Punk

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Punk oder Punkrock ist ein Genre, das sich seit 1975 zunächst in Großbritannien, danach in den USA und Deutschland, schließlich weltweit als Nachfolger des Glamrock und im Gegensatz zum weltfremden Progressive Rock präsentierte und nach wenigen Jahren in die New Wave, Independent und Post-Punk mündete.[1]

Hintergrund

Die großen Gruppen der 1970er Jahre, Rolling Stones, Led Zeppelin, Pink Floyd usw. hatten sich von ihrem Publikum entfernt, während es in England wirtschaftlich immer mehr den Bach runter ging. Viele der Jugendlichen fanden nach ihrer Ausbildung keine Arbeit. Es gab kein ausgereiftes Sozialsystem und so saßen viele der Jugendlichen auf der Straße. Es entstand ein Hass gegen die Gesellschaft – Schlagwort No Future – der durch das Wertkonservative, Oberflächliche und die verstaubten Überreste der Nachkriegszeit noch verstärkt wurde. Sie kleideten sich extra-schäbig und trugen verrückte Frisuren. Provokation war Mittel zum Zweck. Insignien des Dritten Reichs wurden aus ihrem Kontext gerissen und so kritisiert, um die Väter und Großväter zu schocken, die für die Alliierten noch gegen Hitler gekämpft hatten.

Geschichte

Proto-Punk

In der Proto-Punk-Phase waren vier Bands entscheidend für die Entwicklung. In New York gründete 1966 Lou Reed – „The Godfather of Punk“ (Legs McNeil) – mit John Cale The Velvet Underground, die eine Antithese zum Summer Of Love und dem Hippietum formulierten und bis dahin nicht erzählte Geschichten aus dem seedy underbelly der Großstadt mit verzerrten Gitarren, elektronischer Violine und Noise, Noise, Noise vertonten.

Von Andy Warhol unter die Fittiche genommen, war The Velvet Underground trotz chronischer Erfolgslosigkeit musikalisch, aber noch mehr durch das unbedingte anders sein, anders sein wollen, äußerst einflußreich. Das spätere Markenzeichen des Punk, das Brechen von Regeln, das über die Grenzen des bis dato üblichen hinausgehen, findet sich bei den Velvet Underground bereits in Vollendung.

In Detroit trägt Iggy Pop mit den Stooges eine metallische Härte und dem Wahnsinn seiner Stageperformance zur Ursuppe des Punk bei, die MC5 würzen sie dagegen galore mit aggressiv politischen Themen (wobei ihr Kommunenleben sie zu einer Art Hybrid der bestehenden Hippie- und der aufkeimenden Punkkultur macht). Beiden ist – wie schon den umstrittenen Liveperformances von The Velvet Underground – gemein, dass sie ein riot-Element der Musik zuführen. Die MC5 explizit über ihre politischen Ambitionen, Iggy und die Stooges mehr implizit durch den selbstzerstörerischen Wahnsinn, den Iggy auf der Bühne auslebt.

In New York entstanden nach der großen Zeit von Warhols Factory und The Velvet Underground in den frühen 1970er die New York Dolls, die mit ihrem damals eigenwilligen Kleidungsstil auffielen und insbesondere für die spätere New Yorker Punkszene der Fixpunkt sein sollten, bis 1975 der Übergang zu Punk erfolgte.

UK-Punk

Durch eine Tour der New York Dolls kam London erstmals mit Proto-Punk in Kontakt, woraufhin Malcolm McLaren nach New York zog und deren Manager wurde. Da sich aber seine politischen und künstlerischen Ambitionen mit den New York Dolls, die eher eine Bande von street rats waren und sich um Manifeste nicht scherten, nicht umsetzen ließen, scheiterte er und eröffnete in London mit Vivienne Westwood einen Mode-Shop.

Nach verschiedenen Stilwechseln konzentrierten sich Westwood und McLaren in ihren Kreationen auf Fetisch-Stil und nannten ihren Laden in der King's Road Sex, der ein Treffpunkt einer Gruppe von Jugendlichen wurde, aus denen später die Sex Pistols (benannt nach dem Laden) entstanden, die McLaren als Manager führte und über die er seine Ambitionen einer Verknüpfung von Musik mit Zielen der Situationistischen Internationale zu verwirklichen suchte.

Im November 1975 hatten die Sex Pistols ihren ersten Auftritt im St. Martin's Art College in London. Nachdem sie nur fünf Songs gespielt hatten, wurde das Konzert abgebrochen. Am nächsten Tag führten sie ihren 30-Minütigen Auftritt an der Central School of Art and Design fort. Zentral und unverzichtbar für den Eindruck, den die Sex Pistols hinterließen war ihr Sänger und Texter Johnny Rotten, der seine Worte dem Publikum mit einer Verachtung entgegenschleuderte, wie sie die Musikwelt bis dahin noch nicht gesehen hatte.

