 51) und Karel Goeyvaerts Nummer 2 für dreizehn Instrumente (1951) erwähnt.[6][7][8] 1949 wurde Olivier Messiaens Mode de valeur et d'intensités uraufgeführt, hier wurden nicht nur, wie bei der Zwölftonmusik, Tonhöhen und Intervalle nach Plänen geordnet bzw. in Serie verarbeitet oder in Reihe gebracht, sondern auch weitere Parameter, wie Lautstärke, Tondauer und Aspekte der Klangfarbe (zum Beispiel Register):

<– Olivier Messiaen – Mode de valeurs et d'intensités (1949) / präserielle punktuelle Musik

„Die Tonhöhen erschienen hier nicht absolut, sondern getrennt nach ‚Tonqualität' (der Ton ‚c' wird unabhängig von seiner Oktavlage und damit seiner tatsächlichen Frequenz behandelt) und ‚Register'“.[9]

Seit Beginn der 1950er Jahre bezogen sich serielle Komponisten weniger auf Arnold Schönberg als vielmehr auf Anton Webern, in dessen Kompositionen sich die serielle Musik eher abzeichnete als in Schönbergs. Der erweiterte deutsche Begriff Serielle Musik wurde seit 1955 in der von Herbert Eimert und Karlheinz Stockhausen herausgegebenen Zeitschrift Die Reihe propagiert.[10] 1956 erschien Stockhausens Grundlagenartikel ... wie die Zeit vergeht ....[11] Im Laufe der 1950er Jahren wurde der Begriff besonders von Karlheinz Stockhausen und Gottfried Michael Koenig im Sinne der Emanzipation des Geräusches weiter ausdifferenziert (Sinustöne, Impulse, Rauschbänder).[12] Der technische Fortschritt in der Elektronischen Musik ermöglichte es, Probleme bei der Interpretation zu lösen, die durch die hohen Anforderungen an die Interpreten bei der Berücksichtigung der minimalen Unterschiede bei gleichzeitiger Ausführung vieler Parameterwerte bestanden, zugleich stiegen mit den neuen Anforderungen auch die Fertigkeiten der Interpreten.

Kontur

Die serielle Musik ging aus einer Verallgemeinerung der Tonreihenkomposition hervor[13], am Anfang stand der Gedanke einer musique pure, Musik sollte von Trübungen, wie Redundanz (hauptsächlich Repetitionen[14]), Spekulation (Unbestimmtheit) und Geschmacksfragen befreit werden.[15] Außerdem bestanden Hoffnungen auf eine egalitäre, nicht-hierarchische Struktur von Kompositionen.[16] Zum Formprinzip wurde schließlich erklärt, dass eine gesamte Komposition im Groben und in den Details aus einer einzigen Reihe abgeleitet werden solle. Seit Mitte der 1950er Jahre wurde auch die Aleatorik den Kompositionsprinzipien der seriellen Musik zugeordnet.

Barriere der Unhörbarkeit[17]

Mehr als um Konstruktion geht es der seriellen Musik oft um Dekonstruktion, bereits die Anfangsbestrebungen sind nicht auf das ästhetische Wohlbefinden der Hörer ausgelegt, „die Vermeidung tonaler Strukturen oder regelmäßiger Rhythmen“ steht im Vordergrund.[18] Dass der Serialismus einem Weltbild entspricht, behauptet zum Beispiel Karlheinz Essl: „Die Welt wird nicht mehr dualistisch vorgestellt und die Form nicht mehr aus apriorischen Gegensätzen entwickelt, sondern als Einheit aufgefaßt, die sowohl rational als auch mystisch erfahrbar ist.“[19] Essl sieht sich beeinflusst vom Radikalen Konstruktivismus.

Methode, Techniken

„Integratives serielles Denken“ verhandelt nicht nur Zweifelsfälle oder Details einer Komposition als Fragestellung, für die Serialität hinzugezogen werden kann, sondern Serialismus auch als Ausgangspunkt von Kompositionen. Mikro- / makrostrukturgemäß können auch Detailfragen auf die Architektur einer Gesamtkomposition überblenden oder Ausgangsidee weiterer Kompositionen sein.[20] Der Serialismus ermöglicht über die Zahlenfolgen auch Zusammenhänge zwischen Aspekten eines Musikstücks, die sonst kaum miteinander in Verbindung gebracht werden würden, zum Beispiel Einsatzabständen und Dynamik.

