Postserielle Musik

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Postserielle Musik ist die Musik der Komponisten der europäischen Avantgarde zu Beginn der 1960er Jahre bis in die späten 1970er. Sie weist im allgemeinen Aspekte der „Polyvalenz und Multilingualität der Postmoderne“ auf.[1] Postserielle Musik gehört zur Neuen Musik. Als kritische Entwicklung des Serialismus soll sie keine „Trümmerfelder“ (Theodor W. Adorno) hinterlassen.

Hintergrund

Die 1950er Jahre waren von der seriellen Musik im Gegensatz zur Musique concrète aus Frankreich geprägt, die 1960er und 70er von der postseriellen entgegen der Minimal Music aus den USA. „Viele Aspekte, die im Rahmen der postseriellen Musik diskutiert werden, basieren nicht nur auf ihrer Existenz als ‚Antwort’ auf die serielle Musik, sondern sind im Seriellen selber verankert.“[2] Das dynamische progressive Potential des Serialismus wundert nicht, wo die Musik sich aus Details entfaltet.

Postmoderne und Serialismus

Das Präfix Post- wird chronologisch und als Gegenüberstellung verwendet. Bezugspunkt der postseriellen Musik ist die serielle Musik, üblicherweise werden jedoch oft auch postmoderne Komponisten und Musiker mit einbezogen, die sich im Grunde nicht auf die serielle Musik als vorangehendes Genre beziehen, sondern neben Progressiveformeln eine der Postmoderne entsprechende eklektizistische Machart vorweisen, was eine Eingrenzung postserieller Musik im Sinne einer Definition erschwert.[3] Als eines der ersten Beispiele postmoderner Musik ist der dritte Satz aus Luciano Berios Sinfonia von 1968 bekannt geworden. Im dritten, polystilistischen Satz werden unterschiedliche Quellen zitiert, das Orchester integriert Teile aus Werken von Paul Hindemith, Maurice Ravel, Claude Debussy, Arnold Schönberg, Karlheinz Stockhausen und vielen anderen[4]: „Zu jedem Zeitpunkt spielen die tatsächlich verwendeten Akkorde und Melodien eine untergeordnete Rolle gegenüber der Tatsache, dass man ein bestimmtes Zitat von Mahler, Alban Berg oder Beckett hört.“[5]  🔔  Luciano Berio – Sinfonia: [13] III. Satz bei Youtube.

Informelle Musik, Formelkomposition, multiformale Musik

Informelle Musik steht mehr oder weniger synonym für die Bestrebungen in Richtung einer postseriellen Musik Anfang der 1960er Jahre. Ende der 1950er Jahre deutet sich an, dass die Reihe oder Serie eine Komposition für viele zu sehr determiniert. 1961 hält Theodor W. Adorno einen Vortrag, in dem er den Entwurf einer post-seriellen Musik skizziert, die er in Anlehnung an die Informelle Kunst der 1940er und 1950er Musique informelle nennt.[6][7] Wie auch György Ligeti vermisst er den „Vektorencharakter“ besonders der seriellen Musik und der Aleatorik, sukzessive Entwicklungen von Formelementen der Musik in der Zeit wären nicht mehr ausfindig zu machen.

Die Begriffe Formelkomposition und multiformale Musik werden 1978 von Karlheinz Stockhausen geprägt. Formelkomposition umfasst uniformale und multiformale Musik. Während uniformale Musik auf Grundlage einer Formel ausgeführt wird, wird multiformale Musik aus mehreren Formeln entwickelt, die kombiniert eine Superformel ergeben.[8] Stockhausen definiert multiformale Musik wie folgt: Die Formel „ist Matrix und Plan von Mikro- und Makroform, zugleich aber auch psychische Gestalt und Schwingungsbild einer supramentalen Manifestation.“[9]

