Pop in Deutschland

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Folgt man der Logik der Fernsehreihe Pop 2000, gab es vor dem Jahr 1950 in Deutschland keine Popmusik im heutigen Sinne des Wortes. Das ist einerseits richtig, da erst mit dem Durchbruch von Rock'n'Roll vom eigentlichen Pop gesprochen werden kann – obwohl die seit den 1930ern international ebenfalls extrem einflussreiche Musikrichtung des Swing auch in Deutschland bis 1933 (und im Verborgenen auch während des Dritten Reiches) erfolgreich war. Geht man in der Definition der populären Musik noch weiter zurück, landet man bei Cabaret und frühem Schlager in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, denen im 19. Jahrhundert verschiedene Formen des Volks- und Kunstliedes vorweggingen. Eine weitere Wasserscheide in der Musikgeschichte ist – ebenfalls nicht nur in Deutschland – die Erfindung des Tonträgers und des Radios, was eine massenhafte Verbreitung von Musiktiteln erst möglich machte. Setzt man bei den Anfängen der populären Musik an, landet man schließlich bei den nichtsakralen Werken von klassischen Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart (zwar Österreicher, aber zum deutschsprachigen Kulturraum zählend) und Ludwig van Beethoven, deren musikalisches Schaffen bis in die Pop- und Rockmusik unserer Tage hineinwirkt.

Im Indiepedia-Kontext hingegen empfiehlt es sich, ungefähr der Pop 2000-Definition zu folgen und mit den 1950er Jahren in der deutschen Pop-Geschichtsschreibung zu beginnen.

1950er

Schlager, Swing und Chanson

Nachdem die musikalische Lufthoheit nach 1945 der Nazi-Propaganda entrissen worden war, kehrte zunächst – zumindest oberflächlich – der unpolitische Schlager und Swing in die Ätherwellen und Schallplattenrillen zurück. Insbesondere der Schlager sollte bis weit in die 1970er und 1980er Jahre bestimmend für den Massengeschmack des typischen deutschen Mainstream-Musikhörers sein, da er leichte Unterhaltung mit wenig Anspruch bot und den Hörer/die Hörerin nicht zu tiefergehenden Auseinandersetzungen mit der Musik oder gar sich selbst nötigte. Rudi Schurickes Capri-Fischer und Freddy Quinns Junge, komm bald wieder können als repräsentativ für diese Epoche gelten. Der nicht mit dem (bundesdeutschen) Mainstream übereinstimmende Musikhörer hatte in dieser Zeit lediglich die Möglichkeit, auf besagten Swing und Jazz aus den USA oder die frühen Chansons, die beim ehemaligen „Erbfeind“ Frankreich in Mode waren, zurückzugreifen, wo die Intellektuellenszene sich von Edith Piaf und Gilbert Becaud beim kritischen Hinterfragen des Systems begleiten ließ. Das Kabarett erlebte eine kleine Renaissance, verkörpert durch Wolfgang Neuss und Lore Lorentz, die sich in der Tradition Brechtschen Liedgutes mit den Zuständen im neuen Deutschland auseinandersetzten.

Ankunft des Rock'n'Roll

Erst der Urknall des Rock'n'Roll, ausgelöst durch Elvis Presleys erste Veröffentlichungen und Bill Haleys Song Rock Around the Clock sowie dessen prominentes Auftauchen im Film "Saat der Gewalt", setzte auch in der Bundesrepublik die unkontrollierten Kräfte jugendlicher musikalischer Energie frei. Bald begannen auch deutschsprachige Interpreten wie Peter Kraus und Ted Herold damit, die Musikstrukturen des Rock'n'Roll in den deutschen Sprachraum zu übertragen. Bis Ende des Jahrzehnts koexistierten domestizierter Deutsch-Rock'n'Roll und klassischer Schlager relativ friedlich in den Hitparaden, doch zeichnete sich bereits ein Konflikt der Generationen ab, der im nachfolgenden Jahrzehnt sowohl sozial und politisch als auch musikalisch voll zum Ausbruch kommen sollte.