Reihe

Die Reihe konstituiert sich zum Beispiel als Folge von Multiplikationen von Bezugswerten, sie soll also so wenig wie möglich gesetzt sein, als vielmehr sich aus einer Grundrechenart, die auf alle erfassten Parameter angewendet wird, ergeben.[21]

Ableitung

Die hauptsächliche Technik der seriellen Musik ist die Ableitung:

  • Transposition (d. h. Veränderung der Tonhöhen bei gleichbleibender Intervallstruktur)
  • Umkehrung (Veränderung der Intervallrichtungen unter Beibehaltung der Intervallgrößen)
  • Krebs (retrograde, rückläufige Abfolge der Töne und Intervalle)
  • Krebsumkehrung (Krebs der Umkehrung oder Umkehrung des Krebses)
  • Permutation (von einzelnen Tönen oder Tongruppen)

Insbesondere soll auch erreicht werden, den einzelnen Klang selbst zu komponieren. Die Bestimmungsgrößen sind frei wählbar. Außerdem haben serielle Komponisten gewöhnlich Handlungsfreiheit jenseits der strikten Reihe und ihrer Transgressionen, die Begründung (zum Beispiel Formel) steht dabei im Vordergrund. Die serielle Musik im Sinne des total serialism wendet sich gegen die zunehmende Fixierung von Tonreihen in der 2. Wiener Schule.

Seit den frühen 1970er Jahren ist Serialität besonders durch Stockhausens Formelkompositionen und multiformale Musik von einer rekonstruierbaren zu einer hörbaren Komponente geworden, das, was später dann Klanggestaltung genannt wird, findet hier Eingang.[22] Die rapide Entwicklung der elektronischen Musik, der technischen Möglichkeiten und Parameterbestimmungen, letztlich dann die Computermusik seit den 1990er Jahren, führten teilweise zu einer Umorientierung, bei der Genregrenzen zunehmend überstiegen wurden, der Postseriellen Musik. Referenzkompositionen serieller Musik sind:

  • Pierre Boulez – Structures I (1952) [25] bei Youtube
  • Karlheinz Stockhausen – Kontrapunkte 1 / 2 (1952 / 53) [26] Ensemble Linea, 2011 bei Youtube

Musik

„Durch [die serielle Musik] sollte eine starke Konsistenz einer Komposition erreicht werden und ‚Sicherheit solcher Art muß jedem produktiven Musiker willkommen sein, besonders dann, wenn alle konventionellen Sicherheiten ihren Sinn verloren haben.‘“[23] Stockhausen: „The music was reborn completely, technically as well as in its aesthetics."[24]

Punktuelle Musik

Der Begriff Punktuelle Musik wird 1951 zum erstenmal erwähnt und von Stockhausen übernommen.[25] Punktuelle Musik meint die weitgehende Übertragung der Bestimmungsgrößen auf jede greifbare musikalische Gestalt, die durch Tonpunkte und deren Überschneidungen tabellarisch bzw. in Koordinaten erfasst wird: „Karlheinz Stockhausen bezieht sich ebenfalls auf dieses Thema, indem er von einer ‚totalen‘ Musik spricht, die einen Zustand meditativen Hörens erzeugen kann, da sich der Hörer in ständig anwesender, durchgeordneter Musik aufhält, die in sich keine ‚Entwicklung‘ darstellt. So bedarf man nicht ‚des Vorausgegangenen oder Folgenden, um das einzelne Anwesende (den einzelnen Ton) wahrzunehmen, Voraussetzung ist allerdings, dass das Einzelne bereits alle Ordnungskriterien in sich trägt – und zwar widerspruchslos – , die dem ganzen Werk zu eigen sind.‘“[26]

Bei der de.wiki wird Pierre Boulez zitiert: „Dennoch, einem Übermaß an Arithmetik zum Trotz hatten wir eine gewisse ‚Punktualität‘ des Klanges erreicht, worunter ich buchstäblich den Schnittpunkt verschiedener funktionaler Möglichkeiten in einem Punkt verstehe. Was hat dieser ‚punktuelle‘ Stil gebracht? Die gerechtfertigte Ablehnung des Thematizismus.“[27] Melodik, Harmonik, Puls, Takt, Thema oder Motiv sind als feste Bezugsgrößen zu vermeiden.

