radio aporee ::: maps

Aus indiepedia.de

radio aporee ::: maps ist ein 2006 ins Leben gerufenes Nonprofit-Projekt des Kölner Medienkünstlers Udo Noll, bei dem es um eine Zusatzfunktion zu Google Maps mit dem Ziel der Erstellung einer Art akustischer Weltkarte geht.

Inhaltsverzeichnis

Hintergründe

Von Benutzern weltweit werden Tonaufnahmen von zwischen zwei und zehn Minuten Länge auf den Server hochgeladen und sind mit unterschiedlichen Ansichten der Orte, Straßenkarte, Satellitenbild auf bis zu 20 Metern Entfernung sowie der üblichen Streetview Ansicht, als Stream abrufbar. Die Aufnahmen werden außerdem verschlagwortet. Die Orte, an denen bereits Audio hochgeladen wurde, blinken in Form eines roten Signalpunkts. Es können für jede hochgeladene Datei auch Zusatzinformationen gespeichert werden. Auch lassen sich bis zu drei Orte online ineinander mixen.

Es können auch ganz spontan Aufnahmen vom Mobiltelefon aus hochgeladen werden. Zusatzinformationen zur Aufnahme können dann über eine Festnetznummer übermittelt werden, der Ort, von dem aus angerufen wurde, wird automatisch verlinkt und erscheint wie die anderen roten Signalpunkte in den Maps mit der zugehörigen Aufnahme. Ebenso möglich ist es, mit einem GPS-fähigen Mobiltelefon die jeweils nächsten Aufnahmen abzurufen und eine Art Spaziergang entlang dieser akustischen Weltkarte zu machen, vielleicht durch ein Fabrikgelände oder so, wo vorher jemand war, der da seinen Weg mittels Aufnahmen und Uploads angelegt hat. Um sich in der Gegend, in der eine Aufnahme gemacht wurde, online während des Hörens ein wenig umzuschauen, kann Google Streetview aufgerufen werden, indem das gelbe Männchen auf den Signalpunkt oder eine der angrenzenden Straßen gezogen wird, oft liegt dieses Angebot vor. Der Immersionsgrad bei radio aporee ::: maps ist wesentlich höher als zum Beispiel mit Streetview ohne Sound und auch wesentlich höher als in virtuellen Welten wie Second Life. Dadurch, dass die Dateien in nichthochauflösenden mp3 Formaten vorliegen, ist die Datentransferrate gering, was die Performance und Funktionalität erhöht. Die Funktion eignet sich damit gut für posthistorische Explorationen via Internet.

Philosophie

Udo Noll hat eine durchdachte Philosophie für sein Projekt: „Die Aporee-Maps bieten den Geräuschen eine Bühne, auf der sie wie durch ein akustisches Vergrößerungsglas erscheinen. Das Spannende an diesem Vorgang ist, dass durch die Überlagerung zweier Medien von vermeintlicher Exaktheit – der Karte und der digitalen Aufzeichnung – eine neue Unschärfe und dadurch Freiheit entsteht.“[1] Es geht ihm darum, eine „tiefe Sehnsucht“ im Menschen anzusprechen und mit der erzeugten Unschärfe eine Art Selbstverständigung durch ein Berührtsein zu ermöglichen.[2] Der Name aporee ist wahrscheinlich ein Neologismus in Anlehnung an das Wort Aporie, das – ganz entsprechend einer solchen Unschärfe – einen Zustand der gespannten Erwartung, einer erhöhten Aufmerksamkeit, oder dessen Herbeiführung bedeutet.

Bei der Exploration der Orte steht der Reiz nicht nur der Akustik, sondern der Atmosphäre auch, abgelegener Orte entgegen dem Glockengeläut von Big Ben im Vordergrund.[3] Mit dem Projekt reflektiert er Google Maps insofern auch kritisch, als er anmerkt, dass diese „hochproblematische Karte“ eine Wahrheit vorspiegelt, ein „verbindliches Bild der Welt“, von dem seine 12jährige Tochter annehmen könnte, so wäre die Welt, ohne mitzureflektieren, dass immer nur halbwegs kontrollierbare Ausschnitte der Wirklichkeit präsentiert werden.[4]

„Somit gibt es diesen Zwischenraum zwischen dem visuellen Heranrücken und einem sehr intimen, aus dem Inneren von Etwas heraus kommenden Klang. Und genau in dieser Lücke liegt eine Anziehung und Kraft des Projekts. Dass man da etwas mit unglaublicher Präzision zu sehen meint, sich aus dem Weltall in den Schornstein eines Hauses zoomt, aber letztlich doch darüber bleibt, in einer ganz groben Übersicht und nichts weiß. Und dann kommt da ein extrem präziser Klang, der vielleicht schon wie die Proust’sche Madeleine als Geruch in die Nase steigt. Das passiert – wie gesagt – nicht immer.“
Udo Noll – Neurosen der Präzision[5]

Nebenbei entwarf und entwickelte Udo Noll zusammen mit der gruppo A12 und Peter Scapelli auch eine Art urban dictionary, das auf der Webseite implementiert ist (vgl. Weblinks: aporie.org/parole).