1960er

Die Beat-Invasion

Es waren auch in Deutschland die Beatles, die die musikalische Revolution der Sechziger einleiteten, und zunächst geschah das über die verjüngte und aufgepeppte Variante des Rock'n'Roll, nämlich den Beat. Im Zuge der British Invasion (ein eigentlich auf die Eroberung der USA durch britische Bands wie besagte Beatles, die Rolling Stones, Kinks und weitere verweisender Ausdruck) sprossen auch in der Bundesrepublik Beat-Bands wie Pilze aus dem Boden. Die Beatles hatten ihre prägenden Jahre bis 1962 in Hamburger Clubs verbracht und dort zu ihrem Sound gefunden. Im Bestreben, den Vorbildern aus England so gut wie möglich nachzueifern, spielten Gruppen wie The Lords oder The Rattles (deren Achim Reichel später zu NDW-Ehren und noch später zu Schlager-Grauen gelangen sollte) simple Beat-Songs zum Mitsingen und Mitklatschen. Die rasante künstlerische Entwicklung allerdings, die die Fab Four nach 1964/65 aufzeigten, blieb bei den deutschen Combos aus, so dass die meisten von ihnen entweder vor den komplexeren Arrangements kapitulierten oder noch jahrzehntelang denselben Beat-Stiefel herunterspielten.

Liedermacher

Zumeist nur mit Akustikgitarre bewaffnete sogenannte Liedermacher (so die eingedeutschte Form des Anglizismus Singer/Songwriter) waren seit Mitte der Sechziger ebenfalls zur kritischen bis offensiv links-politisierenden musikalischen Auseinandersetzung mit „dem System“ übergegangen. Die leichtere Variante praktizierte Reinhard Mey, deutlichere Worte fanden Franz-Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und Hannes Wader. Die absolut weichgespülte Light-Version der Bewegung hieß dann Nicole und schaffte es mit Ein bisschen Frieden 1982 zur Nummer 1 des Grand Prix und in Dieter Thomas Hecks ZDF-Hitparade. Der antiautoritäre Gestus der frühen Liedermacher war in dieser Musik nicht mehr zu finden.

Ende der 60er begannen sich dann erste Anzeichen einer eigenständigen deutschen Pop- und Rockmusik zu formulieren, die jedoch erst in den 1970ern zur vollen Entfaltung kommen sollten. Die Sub- bzw. Gegenkultur der Hippies fand auch in der BRD zahlreiche Anhänger und begünstigte so die Entstehung beziehungsweise Verbreitung des Psychedelic Rock und anderer progressiver Musikströmungen, die in den Siebzigern zu noch größerer Bekanntheit anwachsen sollten.

1970er

Nachdem die musikalische Revolution der späten 60er Jahre hauptsächlich in Großbritannien und den USA stattgefunden hatte, holte die deutsche Musikszene in den 70er Jahren gewaltig auf. Dabei ist zwischen mehreren Stilrichtungen zu unterscheiden, die sich ihrerseits auf unterschiedliche Vorbilder beriefen.

Krautrock

Der vielleicht wichtigste Beitrag zur globalen Musikkultur des Jahrzehnts (und danach) war der sogenannte Krautrock, eine Form der progressiven Rockmusik, die mit der Sprengung gängiger Songformate, der Integration ungewöhnlicher Aufnahme- und Interpretationstechniken sowie einem Bekenntnis zur freien Form experimentierte. Die Exponenten dieses Sounds waren unter anderem Can, Neu!, Amon Düül II, Faust und Birth Control, doch wären noch zahlreiche weitere Ensembles zu nennen. Die Verwendung deutscher Texte spielte hierbei jedoch weniger eine Rolle als die Erweiterung des Klangspektrums.