Gruppenkomposition

Aus der punktuellen Musik entsteht folgerichtig die Gruppenkomposition. Tonreihen lassen sich in Gruppen zusammenfassen, auf die Bestimmungsgrößen gleichartig oder unterschiedlich zugreifen. Damit sind einer Gruppenkomposition gegenüber einschichtig linearer punktueller Musik kompositorische Vorteile zueigen. Merkmale einer Tongruppe sind zum Beispiel: Tonmenge, Dichte, Umfang, Dauer, Artikulation und Lage, zunächst greifen die Bestimmungsgrößen auf die Gruppenfolge zu.

Statistische Musik

Im Zusammenhang mit „Massen“ oder „Schwärmen“ von Tönen bezieht Stockhausen sich insbesondere auf statistische Methoden.[28] Bei statistischer Musik werden Töne und Tongruppen anhand statistischer Methoden determiniert, der Reihenzwang ist aufgehoben, weshalb statistische Musik nur zum Teil zur seriellen Musik gezählt wird. Statistische Musik gibt keine Richtung vor, der gefolgt werden könnte: "Statistical means that you can permutate, change the order without that it really matters."[29]

Kritik

Theodor W. Adorno kritisiert die serielle Musik als unkritischen und eskapistischen „Materialfetischismus“.[30][31] Karlheinz Essls Resümee 1989: „Das Serielle hat sich als die einzige innovative kompositorische Methode seit Kriegsende erwiesen. Obwohl von einer Unzahl ‚post-serieller‘ Trends der Anspruch erhoben wurde, die serielle Musik überwunden zu haben, sind deren utopische Forderungen längst noch nicht eingelöst.“[32]

Der Philosoph Alain Badiou konstatiert ein musikalisches Desaster, James Little fasst seine Position zusammen: "Schoenberg also brings to light a disaster in Badiou’s terminology – the absolutization of one truth over all others. The composer must not assert that the truth of their world is the one artistic Truth that dominates. The atonal world of music is not the only world of music and slavish devotion to it, the kind of devotion that places one technique over composition itself, is a musical disaster."[33]

Bekannte Komponisten

Karlheinz Stockhausen, Karel Goeyvaerts, Milton Babbitt, Luigi Nono, Pierre Boulez, Gottfried Michael Koenig, Henri Pousseur, Ernst Krenek, Karlheinz Essl

Siehe auch

Algorithmische Komposition, Elektronische Musik, Elektroakustische Musik, Schillinger-System, Postserielle Musik, Musikalisches Werk, Komposition, Spektralmusik, Texturalismus, Repetitive Musik, Computermusik, Lexikon-Sonate.