Perspektiven des Audio Tagging, Audio Mapping

Inzwischen gibt es einige weitere kleine Anbieter, die nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren. Zum Teil werden die Angebote contentabhängig integriert, Ortsinformationen von Reiseveranstaltern zum Beispiel oder Anbindungen ans GPS für mobile Navigationen, kostenpflichtige Angebote haben sich jedoch nicht durchsetzen können. Die wenigen bisherigen Projekte weisen darauf hin, dass langfristig – wie bei den meisten Webinhalten – auch hier eine interaktive regionale Entwicklung und Verwertung den Tenor angeben wird. In diversen Blogs sind zur Zeit einige Anfragen zur Einbindung von Webaudio in Maps akut. Irgendwann wird sich wohl das Problem der Rehistorisierung solcher Maps stellen (zum Beispiel: die Stadt Fukushima vor und nach dem Desaster), die bisherigen Aufnahmen sind ja noch alle zeitnah zu nennen. Udo Noll spricht bereits von „akustisch-historischen Schichten“.[6]

Für Musikangelegenheiten ist mit dem Audiomapping oder Audiotagging ein endloses Samplereservoir abrufbar. In (Home-)Studios mit Internetanbindung lässt sich der Stream ohne große Kosten oder großen Aufwand wie ein Instrument ins Mischpult dazustreamen, die Aufnahmen sind auch zumeist etwa gleich laut, die Wechselfrequenz ist optimal für Echtzeitbearbeitungen im Livebetrieb.[7]

Diskografie

  • Udo Noll Diskografie [4] Bei Discogs

Einzelnachweise

  1. Interview von Ralf Kellershohn mit Udo Noll [1] Reticon, Bildung und Neue Medien
  2. ebd.
  3. ebd.
  4. im Gespräch mit Ralf Kellershohn [2] Neurosen der Präzision
  5. ebd.
  6. ebd. – Neurosen der Präzision
  7. Audiovisual Spacediving [3] bei Passive Musik Berlin. Immersionsfaktoren und -verläufe explorieren, Systemvoraussetzungen, Performance und Regeln für die Einbindung in Homestudios.

Weblinks

  • Homepage [5] Das jeweils aktuellste Signal wird sofort mit den Bedienungselementen wiedergegeben. Der Verlaufsbalken für das Soundfile unten rechts unter dem aktiven Bildausschnitt, die Bewegungselemente linker Hand (das Männchen auf die Karte ziehen öffnet Google Streetview, mit dem weißen Kreuzchen oben rechts im Bildausschnitt verlässt man Streetview wieder). Ganz unten rechts im grauen Balken stehen Informationen über Ort und Lage. Die Umschaltknöpfe zwischen Satellitenansicht, Kartenansicht und Straßenkarte sind rechts oben im Ausschnitt. Manchmal dauert der Aufbau der Karten ein bisschen, je nach Qualität der Internetanbindung.
  • Homepage mit der kompletten Vernetzungsstruktur und Chatmöglichkeit [6] aporee.org
  • Archiv von Zusatzfunktionen bei Google Maps [7] Google Maps Mania
  • Anschlussprojekte von Udo Noll, Übersicht [8] radio aporee ::: projects
  • Urban Dictionary Parole [9] aporie.org/parole
  • Präsentationbeschreibung radio aporee ::: maps – an open project on the creation and exploration of public sonic layers [10] Bei Tuned City (10. Juli 2011)
  • Profil mit Links zu Seitenprojekten von aporee.org [11] Bei As We May Think
  • Blogreview [12] Lauschangriff auf Google Maps
  • Nutshell: Udo Noll [13] Bei Think Tank Leipzig
  • Artikel Google Maps: Präsentation der nächsten Dimension [14] bei Die Presse.com vom 04. Juni 2012

Weitere Anbieter

  • Audio Tagger [15] Moolab
  • Audiomaps [16] Favourite Sounds
  • „Audiocitywalk“ durch Kiel [17] KielPod.de
  • New York [18] Soundseeker
  • "Citywalk" Virginia [19] Google Maps

Links zuletzt am 25. Dezember 2013 überprüft.

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