Elektronische Anfänge

Einige Krautrockbands hatten auch mit traditionellem Rock-Instrumentarium begonnen, sich im Laufe der Siebziger jedoch zunehmend elektronischen Klängen zugewandt. Entsprechende Einflüsse kamen, hauptsächlich über die Musik Karlheinz Stockhausens vermittelt, aus der Neuen Musik. Neben den, im Kultstatus verharrenden, Tangerine Dream gehörten Kraftwerk zu den Pionieren der populären elektronischen Musik. Mit Alben wie Die Mensch-Maschine, Trans Europa Express und Autobahn lieferten sie Meilensteine für die Entwicklung des Techno, Elektro, Synthiepop und anderer Genres der elektronischen Musik. Weitere Pionierarbeit in diesem Sektor leisteten die Musiker und Komponisten Klaus Schulze und Eberhard Schoener.

Rock auf Deutsch

Im Bereich der auf eher konventionellem Songwriting und Instrumentarium bauenden Rockmusik kam es ab den Siezigern zu weit reichenden Neuerungen, wozu vor allem die Verwendung deutscher Texte gehörte. Eine der wichtigsten Bands in diesem Kontext waren Ton Steine Scherben, die der Berliner Hausbesetzerszene entsprungen waren und mit ihrem bis heute einflussreichen Album Keine Macht für niemand (1972) die anarchistischen Träume und Alltagsprobleme der Jugendrevolte in Töne und Worte fasste. Ihr Sänger Rio Reiser wurde zum Aushängeschild des deutschen Polit-Rocks, was ihm jedoch bald zur Last wurde.

Eine wichtige Rolle in der Entwicklung deutschsprachiger Rockmusik kommt schließlich auch Udo Lindenberg zu. Der heute oft als Nuschel-Altrocker belächelte Interpret sorgte ab etwa 1973 dafür, dass durch Hits wie Alles klar auf der Andrea Doria deutschsprachige Lieder zwischen Pop und Underground den Massengeschmack erreichten. In Lindenbergs Nachfolge wurden ab Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ebenfalls auf Deutsch singende Interpreten wie Marius Müller-Westernhagen und Herbert Grönemeyer zu Millionensellern, obgleich auch sie mit einem gewissen randständigen Gestus begonnen hatten.

Der Punk kommt aus England

Die anarchische Revolte des Punkrock wurde in England bereits 1976 durch die Sex Pistols und The Clash ausgelöst. Wie vor den Zeiten der Billigflieger üblich dauerte es etwas länger, bis der Fallout dieser Initialzündung auch in Deutschland ankam. Die ersten deutschsprachigen Punkbands wie Charley's Girls, Mittagspause und S.Y.P.H. bildeten sich Ende der 70er und folgten ohne große Abschweife dem Drei-Akkorde-Konzept aus dem UK und den USA, etwas später gefolgt von Slime, Hans-A-Plast, Abwärts, den Toten Hosen und zahllosen weiteren Punkbands, die mit deutschen Texten arbeiteten. Im weiteren Punk-Kontext ist noch Nina Hagen zu nennen, die nach einer Teenie-Schlagerstar-Phase in der DDR seit den späten Siebzigern in Westdeutschland zu einem Aushängeschild der unkonventionellen Musikkultur wurde.

Hardrock

Schließlich waren die Siebziger auch noch das Jahrzehnt des Hardrock, und dies war, neben dem eher musikalisch als kommerziell einflussreichen Krautrock, wohl einer der weltweiten Exportschlager aus deutschen Landen. Allen voran kamen die Hannoveraner Scorpions, die mit englischsprachigen Songs wie Rock You Like a Hurricane oder Dynamite die Stadien von Los Angeles bis Tokyo füllten und bis zum Erfolg von Rammstein in den späten 90er Jahren den Maßstab für international erfolgreiche deutsche Rockmusik der „härteren“ Gangart definierten. In ihrem Gefolge kamen auch artverwandte Lederhosenträger wie Uli Jon Roth, Axel Rudi Pell oder Michael Schenker zu umjubelten Auslandseinsätzen.

