Repetitive Musik

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Faulenzer

Unter Repetition wird in der Musik die Wiederholung musikalischer Elemente, insbesondere von Motiven zum Beispiel als Loops, somit ein Stilmittel oder eine Technik verstanden. Repetition ist eine Grundform der Musik und ein Reizthema, das zum Teil ausgesprochen emotional diskutiert wird und für viele Musiker, besonders Komponisten im Bereich der Neuen Musik, zu den musikalischen Tabus zählt.

Hintergrund

Wiederholungen sind Ausdruck der Erinnerung als einer der zentralen kognitiven Stützen von Musik überhaupt. Rückgriffe auf bereits verwendete musikalische Elemente werden aus unterschiedlichen Gründen vorgenommen. Ein Aspekt ist die Stabilität der musikalischen Form. In der klassischen Sonatenform sollte die Wiederholung der Memorisierbarkeit von Musik durch das Publikum entgegenkommen.[1] Ein Teil dieser ursprünglichen Bedeutung ist erhalten geblieben und wird heutzutage oft als Kennzeichen des Populären verstanden.[2] Durch die Speicherbarkeit von Musik in Form von Tonträgern, Samples und Presets (Voreinstellungen zum Beispiel bei Synthesizern) wurde dieser ursprüngliche Sinn der Wiederholung letztlich als Fragestellung und Anforderung mehr und mehr in den Bereich der Musikästhetik verschoben, in der Neuen Musik werden Repetitionen vielfach auch als Mängel oder Fehler in Kompositionen erkannt, dazu die Musikwissenschaftlerin Susan McClary, die sich hauptsächlich mit feministischer Musikkritik beschäftigt:

„Wenn wir ein Musikstück als Allegorie persönlicher Entwicklung verstehen, notiert jede Wiederholung als Regression – als Fehler oder sogar Widerstand gegen die Aufrechterhaltung des endlosen Kampfes für kontinuierliches Wachstum, das für eine erfolgreiche Selbstverwirklichung benötigt wird.“[3]

Mit Wiederholungen wird die Verantwortung für eine Komposition oder ein Stück vom Komponisten weg und hin zum Material verschoben. Die reine Wiederholung gibt es in der Musik, außerhalb von DJ-Tools, Klingeltönen und ähnlichem, nicht. Zum einen sind unveränderte Repetitionen von Motiven aus musikalischer Perspektive in den seltensten Fällen wünschenswert, zum anderen wird auch die reine Wiederholung kognitiv als Variation interpretiert. Oft sind feine Differenzen auszumachen, die entweder als Variationen, Modulationen oder Ornamente angelegt sind, besonders Modulationen sind oft subtil und über lange Strecken angebracht. Dieses Vorgehen erfolgt auf Grundlage iterativer Rückkopplung. Die Ähnlichkeitsbeziehungen in solchen Stücken fördern zumeist selbstähnliche Strukturen, die zur Geschlossenheit einer Komposition oder eines Stückes beitragen können. Entsprechend der von Theodor W. Adorno formulierten Ansprüche an die Autonomie von Musik kann repetitiver Musik ein Verlust an musikalischer Syntax zugeschrieben werden, Repetitionen sind in der Lage, die Erzählstruktur von Musik zu durchbrechen. Der Verlust an Syntax kann bei der Rezeption mit einer Vergegenwärtigung von Leerheit korrelieren.

Musematisch, diskursiv

Richard Middleton sieht in der Repetition ein Kennzeichen des Populären, das der Ökonomie politischer Produktion entspricht, wie auch technische Geräte zumeist auf Repetition ausgerichtet sind, hinzu kommen „syntaktische Konventionen aus musikhistorischen Traditionen“.[4] Middleton unterscheidet zwischen musematischer Repetition und diskursiver Repetition. Ein Musem bezeichnet, analog zum Morphem in den Sprachwissenschaften, eine kleinste musikalische Bedeutungseinheit in der Musik. Solche Einheiten, zum Beispiel ein Riff, oft ein kurzes Motiv, sind oft für die Gesamtstruktur eines Musikstücks verantwortlich, indem Museme zum Beispiel zu einer Gesamtstruktur ausgebaut werden. Als diskursive Repetitionen können Gesangsphrasen, Refrains oder Chorusse und ähnliches genannt werden[5]:

  • Siehe zum Beispiel die in den Artikeln eingebetteten Videos: Daniel Bell (tendenziell musematisch) < > Soul II Soul (tendenziell diskursiv)

Ausprägungen

Zum Teil wird die Zuordnung eines dreistufigen Modells, fest – flexibel – frei, erörtert (Paul Kiparsky).[6] Als Ausprägungen können Loop, Ostinato, Tremolo, Reprise, Zyklus, Bordun, Refrain und weitere genannt werden.

