Popliteratur

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Was genau diese Literaturgattung ausmacht ist, im Gegensatz z.B. zur Klassik, oder zum Sturm und Drang, nicht klar abgegrenzt. Sie schließt an an eine Entwicklung, die die Literatur seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Expressionismus und mit Dada begonnen hatte. Als sie in den 1940er Jahren in den Vereinigten Staaten entstand drückte sie vor allem ein Aufbegehren gegen die verfahrenen Strukturen und Konventionen der Gesellschaft aus. Sie geht zurück auf die sogenannte Beat Generation (die ‚geschlagene Generation’ während und nach dem 2. Weltkrieg) der 40er und 50er-Jahre, zu deren bekanntesten Autoren Jack Kerouac, William S. Burroughs und Allen Ginsberg zählen. Die Beatniks versuchten mit den vorherrschenden Moral- und Lebensvorstellungen zu brechen und suchten den Drogenkonsum, um ihr Bewusstsein zu erweitern. Die Autoren des Beat versuchten den wenig konventionellen Lebensstil dieser subkulturellen Bewegung in einer Sprache darzustellen, die möglichst nah an der Realität war. Ein Stilmittel dafür war der schon Anfang des Jahrhunderts z.B. von James Joyce eingeführte „Stream of Consciousness“ (Bewusstseinsstrom).


„Losgelöst von vorgegebenen Sinnmustern wendet sich die Imagination dem Nächstliegenden, Greifbaren zu. (...) Dem Anwachsen von Bildern = Vorstellungen (nicht von Wörtern) entspricht die Empfindlichkeit für konkret Mögliches, das realisiert sein will. Für die Literatur heißt das: tradiertes Verständnis von Formen mittels Erweiterung dieser vorhandenen Formen aufzulösen und damit die bisher übliche Addition von Wörtern hinter sich zu lassen, statt dessen Vorstellungen zu projizieren – „Das Buch in Drehbuchform ist der Film in Worten“ (Kerouac)“ (vgl. R. D. Brinkmann in Acid: Der Film in Worten, S. 381)


Vor allem ging es darum einen Gegenpol zur elitären Hochkultur zu bilden, die das Wesentliche der Welt nicht traf. Man forderte eine Ablösung derselben durch eine Literatur, die auch den Alltag mit einbezog. Genauso wie schon die Dadaisten wollte man sich nicht auf eine literarische Gattung festlegen, nirgends halt machen und sich nicht beschränken. So arbeiten viele Lyriker, wie zum Beispiel John Perreault gleichzeitig als Kritiker, Filmemacher oder Bildende Künstler. Popliteratur und Rock stehen in einer engen Verbindung und wechselseitigen Beziehung, die Grenzen sind verschwommen. Über ihnen steht der Begriff der neu aufkommenden Popkultur und Namen wie Andy Warhol.

Einen Raum und Aufmerksamkeit für die amerikanische Popliteratur in Deutschland schaffte vor allem der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann mit der Anthologie ACID Neue amerikanische Szene, die er 1969 zusammen mir R. R. Rygulla im März-Verlag herausbrachte.

Im dazugehörigen Nachwort-Kapitel „Kunst schreitet nicht fort, sie erweitert sich (2)“ fordert er Literatur von der Leine zu lassen, sie nicht mehr als Kettenhund anzusehen, ihr langsames Eingehen an der leeren Forderung nach „objektiver“ Bedeutsamkeit zu überspringen.


„Der Tot-Stell-Reflex, der die deutschsprachigen Literaturprodukte weithin kennzeichnet, äußert sich in der praktizierten hemmungslosen Tabuisierung bestimmter "Wörter", anstatt auf Wörter oder Sätze so lange draufzuschlagen, bis das in ihnen eingekapselte Leben (Dasein, einfach nur: Dasein) neu daraus aufspringt in Bildern, Vorstellungen" (vgl. R.D. Brinkmann/R.R. Rygulla (Hrsg.): ACID, S.399)

Den Anfang der aktuellen deutschen Popliteratur schreibt man oft Joachim Lottmann zu. Lottmann veröffentlichte bereits 1987 Mai, Juni, Juli, ein Roman der sich mit den Themen Pop, Sex und Seele beschäftigte und nicht ganz zufällig auch mit der Szene um die Spex Redaktion. 2002 wurde das Buch wiederveröffentlicht. Bereits vorher betitelte die FAZ das Buch als eines der wirkungsvollsten der letzten 20 Jahre.

Die Popliteratur der letzten Jahre wurde kontrovers diskutiert. An ihr erkennt man diese Wurzeln nur noch beschränkt, obwohl auch sie sich durch eine große Heterogenität auszeichnet. Mit den ‚subversiven’ Ideen von früher haben viele nur noch wenig gemein. Nach dem Zusammenbruch der Utopien der 68er kam es zu einem Rückzug des Individuums ins Private. Sie erzählen statt dessen eher von den Sorgen im Wohlstand. Der Alltag ist allerdings weiterhin überall präsent. In Deutschland hatte die moderne Popliteratur ihren Höhepunkt Mitte der 1990er Jahre. Nach Punk und Grunge wurde auch sie in den letzten Jahren durch die Feuilletons für tot erklärt, aber an Untote haben wir uns ja langsam gewöhnt.

Moderne Vertreter der Popliteratur

Michel Houellebecq, Nick Hornby, Christian Kracht, Linus Volkmann, Benjamin von Stuckrad-Barre, Maxim Biller, Moritz von Uslar, Max Goldt, Thomas Meinecke und Sibylle Berg.