Klangkomposition und Mikropolyphonie

Klangkomposition ist eine Sammelbezeichnung für Klangflächenkompositionen und Klangfarbenkompositionen. Der akustische Eindruck ist fast durchweg ein eher räumlicher als zeitlicher, vielleicht ist die Klangkomposition nicht umsonst ab dem beginnenden Posthistoire zu verorten. Neben den Veränderungen der Klangfarben im Verlauf eines Stückes als erstes Prinzip einer Komposition wird oft auch zur Absetzung von der ersten Welle serieller Musik ein mechanistisches Klangbild vermieden. Neben der Struktur stehen die Referenzen im Vordergrund, eine Reästhetisierung des Hörempfindens wird seit Mitte der 1960er von Komponisten der Neuen Einfachheit umgesetzt. Der Fokus der Aufmerksamkeit in postserieller Musik liegt auf der Gestaltung von Klang und Klangfarbe.[10] Bereits Schönberg „bemängelte, dass der Klangfarbe ein quantitatives Ordnungssystem wie das der Tonhöhe fehle.“[11] György Ligeti schwebte ein Gegenentwurf zur Idee der Musique pure im Serialismus vor:

„Klingende Flächen und Massen, die einander ablösen, durchstechen oder ineinanderfließen, – schwebende Netzwerke, die zerreißen und sich verknoten, – nasse, klebrige, gallertartige, faserige, trockene, brüchige, körnige und kompakte Materialien, – Fetzen, Floskeln, Splitter und Spuren aller Art, – imaginäre Bauten, Labyrinthe, Inschriften, Texte, Dialoge, Insekten, – Zustände, Ereignisse, Vorgänge, Verschmelzungen, Verwandlungen, Katastrophen, Zerfall, Verschwinden, – all das sind Elemente dieser nicht‐puristischen Musik.“[12]

Gianmario Borio bezeichnet die Musik der Avantgarde um 1960 als grundsätzlich unabgeschlossen, die Techniken und Grundlagen nennt er „pseudokausal“, was die Rezeptionsweise der Kompositionen deutlich beeinflusst:

„Durch Pseudokausalität erhalten sie etwas Außerzeitliches, da sie wie ‚vorübergehende Momente eines prinzipiell unendlichen Verwandlungsprozesses der Materie‘ [...] wirken. Dieser Eindruck des Außerzeitlichen mag zusätzlich durch die Raumvorstellungen, die viele Klangkompositionen wecken, verstärkt werden. In der Tat sind viele Klangtexturen leicht durch Attribute wie eng, hoch, dicht, etc. – also eigentlich räumliche Charakteristika – zu beschreiben.“[13]

Unterschieden wird die Struktur als differenziertes Gefüge der Interdependenzen von Details und Komponenten und die Textur, ein homogenes Gewebe, das die einzelnen Elemente mehr absorbiert, als dass es sich aus ihnen konstituiert. Ligetis nuanciert-verwischte Klangflächen bestehen aus vielen polyphonen Schichten, die übereinandergelegt werden, bis durch sogenannte Sukzessionsverwischungen (vgl. auch: Verwischungsfarben) komplexe Gewebe entstehen, bei denen die Polyphonie als solche nicht mehr wahrnehmbar ist. Ein solches Stück ist nur als Gesamtkomposition, nicht aber durch die Einzelheiten zu verstehen. Das bekannteste Beispiel ist wohl Ligetis Lux Aeterna von 1966, das 1968 in Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltall verwendet wurde, angeblich, ohne dass Ligeti je einen Cent Tantiemen dafür sah:

Schola Cantorum Stuttgart: György Ligeti – Lux Aeterna (1966)

Einflüsse in der Populären Musik

Einflüsse serieller und postserieller Musik finden sich in der populären Musik zunächst besonders in der Elektronischen Musik, im Progressive Rock (zum Beispiel Frank Zappa, Captain Beefheart), Psychedelic Rock (King Crimson, Robert Fripp, Jefferson Airplane, Can und andere), dem Jazz (AMM, Derek Baily, Goebbels/Harth, Art Ensemble of Chicago), zum Teil auch im Jazzrock (Passport, Weather Report) und Fusion (Miles Davis), Free-Jazz (Cecil Taylor, John Zorn und andere), dem Krautrock (zum Beispiel Amon Düül II, Faust) wie auch dem Post-Punk (The Pop Group und On-U, Negativland, Eugene Chadbourne, This Heat, David Sylvian, Zoogz Rift, Helios Creed, Big Stick, David Cunningham, J.G. Thirlwell, Pere Ubu, Henry Kaiser, Kramer und viele weitere), Post-Hardcore (Squirrel Bait, Homestead, Shimmy Disc und SST-Bands), Post-Rock (Slint), im experimentellen Noise und Industrial (zum Beispiel Asmus Tietchens, David Jackman) sowie bei Elliott Sharp, Moondog, Thomas Lehn, Marcus Schmickler und anderen, die sich auf Neue und Populäre Musik (oft vermittelt durch elektronische Musik) gleichermaßen beziehen. Kraftwerk und Can-Mitglieder haben bei Karlheinz Stockhausen studiert, Zusammenarbeiten von Stockhausen sollte es mit John Lennon und Björk geben. Spuren der für postserielle Musik typischen Kriterien sind spätestens seit der Entwicklung der Sampletechnologie in den 1980er Jahren und der Computermusik in den 1990ern in allen avantgardistischen oder modernistischen Stilen auch der populären Musik vorzufinden. Für die Populäre Musik bis zur Gegenwart lässt sich behaupten, dass tendenziell desto deutlichere Einflüsse aus dem Serialismus bestehen, je weniger Einflüsse aus der Minimal Music und der Musique concrète vorliegen.