1980er

Heavy Metal

Ihre logische Fortsetzung fand die von den Scorpions angetriebene Hardrock-Szene im Übergang zum Heavy Metal, der ab den frühen 1980er Jahren zu einer wahren Explosion von Teutonen-Metalbands finden sollte. Stilistisch bewegten diese sich meist im Fahrwasser der New Wave of British Heavy Metal mit ihren Protagonisten Iron Maiden und Judas Priest. Gruppen wie Accept, Kreator, Running Wild oder Grave Digger werden noch heute mit der szenetypischen Loyalität verehrt. Zu einer dezidiert deutschen Interpretation von Heavy Metal kam es allerdings erst im Zuge der Neuen deutschen Härte (siehe unten) in den 1990er Jahren, als Bands wie besagte Rammstein sich nicht nur der deutscher Sprache, sondern auch eines entsprechend martialischen Auftretens bedienten.

New Wave, Post-Punk und NDW

Die seinerzeit noch recht homogene musikalische wie ideologische Punk-Szene begann sich mit dem Dekadenwechsel zu den 1980ern zu diversifizieren, worin die deutsche Musikszene der globalen folgte, wo sich der 77er-Punk in den traditionalistischen Punkrock einerseits und den experimentelleren Post-Punk sowie den poppigeren New Wave andererseits aufspaltete. Während Bands wie die Talking Heads, Blondie, The Police, Joy Division oder Wire neue Formen der Punk- oder Popmusik ausloteten, wurde in Deutschland umgehend das Synonym der Neuen Deutschen Welle (NDW) propagiert. Unter diesem Begriff wurden, zunächst noch recht experimentelle, Gruppen der Marke DAF, Fehlfarben, Trio, Palais Schaumburg oder Der Plan zusammengefasst, wozu allerdings bald poppigere beziehungsweise den Bedürfnissen der Plattenindustrie genehmere Acts à la Frl. Menke, UHF, Extrabreit, Hubert Kah und vor allem Nena hinzukamen. Jene nach dem Künstlernamen ihrer Frontfrau benannte Band konnte mit dem Song 99 Luftballons sogar einen internationalen Hit landen und mit Titeln wie Nur geträumt oder Irgendwie, irgendwo, irgendwann zumindest im deutschsprachigen Gebiet immer wieder die oberen Regionen der Charts erobern.

Die Indie-Szene(n) der 80er

Parallel zu dieser, ab 1983/84 bereits wieder im Absinken begriffenen, Deutschpop-Spielart setzten Bands wie Einstürzende Neubauten mit ihrer Verknüpfung von Avantgarde, Punk-Verständnis und Noise die experimentelle Tradition fort. Synthiepop und die New Romantics lösten die New Wave ab und boten mit Alphaville (mit ihrem Hit Forever Young) einerseits und Modern Talking andererseits zwei Exponenten, wie deutsche Elekro-Popmusik klingen konnte oder vielleicht besser nicht klingen sollte. Die aus den Ausläufern von Post-Punk und New Wave hervorgegangene Gothic-Bewegung fand auch in Deutschland viele Anhänger und brachte mit den Geisterfahrern, Calling Dead Red Roses, Xmal Deutschland sowie den später immens erfolgreichen Deine Lakaien auch eigene Protagonisten hervor. Der politisch motivierte deutschsprachige Punk lärmte unverzagt plakativ gegen das „Schweinesystem“, hatte mit den Goldenen Zitronen aber auch erfindungsreiche Vertreter in seinen Reihen. Die rein spaßorientierte Seite des Punkrock fand im Fun-Punk ihren Ausdruck, wie ihn etwa die Bands des Weserlabels (Abstürzende Brieftauben), die Toten Hosen oder die Ärzte spielten, wobei sich letztere beiden zu zwei der bestverkaufenden Bands deutscher Zunge entwickeln sollten. Der US-amerikanische Indierock mit Dinosaur Jr, Hüsker Dü und den Pixies hinterließ bis Ende des Jahrzehnts hörbare Spuren, was sich in der frühen, so genannten Hamburger Schule um Cpt. Kirk &., Kolossale Jugend und Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs niederschlug. Eher die britische Linie des Gitarrenpops verfolgten The Jeremy Days, die Rainbirds und andere. Nicht zuletzt fallen auch die ersten Experimente mit deutschem HipHop von Advanced Chemistry oder Cora E. in das Neon-Jahrzehnt. Die riesige Subkultur des Heavy Metal fand in Deutschland unterdessen einen ihrer verlässlichsten Standorte, Bands wie Accept, Running Wild oder Kreator können auch heute noch auf die unbedingte Treue ihrer Kutten tragenden Fans zählen.