Die Sex Pistols waren die Initialzündung für den englischen Punk, ihnen folgten zunächst The Clash und The Damned. Auch aufs restliche England schwappte die Punkwelle langsam über, so wurde Manchester durch ein legendäres, von den Buzzcocks organisiertes Konzert infiziert bei dem sich beispielsweise Joy Division gründeten (sehr schön im Film 24 Hour Party People festgehalten).

Ein zentraler Mythos in der Geschichte des Punk ist die Bill-Grundy-Show und ihre Folgen. Die in Bill Grundys Fernsehsendung eingeladenen Sex Pistols traten dort mit einer Fanschar auf, unter denen sich auch die in der Folge von Bill Grundy angebaggerte Siouxsie Sioux befand. Steve Jones griff schützend ein und beleidigte live auf Sendung den Moderator, was am nächsten Tag von der Yellow Press in England aufgenommen wurde und als der Moment gelten kann, als Punk den Underground verließ. Eine heute kaum zu verstehende Hysterie setzte ein und die einen Tag später startende Anarchy-in-the-UK-Tour (Line-Up: The Damned, The Clash, Johnny Thunders & The Heartbreakers sowie die Sex Pistols als Headliner) wurde zu einem wahren Spießrutenlauf. Oftmals durfte der Tourbus nicht einmal die Ortsgrenzen überfahren, lediglich ein Bruchteil der Konzerte fand tatsächlich statt.

In der Folgezeit waren die Sex Pistols die berüchtigste Band des Königreichs, was absurde Ausmaße annahm: Sie wurden von zwei Plattenfirmen gefeuert, bevor sie überhaupt ihr Album abliefern durften. Um Platz 1 für God Save The Queen zu verhindern, wurden die UK-Charts manipuliert bis schlussendlich das junge Label Virgin endlich den Mut zeigte, ihr Debutalbum Never Mind the Bollocks zu veröffentlichen, das zum zentralen Werk des Punkrock wurde.

Der nicht enden wollende Zwist zwischen dem Figurehead der Punkbewegung, Johnny Rotten, und dem Sex Pistols Manager Malcolm McLaren, kulminierte auf einer US-Tour in den ersten Monaten 1978. In San Francisco angelangt, war Johnny Rotten der Heroinsucht des Bassisten Sid Vicious wie des Geschäftsgebahrens McLarens derart überdrüssig, dass er entschied auszusteigen und auf dem Konzert im Winterland, San Francisco nach einem Cover von No Fun der Stooges die berühmten letzten Sätze formulierte: "Ever get the feeling you've been cheated?" und spätestens hier Punk implodierte.

The Clash hingegen, die mit ihrem selbstbetitelten Debut ein schnelles Garagen-Punk-Fest feierten, entwickelten sich nicht nur zum politischen Gewissen des Punk, sondern erweiterten auch die Grenzen dessen, was man im Punk machen durfte. Zentral ist dabei das dritte The-Clash-Album London Calling, das ein an Stilvielfalt kaum zu überbietendes, herausragendes Doppel-Album war.

CBGB / Hardcore

In den USA traten mehrere (musikalisch völlig unterschiedliche) Bands auf, die in der Tradition Velvet Undergrounds spielten und im CBGB eine Heimat fanden. Tom Verlaine von Television überredete den Besitzer der schlecht gehenden Bar in der Bowery, einmal in der Woche Konzerte abhalten zu dürfen und baute mit seinen Bandkollegen eigenhändig die dortige Bühne auf der in den darauffolgenden Wochen mit Television, den Ramones, Suicide, Blondie, Talking Heads, Richard Hell (anfangs noch bei Television), Johnny Thunders And The Heartbreakers (früher bei den New York Dolls), Patti Smith sowie den zugezogenen Dead Boys alle prägenden US-Punkbands der Frühzeit spielen sollten.

1974 gründeten sich die legendären Ramones, die Harmonien der 60s Garage-Groups und des Phil Spector Sounds mit ungeahnter Schnelligkeit spielten und so das Blueprint für jeden melodiösen Punk bis heute bilden. Im Januar 1976 erschien erstmals das Fanzine Punk, wodurch die neu geborene Szene einen Namen bekam (Punk, engl. = Abschaum, Dreck). Die Anhänger der Szene fanden diesen Namen, den Legs McNeil, der Gründer der Zeitschrift für sie gefunden hatte, vorerst recht lächerlich. Sie alle sahen sich nicht als Punk.