Kritik

Hans Werner Henze (1967): „Bald werden die Clusters, die seriellen Rezitative und die Happenings sich endgültig erschöpft haben, und der junge Komponist wird sich vergebens in solchem Ödland nach Nahrung für seine hungrige Seele umsehen.“[14]

Die Langlebigkeit des Postseriellen im Vergleich zum Serialismus der 1950er verdankt die postserielle Musik möglicherweise zum Teil auch einer gewissen Beliebigkeit, bestimmt aber der fertigen Grundgestalt des Seriellen, die in Folge eine dauerhaft stabile Unterlage für viele musikalische Einflüsse und Techniken bot.[15] Eine ähnliche Langlebigkeit hat auch der Post-Punk im Vergleich zum Punk vorzuweisen, die Bezugspunkte, was die musikalische Form in ihren Entwicklungen zu den jeweiligen Vorbild-Phänomenen betrifft, sind insgesamt vergleichbar, auch beim Post-Punk, der sich zum Teil wie Punk auf Dada beruft, ist die abgeschlossene Form des Punk als fester Bezugspunkt ein Grund für die Erfolgsgeschichte des Genres.

Komponisten

György Ligeti, Helmut Lachenmann, Karlheinz Stockhausen, Altuğ Ünlü, Per Nørgård, György Kurtág, Krzysztof Penderecki, Christian Wolff, Friedrich Cerha, Wolfgang von Schweinitz, Toshio Hosokawa, Xiaoyong Chen, Ensemble Intégrales, Dieter Schnebel, George Crumb, Pierre-Laurent Aimard, Karlheinz Essl, Witold Lutoslawski, Luciano Berio, Friedrich Cerha, Henri Pousseur, Gottfried Michael Koenig, AMM, Jean-Claude Risset, Bernhard Lang

Siehe auch

Algorithmische Komposition, Neue Musik, Serielle Musik, Live-Elektronik, Spektralmusik, Texturalismus, Futurismus, Musikalisches Werk, Komposition, Elektronische Musik, Schillinger-System, Progressive Rock, Noise, Industrial, Krautrock, Molekulare Musik, Neuronale Netze, Lexikon-Sonate.

Post-

Post- (Präfix), Post-Punk, Post-Techno, Post-Rock, Post-Grunge, Post-Hardcore, Post-Hip-Hop, Post-Metal, Post-Industrial, Post-Dubstep, Postdigital, Post-Brit-Pop, Post-Disco

Literatur

  • Gianmario Borio – Musikalische Avantgarde um 1960. Entwurf einer Theorie der informellen Musik, Regensburg 1993
  • Josef Häusler: Musik im 20. Jahrhundert – Von Schönberg zu Penderecki, Bremen 1969 (Informelle Musik)
  • Hans Kumpf – Postserielle Musik und Free Jazz, Wechselwirkungen und Parallelen. Berichte, Analysen, Werkstattgespräche, München 1975, 1981
  • Ralf von AppenKonkrete Pop-Musik. Zum Einfluss Stockhausens und Schaeffers auf Björk, Matthew Herbert und Matmos (2003) [14] Online bei der Gesellschaft für Popularmusikforschung e.V.