1990er

Grunge, Crossover und andere Rock-Neuerungen

Die popmusikalische Entwicklung Deutschlands im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde durch mehrere weitreichende Umwälzungen geprägt. Zuerst kam die neue Mode des Grunge via Nirvana und Pearl Jam ab 1992 auch in Deutschland an, was auch bei deutschen Plattenfirmen ein Umdenken in Bezug auf die kommerzielle Verwertbarkeit von Indie-Musik bewirkte. Deutsche Epigonen wie Selig, Gum oder Nationalgalerie konnten ihren amerikanischen Vorläufern zwar in Sachen Verkaufszahlen nicht das Wasser reichen, waren jedoch präsent genug, um zumindest in Maßen auf das deutsche Rock-Selbstverständnis einzuwirken. Der andere große Trend der frühen Neunziger, der von den Red Hot Chili Peppers, Rage Against the Machine und Faith No More geprägte Crossover aus Funk, Rap und Rock/Metal, animierte auch hierzulande viele Nachwuchsmusiker zu Bandgründungen – ob man in dreißig Jahren allerdings ebenso respektvoll von H-Blockx, Guano Apes oder gar Mr. Ed Jumps the Gun sprechen wird, wird sich erst noch zeigen ... Der Hardcore-Punk aus New York, Chicago und Boston wurde in Deutschland durch die Spermbirds, Ryker's und zahlreiche kleinere Bands übernommen, die zumeist jedoch nicht auf Deutsch sangen. Die Stonerrock-Vorbilder Kyuss und Monster Magnet wurden gerade in Deutschland besonders gefeiert und traten eine kleine Welle von hiesigen Stonerbands los, zu denen sich unter anderem die Sissies und (mit Abstrichen) Smoke Blow zählen lassen. Rockmusik aus Skandinavien zählte ebenfalls zu den Importschlagern der 90er, so dass Gruppen der Marke Turbonegro, Millencollin, Hellacopters oder Gluecifer leichtes Spiel mit dem Aufbau von Fanbases in Deutschland hatten.

Hamburger Schule und Indie aus der Provinz

Vielleicht den größten Eindruck innerhalb der deutschsprachigen Rockmusik hinterließ die 90er-Generation der oben genannten Hamburger Schule, deren Protagonisten Die Sterne, Tocotronic und Blumfeld im Vergleich zum Mainstream zwar nur bescheidene kommerzielle Erfolge einfahren konnten, künstlerisch aber bewiesen, dass intelligente deutschsprachige Rockmusik kein Ding der Unmöglichkeit war. Im bayerischen Weilheim entstand ein kreatives Zentrum um die Labels Kollaps und Hausmusik sowie zahlreiche Projekte der Notwist-Köpfe Markus und Micha Acher, deren stilistischen Wurzeln in Hardcore, Indie- bzw. Noiserock, Jazz und Experimentellem lagen und die auch heute noch zu den innovativsten Formationen deutscher Indiemusik gehören. In Ostwestfalen blühte ebenfalls eine kleine Indierock-Kolonie um Locust Fudge, die Speed Niggs und Hip Young Things und andere auf, die mit Weilheim in regem Kontakt stand und sich zumeist dem Schrammelrock von Dinosaur Jr und Neil Young verschrieben hatte. Schließlich sorgte das kleine Label BluNoise aus Troisdorf bei Bonn unter der Ägide von Guido Lucas ab 1995 dafür, dass der amerikanische Noiserock von Vorbildern wie Helmet, Unsane und Shellac auch in Deutschland ein Auslassventil fand. Gruppen wie Les Hommes Qui Wear Espandrillos, Harmful, Blackmail oder ULMe definierten diesen deutschen Noise-Sound mit, während Surrogat (aus Berlin) und Pendikel (aus Osnabrück) Noiserock auch mit deutschen Texten kombinierten.