Techniken und Rezeptionsweisen

Repetition kann als Reduktion verstanden oder mittels Reduktion erreicht werden, die Aufmerksamkeit wird auf das Initialmotiv als Vergleichsmuster für Iterationen (Folgen) verlagert. Die konsequente Reduktion eines zum Beispiel eher melodischen Motivs ist im Minimal Techno und Bleep House für dann hauptsächlich rhythmisch angelegte Motive verantwortlich (die im Editor angelegten Motive werden sukzessive gereinigt und auf ihre Schwerpunkte zurückgeführt). Durchgängige Wiederholungen, zum Beispiel auf einer Instrumentenebene, verlieren gewöhnlich ihre dynamische Funktion und werden zur Rekonstruktion eines statischen Gesamtbilds einer Musik herangezogen. Fortgesetzte Repetitionen zum Beispiel beim Ambient oder im Trance können auf diese Weise eine Art ansteigender Hypnotik fördern, besonders, wenn es sich um variationsfreie Folgen handelt. Wiederholungen wird eine meditative, zuweilen rituelle Funktion zugeschrieben, oft werden sie inbezug zu frühkindlichen Lernprozessen genannt oder zu militärischen Praktiken, besonders zum Marschieren und Exzerzieren, in diesen Hinsichten wird dann auch des öfteren der Vorwurf der Regression laut. Wenn Repetitionen im Mittelpunkt der musikalischen Handlung beziehungsweise ästhetischen Praxis stehen, wird ein anderer Aspekt angesprochen als wenn sie weitgehend unbewusst erfolgen.

Wiederholungen in der gesprochenen Sprache sind in der Lage, eine phonetische Folge wie Musik erscheinen zu lassen, es stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Effekt nicht zuerst auf Konventionen zurückzuführen ist und sich in Vortonträgerzeiten auf diese Weise nicht beziehungsweise nicht in dem Maße ereignet hat, wie es heutzutage der Fall ist:

In musikethnologischen Ansätzen wird repetitive Musik hinsichtlich ihrer sozialen Funktionen bewertet. Aus musikanalytischer Perspektive steht die Frage nach der quantitativen Erfassung von Repetitionen im Vordergrund. In der Musikpsychologie wird repetitive Musik zumeist hinsichtlich der Lacanschen jouissance gedeutet oder auf das Freudsche Lustprinzip zurückgeführt (zum Beispiel David Schawrz, Naomi Cumming, Juan-Manuel Garcia).[7]

Pros und Contras

Eine der bekanntesten, in den Bereich der Musik übertragbaren, Schriften zur Situation der Kunst hinsichtlich ihrer Wiederholbarkeit ist Walter Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935 – 39), in dem der Verlust der Aura des Kunstwerks wertneutral dargestellt wird.[8] Benjamin versteht unter Reproduktion, anders als in der Musik, zwar die Verfielfältigung ganzer Kunstwerke und nicht Wiederholungen bei der Gestaltung eines Werks, dennoch wird das Essay auch in Musikzusammenhängen oft genannt. Adorno kritisierte Wiederholungen in der Musik als „infantil und psychotisch“.[9] Bei der Uraufführung von Maurice Ravels Boléro kam es zu Auseinandersetzungen, in deren Verlauf eine Zuschauerin Ravel lauthals beschuldigte, verrückt geworden zu sein. Ravel: „Die hat's kapiert!“[10]

Luis-Manuel Garcia fordert eine generelle Aussage zur Repetition: „Versuche, die zugunsten von Repetitionen vorgebracht wurden, scheinen inadäquat, wo sie dazu tendieren, bestimmte repetitive Praktiken nicht vollständig repetitiv zu nennen, anstatt Repetition umfassend zu verteidigen“.[11] Andrew Cooke setzt sich mit dem Thema Repetitionen entsprechend auseinander und konstatiert, dass Wiederholungen nicht nur den Blick auf das Detail fördern, sondern besonders für Tanzmusik unerlässlich sind. Er differenziert partielle, obsessive und manipulative Repetitionen. Soweit der Beat bereits als Repetition verstanden wird, ordnet Cooke der Repetition den Break als Gegensatz zu.[12]