Einzelnachweise

  1. Nachfolgerin der Zwölftonmusik auch als der Emanzipation der Dissonanz und der Vernunft.
  2. Modern, wenn der Begriff der Moderne mit dem Beginn der industriellen Revolution und die ausgehende Moderne mit dem Beginn des Kalten Krieges angesetzt wird.
  3. Artikel Postmoderne, Abschnitt Musik, Kunst, Architektur und Literatur [1] bei der de.wiki
  4. „In den 1950er Jahren stand die junge Generation vor den Trümmern, die der Zweite Weltkrieg und das Dritte Reich hinterlassen hatte. Die während des Nazi-Regimes ausgeübte Zensur in der Kunst hatte die Entwicklung in Kunst und Musik unterbrochen. An eben diese Entwicklung versuchte nun die um einen Neuanfang bemühte junge Komponistengeneration Anschluss zu finden.“ In: Autor unbekannt – Serielle Musik [2] bei archive.is
  5. Artikel Serialism [3] bei der en.wiki
  6. Artikel Nummer 2 [4] bei der en.wiki
  7. Artikel Polyphonie X [5] bei der en.wiki
  8. Milton Babbitt [6] bei Furious Artisans
  9. Kurze Erläuterung zum Parameterbegriff in Messiaens Mode des valeurs et d'intensités, Artikel Parameter (Musik), Abschnitt Weitere Parameter [7] bei der de.wiki
  10. Die Reihe 1 – Electronic Music [8] bei amazon: „Die serielle Musik dehnt die rationale Kontrolle auf alle musikalischen Elemente aus.“
  11. Karlheinz Stockhausen – ... wie die Zeit vergeht ... (1956) [9] online bei scribd.com
  12. Rudolf Frisius – Serielle Musik [10] bei Frisius.de
  13. Frisius sieht in Tonreihen-Kompositionen Igor Strawinskys aus den 1950er Jahren „Vorstufen“ (!) zur Zwölftonmusik, ebd.
  14. Gottfried Michael Koenig – Seriell – elektronisch – digital. Über kompositorische Strategien. (2000) [11] Elektronische Musik / Authentische Musik (bei Meyer-Eppler), Das Studio für Elektronische Musik in Köln um 1954 und weiteres, Vortrag mit Publikumsdiskussion, Leseprobe bei Google.books, S. 87ff
  15. Artikel Serielle Musik [12] bei der de.wiki
  16. Karlheinz Essl – Aspekte des Seriellen bei Stockhausen [13] bei Karlheinz Essl
  17. Der Begriff stammt aus einem unsignierten Beitrag bei der Diskussion zum Artikel Serielle Musik [14] bei der de.wiki, eingesehen am 5. April 2014
  18. "We tried to avoid any melody that you could whistle after or sing because that would capture the attention", Stockhausen – English Lectures (4/4) [15] ab min. 1:19
  19. Karlheinz Essl – Aspekte des Seriellen bei Stockhausen. Serialismus als Denkmethode [16] „Eine Weiterführung der Tendenzen der Romantik – die schließlich zum Faschismus geführt hatten – schien unmöglich ...“, bei Karlheinz Essl
  20. vgl. auch: Frisius, Anm. oben
  21. Karlheinz Essl – Wandlungen der elektroakustischen Musik, Abschnitt Algorithmische Komposition (2007) [17] Abbildung eines Auszugs einer Partiturtabelle des von G.M. Koenig entwickelten Programms Projekt 1 bei Karlheinz Essl
  22. ebd., Frisius
  23. Jens Markus Engel – Klangkomposition als postserielle Strategie. György Ligetis Mikropolyphonie und Helmut Lachenmanns musique concrète instrumentale. Der Begriff des Postseriellen. (2005) [18] Engel zitiert Hans Vogt (1982), S. 25, Magisterarbeit an der Universität Lüneburg (mit Authentifizierung)
  24. Karlheinz Stockhausen – English Lectures (1972, 1/4) [19] ab 18:50 min. bei Youtube
  25. ebd., Karlheinz Stockhausen – English Lectures (1/4) ab 1:34 min.
  26. Autor unbekannt – Serielle Musik [20] bei archive.is
  27. Artikel Punktuelle Musik [21] bei der de.wiki
  28. Karlheinz Stockhausen – English Lectures (3/4) [22] bei Youtube
  29. ebd., Stockhausen – English Lectures (3/4) ab 3:18 min.
  30. Theodor W. Adorno – Das Altern der Neuen Musik. Frankfurt/Main (1954)
  31. „Da vorher jegliche ästhetische Äußerung auch nach politischen Normen beurteilt wurde, stand man der Politisierung von Musik skeptisch gegenüber. Andererseits wurde außerdem die Politik Hitlers ästhetisiert.“ Weiter: Das Konzept der Schönheit in der Avantgarde wurde in der Nachkriegszeit stark tabuisiert: „Schönheit [die als Lüge empfunden wurde] galt als verboten.“ In: Jens Markus Engel – Klangkomposition als postserielle Strategie ... Absatz: Autonomieanspruch und Gesellschaftskritik in der seriellen Musik., Anm. oben, kompakte Zusammenfassung von Adornos Einstellung zur seriellen Musik, S. 29ff.
  32. Karlheinz Essl – Aspekte des Seriellen bei Stockhausen [23] bei Karlheinz Essl
  33. James Little – Philosophico-Musical Vision: Badiou, Žižek, and Music (ohne Jahr, nach 2010) [24] bei zizekstudies.org

Onlinequellen

  • Karlheinz Stockhausen – English Lectures (1/4 und weitere) [27] bei Youtube
  • ders. – ... wie die Zeit vergeht ... (1956) [28] online bei scribd.com
  • Rudolf Frisius – Serielle Musik [29] bei Frisius.de
  • Karlheinz Essl – Aspekte des Seriellen bei Stockhausen [30] bei Karlheinz Essl
  • Artikel Serielle Musik, Diskussion [31] bei der de.wiki

Links im Juli 2017.