HipHop auf Deutsch

Auf die Pop- und Jugendkultur bei weitem am meisten Einfluss hatte letztlich aber wohl der Durchbruch von Rap und HipHop in deutscher Sprache. Zwar hatte es schon Ende der 80er Jahre Formationen wie Advanced Chemistry gegeben, die auf deutsch Statements zur Lage der Nation rappten, doch war es das Stuttgarter Mittelklassen-Quartett Die Fantastischen Vier, die mit dem Pop-Rap-Megahit Die da!?! deutschen Sprechgesang in die Charts und das Bewusstsein der Jugend brachten. Ihnen folgten zahllose weitere Rap-Acts, wobei die Neunziger in erster Linie von einer bürgerlichen bis alternativen Rap-Community dominiert wurden, die mit Combos wie Fischmob, Absolute Beginner, Fünf Sterne Deluxe, Blumentopf oder Kinderzimmer Productions einen intelligent-ironischen bis humorvoll-cool-kiffenden Zugang zum HipHop pflegte. Zwar gab es auch hier schon den hässlichen Gegenentwurf in Form des Rödelheim Hartreim Projekts oder Ferris MC beziehungsweise oberflächliche Pop-Rapper wie Der Wolf oder Die Basis, doch sollte es dem folgenden Jahrzehnt vorbehalten bleiben, die US-Gangsta-Stereotype des "kriminellen Luden-MCs mit Migrationshintergrund" auf die deutsche Szene zu übertragen. Die Aufgabe des Dissens (in beiderseitigem Sinn) in der harmonischen, sich auch in den Charts nicht die Butter vom Brot nehmenden, HipHop-Kultur der Neunziger fiel einstweilen der Hardcore-Fraktion mit STF, Stieber Twins oder DJ Stylewarz zu.

Neue Deutsche Härte

Die Besinnung auf die eigene deutsche Sprache in der Rock- und Popmusik musste allerdings nicht zwangsläufig in intelligente, wohlbefeilte Texte und musikalische Arrangements münden. Es war die ostdeutsche Gruppe Rammstein, die mit ihrem 1995 veröffentlichten Debütalbum eine Tür zu einem Genre aufstieß, die für manche vielleicht lieber geschlossen geblieben wäre, nämlich der so genannnten Neuen Deutschen Härte. Darunter zu verstehen war – wie durch Rammstein prototypisch vorgemacht – ein an Metal und Industrial geschulter, stakkatohafter Gitarrensound, ergänzt durch Keyboardeinsprengsel und einen passend stampfenden Beat sowie „abgerundet“ durch ein rrrrrrollendes R im Gesang. Die Bühnenshow und allgemeine Ästhetik orientierte sich teilweise offen an faschistischer und totalitärer Ästhetik (inklusive martialischer Inszenierung von muskulösen Männerkörpern, Lichteffekten und Bühnenbild), so dass zumal in der heißen Phase des Genres heftige Diskussionen über die vermeintlich rechte Gesinnung der Protagonisten entbrannte. Während diese Bedenken im Falle Rammstein im Laufe der Zeit ausgeräumt werden konnten (unter anderem veröffentlichte die Band selbst ein Lied mit dem Refrain "...und mein Herz schlägt links, zwo, drei, vier"), blieben andere Vertreter wie Richthofen, Preussen Elektra und vor allem Weissglut mehr oder weniger in der völkischen Ecke hängen, ohne dagegen groß Widerstand zu leisten. Neben den, auch im Ausland unglaublich erfolgreichen, Rammstein blieben jedoch nur wenige Protagonisten des Genres nach dessen kurzer Hochphase Ende der 90er Jahre übrig.