Der Name selbst ist aus einem Buch William Burroughs entliehen, was noch einmal ins Gedächtnis ruft, dass Punk von Beginn an eine sehr enge Anbindung an den künstlerischen Underground hatte. Burroughs, Jim Carroll und Patti Smith waren Schriftsteller und Dichter, die alle in der Punkszene eingebunden waren. So sollte der amerikanische Punk zum artifizielleren Bruder des britischen werden, der dafür deutlich klarer gesellschaftliche Missstände artikulierte.
Diese Bands entstanden Anfang der 80er als die Punk-Welle langsam abflachte. Die ehemaligen Punks entwickelten sich nun in verschiedene Richtungen. So gab es eben einerseits Post-Punk- bzw. New Wave-Bands wie Public Image Ltd., die sich (allen voran John Lydon von den Sex Pistols) künstlerischerer oder experimentellerer Musik zuwandten.
Andererseits enstand vor allem in Amerika aus den Punk-Anhängern nun eine neue Underground-Szene. Mit Bands wie Black Flag, Agnostic Front oder den Dead Kennedys war der Hardcore geboren (aus welchem wiederum wieder die Straight Edge-Bewegung hervorging). Hardcore etablierte sich in Amerika zu dieser Zeit im Underground. Über das, was ansonsten Anfang und Mitte der 80er in Sachen PunkMusik ablief, hörte man jedoch sehr wenig. Thurston Moore sagt dazu in der Dokumentation Punk: Attitude: „Dann wird es ruhig. Es heißt immer: Dann passierte lange nichts, bis eine kleine Band aus Seattle in den späten 80ern auftauchte. Es ist sozusagen ein weißer Fleck. Keiner weiß, was in den 80ern los war, es gibt nicht viele Quellen dazu, was underground ablief.“[2]

Punk in den 90ern/00ern

Im Rahmen des Punk-Revivals feierte Punk im Amerika der 1990er noch nie dagewesene kommerzielle Erfolge. Platten wie Dookie (Green Day) und Smash (The Offspring) verkauften sich besser als die der Gründungsväter Ramones, Pistols oder Clash. Neben den großen Bands, die sich alsbald unter Major-Fittiche begaben, blieb vor allem das Epitaph-Label (und in Europa Burning Heart) für die Bands des Punk-Revivals wie Rancid und NOFX die erste Adresse.

Kurz nach der Jahrtausendwende kam in der Bugwelle der Strokes die große Zeit des Garage-Punk, der für zwei, drei Jahre die Musikwelt - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung und in der Presse - vollends bestimmte. Im Gegensatz zum Punk-Revival, das sich aus Skate-Kultur und dem UK-Punk der 70er speiste, standen die Garage-Punk-Bands in der Tradition des CBGB- und Proto-Punks.

Musikalische Besonderheiten

Das besondere der Punkszene war, dass jeder daran teilnehmen konnte. Jeder konnte sich auf die Bühne stellen und seine drei Akkorde auf der Gitarre schrammeln oder einfache Rhytmen auf den Drums klopfen. Das war Punk. Diese DIY-Idee und -Ästhetik setzte sich auch in den Produktionsmitteln fort. Es entwickelte sich erstmals eine funktionierende Independent-Struktur mit Labels, die im Wochentakt Punksingles auf den Markt warfen. Rough Trade war dabei das Auge des Independent-Hurrikans, der für eine kurze Zeit in England den Major-Plattenfirmen die goldbesetzten Ziegel vom Dach wehte.

Punk hat sich verändert, hat sich weiterentwickelt und viele Substile entwickelt. Man kann sich nicht mehr überall auf die Bühne stellen und seine drei Akkorde schrubben, Punk hat sehr an musikalischen Qualitäten gewonnen, ist massentauglich und somit auch kommerziell geworden. In Teilen der Punkszene sind viele optimistische und vitalistische Grundeinstellungen eingeflossen, entgegen der früheren No Future-Einstellung. Punk hat sich mit vielen anderen Musikrichtungen und Einflüssen vermischt.

Punk, Elektropunk, Punk'n'Roll, Pop-Punk, Ska-Punk, Polit-Punk, Fun-Punk, Melodic-Punk, Skate-Punk, Hardcore-Punk, Deutsch-Punk, Street-Punk, Emo-Punk, Surf-Punk, Post-Punk, Cowpunk

Andererseits ist mit einem breiteren Verständnis von Punk - gerade durch die Weiterentwicklung mittels Post-Punk - kaum eine relevante gitarren-dominierte Musikrichtung von heute ohne Punk denkbar. Die Atonalität, Aggressivität und der Versuch, Grenzen zu verschieben, die immer zentral für Punk waren, leben in den verschiedenen Formen, wenn auch nicht in den von MTV glatt geschliffenen Pop-Punk-Formaten, weiter.

Wichtige Akteure, Alben und Songs

Wichtige Bands und ihre zentralen Alben:


Wichtige Songs

Best-of-Listen

Vorläufer

Wichtige Labels

Literatur

Einzelnachweise

  1. Video mit Diskussion (en) bei Youtube Im Publikum neben den Damned auch die Sex Pistols sowie Noddy Holder (Slade), Jimmy Pursey (Sham 69), Les McEwen (Bay City Rollers).
  2. Don LettsPunk: Attitude [1] Video bei Amazon (ca. 12€)

Weblinks