Einzelnachweise

  1. Karlheinz Essl – Wandlungen der elektroakustischen Musik (2007) [1] bei Karlheinz Essl
  2. Jens Markus Engel – Klangkomposition als postserielle Strategie. György Ligetis Mikropolyphonie und Helmut Lachenmanns musique concrète instrumentale. Serielle Musik. (2005) [2] S. 28, Magisterarbeit an der Universität Lüneburg (Authentifizierung erforderlich)
  3. So auch Wolfgang Hufschmidt, hier inbezug auf die Musik der zweiten Generation serieller Komponisten: Die Musik der 60er Jahre wurde „mit dem Etikett einer postseriellen belegt … Betrachtet man die derart apostrophierten Werke jedoch genauer, so fällt auf, dass in den letzten 15 bis 20 Jahren zwar kaum Werke entstanden sind, die im orthodoxen Sinne als seriell zu bezeichnen wären, wohl aber solche, die höchst bemerkenswerte Erfahrungen aus der seriellen Kompositionsmethode in ein neues kompositionstechnisches Konzept eingebracht haben.“, in: Wolfgang Hufschmidt – Reflexionen über Musik, Mainz 1981, zitiert nach Christoph von Blumröder – Serielle Musik (1995) [3] in: Terminologie der Musik im 20. Jahrhundert, S. 409, Leseprobe bei Google.books
  4. Artikel Sinfonia (Berio) [4] Liste der Zitate in Berios Sinfonia, III. Satz bei der en.wiki
  5. Artikel Luciano Berio [5] bei der de.wiki
  6. Theo Enders – Informelle Musik [6] Freie-Szene.de
  7. Artikel Informelle Kunst [7] bei der de.wiki
  8. Christoph von Blumröder – Serielle Musik (1995) [8] in: Terminologie der Musik im 20. Jahrhundert, S. 408f., Leseprobe bei Google.books
  9. Stockhausen, zitiert nach Peter Schnur – Die Idee des Gesamtkunstwerks bei Karlheinz Stockhausen, dargestellt am Zyklus "Licht" [9] S. 14, Leseprobe bei Google.books
  10. Helmut RösingDie Bedeutung der Klangfarbe in traditioneller und elektronischer Musik: eine sonagraphische Untersuchung (1972) [10] bei Google.books
  11. Jens Markus Engel – Klangkomposition als postserielle Strategie. Der Begriff des Postseriellen, S. 11
  12. zitiert nach Engel – Klangkomposition als postserielle Strategie, S. 43f.
  13. ders. zitiert Gianmario Borio – Klangkomposition als postserielle Strategie, S. 38 in der Anmerkung
  14. Artikel Hans Werner Henze [11] bei der de.wiki
  15. Entsprechend sind auch die Rechtfertigungen in der Neuen Musik für eine über das Serielle hinausgehende Form oft ausformuliert, so zum Beispiel bei Bernhard Lang für eine Serie (Metaserie) ...
    • a) die Merkmale einer Binnenkontrapunktik zeigt, also in sich kein einschichtiges Gebilde darstellt,
    • b) sich nicht auf dodekaphonische Vollständigkeit und Komplementarität beschränkt,
    • c) authentisch in ihrem Umgang mit richtungsgleichen Intervallen sein kann,
    • d) verschiedene Freiheitsgrade des Komponierens simultan integrieren kann,
    • e) deren Umfang sehr groß werden kann,
    • f) und die letztlich auch harmonische Deutungen zuläßt.
    In: Beiträge zur Elektronischen Musik 7, 6. Strukturelle Darstellung der Iterationsebenen (1996) [12] beim Institut für Elektronische Musik und Akustik – IEM, Graz

Weblinks

  • Artikel Serielle Musik [15] bei der de.wiki
  • Don Fatale – Postserielle Musik – ein "Kanon" (1970-2010) [16] bei Cappricio-Kulturforum.de
  • Helmut Rösing – Die Bedeutung der Klangfarbe in traditioneller und elektronischer Musik: eine sonagraphische Untersuchung (1972) [17] bei Google.books
  • Hans Kumpf – Electronics können auch körperlich sein (2009) [18] bei Jazz Pages
  • Karlheinz Essl – Aspekte des Seriellen bei Stockhausen (2009) [19] bei Karlheinz Essl
  • Christoph von Blumröder – Serielle Musik (1995) [20] in: Terminologie der Musik im 20. Jahrhundert, S. 396ff., Leseprobe bei Google.books
  • Nikolaus Urbanek – Spiegel des Neuen. Musikästhetische Untersuchungen zum Werk Friedrich Cerhas [21] Bern 2005, Leseprobe bei Google.books
  • Artikel Informelle Kunst [22] bei der de.wiki

Links im Juli 2017.