Techno und andere Elektro-Genres

Jenseits der handgemachten Musik startete mit Techno indes ein Genre durch, das seinen Ursprung sowohl in Detroit als auch in heimischen Landen hatte. Kraftwerk hatten Computerbeats und -ästhetik bereits in den Siebzigern salonfähig gemacht, doch erst nach dem Fall der Berliner Mauer entwickelte sich Techno mit all seinen Unterarten zu einer Massenbewegung, deren Exponens Love Parade zum Symbol des breitenwirksamen kommerziellen Erfolgs des Genres wurde. Neben Pionieren wie Westbam und Sven Väth stiegen jedoch auch Happy Hardcore-Truppen wie Blümchen und Scooter zu Superstars auf, die auch heute noch unverdrossen das Bumm-Bumm-Feeling unter die Massen bringen. Ebenfalls nicht unterschlagen werden darf der, in den frühen Neunzigern extrem erfolgreiche, Trend des Euro-Dance, bei dem oftmals deutsche Produzenten Acts mit weiblichem Gesang, männlichen Raps und simpel-tanzbaren Rhythmen kombinierten. Snap!, DJ Bobo und Captain Jack sind nur einige der Beispiele für diesen Sound, der den Mainstream innerhalb der elektronischen Musik der Neunziger mit definierte, in Indiekreisen allerdings auch heute noch für Grusel sorgt. In langsameren (und Indie-affineren) Gefilden wie TripHop und Downbeat eiferten Acts wie De-Phazz nicht ohne Resonanz den zumeist britischen Vorbildern wie Massive Attack und Portishead nach.

Rolle des deutschsprachigen Musikfernsehens

Generell nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Entwicklungen der deutschen Musikszene hatte die Öffnung des ersten deutschsprachigen Musikfernsehkanals Viva Anfang 1994. Zunächst noch als „MTV für Arme“ belächelt, konnte der Sender innerhalb weniger Jahre zu einer Größe werden, die MTV dazu zwang, mit einem eigenen deutschsprachigen Programm zu reagieren. 1995 ging Viva Zwei auf Sendung, das gerade für die Indie-Szene enorme Bedeutung entwickeln sollte, weil hier erstmals mit innovativen Formaten und einem größtenteils auf alternative Musik ausgerichteten Programm gearbeitet wurde. Zudem brachten die Sender – wie auch das deutsche MTV mit Christian Ulmen und weiteren – spätere Fernseh- und Filmprominenz wie Stefan Raab, Charlotte Roche, Niels Ruf oder Heike Makatsch hervor. Auch der Spartensender onyx.tv verdient Erwähnung, da sich hier bis zu seiner Einstellung 2004 ebenfalls diverse Formate für Nischen-Musikrichtungen fanden.

2000er

Garage-Punk und die neue Indierock-Generation

Zur Jahrtausendwende gab es in der deutschen Musikszene wiederum gravierende Veränderungen, nachdem sich die Trends der Neunziger mehr oder weniger totgelaufen hatten: Gitarrenrock existierte zwar weiterhin sowohl überhalb wie auch unterhalb des Mainstream-Wasserspiegels, und Bands wie 4Lyn, Liquido oder die Donots spielten tapfer den New Metal-/Power-Pop/Punk-Revival-Bands aus Übersee nach. Allgemein aber wurden neue Impulse herbeigesehnt, die den regierenden Mainstream-Alternative-Rock durch etwas Frisches ersetzen konnten. Die „Erlösung“ kam zum einen aus der englischsprachigen Welt mit dem Garage-Punk und seinen Hauptdarstellern Strokes, White Stripes und Yeah Yeah Yeahs, ergänzt durch Heerscharen von Epigonen aus Skandinavien und andernorts. Die „alternativ-kredibilen“ Exponenten des Musikfernsehens à la Charlotte Roche oder Sarah Kuttner taten das Ihrige dazu, Bands aus dem Genre zu promoten, so dass Mando Diao, Moneybrother oder The Hives sich heute in zahlreichen Plattenschränken und auf MP3-Playern der stilbewussten Jugend finden. In der deutschsprachigen Rockmusik war es aber eine neue Generation von Gitarrenbands, die an das Erbe von Tocotronic und Co anknüpften, dabei aber weniger gesellschaftskritisch als introspektiv vorgingen. Das Label Grand Hotel Van Cleef mit seinen Bands Tomte und Kettcar bildete die künstlerische wie kommerzielle Speerspitze, und in kurzer Zeit wurden auch Madsen, Olli Schulz & der Hund Marie oder Kante zu Publikumslieblingen.