Eine zentrale Rolle spielt auch die Begründung musikalischer Verläufe. Unbegründete Repetitionen sind somit etwas anderes als begründete. Begründete Repetitionen können als Makrorhythmen, Flächen zum Zweck der Stabilisierung eines Stücks oder im Sinne einer Vertiefung des Hörvorgangs, soweit Klänge und Motive das tragen, verstanden und verwendet werden. Auch zur Erzeugung tranceartiger Zustände eignet sich die Repetition, wenn sie zum einen nicht zu langweilig oder die Ausgangsformulierung zu einfach ist oder wenn das Klangbild mit viel Hall versehen wird, der die Rezeption in einen ungefähren Bereich verschiebt, der in etwa der Wirkung eines Cocktail-Party-Effekts entspricht – einer Art vorübergehender Verwischung der Gegenwärtigkeit zum Zweck. Der Verwendung spezifischer oder unspezifischer Halleffekte (zum Beispiel langer Echos) kann in diesem Sinne auch kritisch begegnet werden.

Beispiele radikaler Repetitionen und explizit repetitiver Musik

<– The FallRepetition (1978)[13], visuell: Hans Richter (1921)[14]

<– Typisches DJ-Tool: DJ Boris (Relief Records) – Apacalypse (1995)

<– Henry Purcell – The Cold Song (1691), Ausschnitt aus Ariane Mnouchkines La mort de Molière (1978) ab min. 2:04.

Genres

Zum Beispiel Yayue, musique d'ameublement, Minimal Music, Krautrock, Disco, Kölner Schule (Minimal Techno), House (Juke, Ghetto House, Motivfragmente und sehr kurze Loops), Ambient, Black Metal.

Stichworte

Substitution(stabelle), Iteration(sebenen), Mandelbrotsche Mustergeneratoren (Fraktale Musik), Stepsequencer, Mimesis, Zufall, Monotonie, Reduktion, Zirkularität, Synchronizität, Linearität, Rationalität, Genügsamkeit (Reduktion), sukzessiv oder kontrastierend, Rhythmus vs. Klang

Einzelnachweise

  1. Artikel Repetition (music) [1] bei der en.wiki
  2. So zum Beispiel Richard Middleton.
  3. zitiert nach Luis-Manuel Garcia (2005), Garcia weist in diesem Zusammenhang auf die Fehlerverwertung als eine der Hauptkompositionsprinzipien bei postdigitalen und bei Glitch-Acts hin.
  4. Artikel Repetition (music) [2] bei der en.wiki
  5. ebd., en.wiki
  6. Kiparsky bei Middleton nach Garcia (2005).
  7. Artikel Repetitive music [3] bei der en.wiki
  8. Die Aura wird oft in direkten Zusammenhang mit einem Begriff von Authentizität gesetzt (so zum Beispiel bei Garcia, 2005). Siehe desweiteren: Artikel Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit [4] bei der de.wiki
  9. Artikel Repetition (music) [5] bei der en.wiki
  10. Artikel Boléro [6] bei der de.wiki
  11. Luis-Manuel Garcia – On and On: Repetition as Process and Pleasure in Electronic Dance Music (2005) [7] bei Music Theory Online, MTO 11/4, 2005
  12. Andrew Cooke – Repetition. Change (2005) [8] bei Monolake
  13. The Fall – Repetition [9] Lyrics bei all the lyrics
  14. Hans Richter – Film ist Rhythmus. Rhythmus 21 (1921) [10] bei Vimeo

Weblinks

  • Richard Middleton – »OVER AND OVER«. Notes Towards A Politics of Repetition. Surveying the Ground, Charting Some Routes (1996) [22] im PopScriptum, Hu-Berlin
  • Zum Umgang mit dem Wiederholungsverbot per Zufallsgenerator in der Seriellen Musik, vgl. Gottfried Michael KoenigLV am 22. November 2002 [23] ab min. 28:20 bei der TU Berlin
  • Autor unbekannt – Minimal. Repetition. [24] en./de. ohne Datumsangabe bei Nook.at
  • Artikel Difference and Repetition (Gilles Deleuze) [25] bei der en.wiki
  • The Avengers – 10 Stunden Hulk und Loki (2012) [26] bei Youtube

Links im Juni 2017.