Rezitation

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Rezitieren (von lateinisch recitare = verlesen) ist eine Gebetspraxis in fast allen Religionen der Welt. Eine Rezitation, wie der Begriff heutzutage allgemein verstanden wird, findet hauptsächlich auf Grundlage religiöser Texte statt und liegt mit dem Abschluss einer Rezitationspraxis vor.

Nähe zur Musik

Nicht nur durch den Bezug auf religiöse Texte, sondern auch durch ihre besondere Nähe zur Musik, wird die Rezitation vom Vortrag, der Lesung, dem Vorlesen, der Rede, der Deklamation und dem Zitat unterschieden. Dagegen korrespondieren Affirmation, Anrufung oder Gebet. Eine typische Rezitation befindet sich, wie das Rezitieren zur musikalischen Handlung, in unmittelbarer Nähe zur Musik. Dieser Zusammenhang äußert sich zum Beispiel in der manchmal vorzufindenden, laienhaften Bezeichnung Sprechgesang. Größere Intervallsprünge werden gewöhnlich vermieden, ebenso Skalen- oder Tonartwechsel, sie gelten in diesem Zusammenhang als unschön, sind als Schwerpunkte, Akzente oder zufällig aber zulässig. Ein kulturell determiniertes Skalenverhalten ist oft hörbar vorhanden. Eine ausgeprägte Melodik oder Motivik fehlt. Die harmonische Ebene fehlt, bis vielleicht auf Obertongesänge, die sich an der Grenze zur Rezitation befinden, vollständig. Ornamente sind dagegen als Angelpunkte der Rezitation bis ins mikrotonale und mikrorhythmische Gefüge deutlich ausgearbeitet und ersetzen die Rhythmik, die auf höherer Ebene zumeist fehlt. Diese Aspekte rücken die Praxis in die Nähe einer reduzierten und redundanten Information, die mit musikalischen Mitteln ausgestaltet wird. Eine Makrodramaturgie fehlt üblicherweise ebenfalls und auch die Spielräume der Ausführungen sind denkbar gering. Sie differieren dabei je nach Kultur. Rezitiert werden ganze Texte (Suren und Sutren und darüber hinaus) und Mantras als Kernaussagen von Sutren bis hin zu sogenannten Keimsilben von Mantras. Eine solche Keimsilbe ist zum Beispiel das Om aus dem Mantra Om mani padme hum. Zur Zuflucht zu Amitabha genügt es manchen buddhistischen Schulen, Amitabha zu rufen. Als Entscheidungsgrundlage hinsichtlich der Frage, ob eine Rezitation gelungen ist, wird im Allgemeinen die Schönheit einer Rezitation angeführt.

Rezitationen erfolgen oft auf Grundlage schriftlicher Anweisungen. Besonders die Atemtechnik ist von Bedeutung und darf den Textsinn in vielen Traditionen auch unterbrechen. Die Techniken, die durch ständige Übung und Wiederholung zu Fertigkeiten werden, werden oft ebenso stark reflektiert, wie die weiteren Bedeutungen der Vorlagen. Rezitation befasst sich mit der Artikulation von Bedeutung auch und vor allem jenseits ihrer Vermittlung. Bei der Gestaltung der Phrasen wird, entsprechend der gesprochenen Sprache, die Silbe mit der größten Aussagekraft auf dem höchsten oder tiefsten Ton intoniert oder gesprochen, ebenso akzentuiert erscheint oft der Abschluss einer Phrase, der gewöhnlich auf die Prime führt. Mit der Reduktion des Tonhöhenumfangs ist eine Verstärkung der Ausformulierung metrischer Aspekte verbunden, die bis hin zu Anweisungen reicht, die Silbenfolge auch gegen prosodische Vorschriften regelmäßig und auf einer Tonhöhe zu sprechen. Die Wiederholung ist motivisch wie auch inhaltlich eines der zentralen Elemente der Rezitationspraxis, bei der Gestaltung von Einzelheiten während des Rezitierens, wie auch bei der Wiederholung gesamter Texte. Die Organisation der Zeit erstreckt sich oft bis auf die festgelegten Zeiten, zu denen Rezitationen erfolgen. Während es im Islam vorkommen kann, dass Rezitatoren emotionale Reaktionen zeigen, ist das im Buddhismus strikt verboten, buddhistische Rezitatoren sublimieren bis auf Ausnahmen sämtliche Affekte, insbesondere Emotionen, möglichst weitgehend. Christliche Rezitationen reichen von einem feierlichen Ton bis hin zu ekstatischen Gesängen zum Beispiel in den Black Communities der USA.

Trivia

Im akademischen Umfeld gibt es etwas altertümlich den Begriff der Rezitation oder Recitation noch als Wiedergabe von Lehrinhalten. Rezitiert wird auch Lyrik und Dichtung im Allgemeinen. Rezitationspraxis wird bei manchen Musikausbildungen als Übung für die sichere Rede oder das sichere Musikmachen vorausgesetzt, in der Musikwissenschaft werden Musikinstrumente oft als Erweiterungen der Möglichkeiten der menschlichen Stimme verstanden. Koran-Rezitationen erleben zur Zeit so etwas wie eine Blüte im Internet, Rezitationen im christlichen Kontext sind insgesamt deutlich weniger zu finden. Zu den ältesten Mantras gehören die Opferformeln und Gebete der Veden. Die meistrezitierten Texte der Welt sind zur Zeit das buddhistische Hannya Shingyo, das in fast alle Sprachen der Welt übersetzt wurde, wie auch die Fatiha, die Eröffnungs-Sure des Koran, das Vater unser und das Gayatri-Mantra. Variationen des Herz-Sutra finden sich bis hin zu Coverversionen des Hannya Shingyo von Deathmetal-Bands. Im Internet finden sich Rezitationen von Anfängern bis zu spirituellen Meistern sowie viele mit Musik unterlegte Rezitationen.