„Deutschland, Deutschland“ überall?

Was in den Neunzigern mit HipHop und Indierock begonnen hatte, breitete sich in den 2000ern auf fast alle denkbaren Genres aus, nämlich die Verwendung deutschsprachiger Texte. Den Anfang hatten Ende des vergangenen Jahrzehnts Xavier Naidoo und Freundeskreis – beide aus dem weiteren HipHop-Umfeld stammend – gemacht, die Gesangslinien und Melodik aus amerikanischem R'n'B und Soul übernahmen und damit das Feld für diverse CroonerInnen der Sorte Ayman, Laith Al-Deen oder Cassandra Wilson bereiteten. Der HipHop selbst erlebte seine endgültige Gangstafizierung: Nachdem zahlreiche Acts aus den Neunzigern sich entweder aufgelöst oder als Elder Statesmen etabliert hatten, trat nun mit Macht die dem amerikanischen Vorbild entsprechende, „ursprüngliche“ Rezeptions- und Produktionsgruppe aufs Tapet, nämlich besagte Deutsche mit Migrationshintergrund und einer zumindest nach außen hin extrem materialistischen, sexistischen und gewaltverherrlichenden Einstellung. Kool Savas war der Vorreiter, das Label Aggro Berlin mit seinen Bestsellern Bushido, Fler, Sido und B-Tight überrollte dann die Bravo-Leserschaft mit Arschficksongs und Gewaltphantasien. Auf die Spitze getrieben wurde das Ganze im Genre des Porno-Rap wie ihn über die Geschlechtergrenzen hinweg King Orgasmus One und Lady Bitch Ray praktizierten. Die Debatte über Ursache(n) und Wirkung(en) dieses, von der Öffentlichkeit für bedenklich erklärten, Trends dauert an.

Zugleich kam mit dem neuen Jahrzehnt eine generelle Diskussion über den vermeintlich wünschenswerten Rang von deutschsprachiger Popmusik in Zusammenhang mit „nationalen Gefühlen“ auf, die ihre Vorläufer in der seit den 90ern immer wieder hochkochenden Diskussion über eine Deutschrock-Quote in Radio und (Musik-)Fernsehen hatte. Waren es damals im kommerziellen Niedergang befindliche „Altrocker“ wie Heinz Rudolf Kunze, die die Quote forderten, kamen ab den 2000ern auch junge, zwischen Indie und Mainstream gelagerte Bands wie Mia. hinzu, so dass die Diskussion plötzlich auch für die, vermeintlich über den Dingen stehende, Indie-Szene aktuell wurde. Während die betroffenen Bands ihrerseits abwiegelten und sich in die „neue Tradition“ des Partyotismus (insbesondere seit der Fußball-WM 2006) stellten, fielen die Reaktionen seitens der Poplinken unversöhnlich aus (siehe auch I Can't Relax in Deutschland). Das Gespenst des Rechtsrock mit all seinen Spielarten – von der ewigen „Sind-die-Onkelz-rechts-oder-nicht?“-Diskussion über das kurzlebige, gleichwohl ebenfalls äußerst umstrittene, Phänomen der Neuen Deutschen Härte (siehe oben) bis zur Seuche der offen rechtsradikalen Gruppen – hatte schließlich (auch begünstigt durch die zunehmende Etablierung der NPD als „Volkspartei“ besonders in Ostdeutschland) ebenfalls neue Größenordnungen angenommen, so dass ein Übergreifen bestimmter rechter Einstellungen auf den sich zumeist doch eher links-bohemistisch gerierenden Indie-Pop/Rock gefürchtet wurde. Auch diese Debatte ist zum heutigen Datum noch nicht abgeschlossen.

Die jüngsten Entwicklungen

Überhaupt stehen die „Nuller“ für das Einreißen bisheriger Grenzen zwischen Mainstream und Indie-Kultur: Wir sind Helden stiegen zu den Aushängeschildern des neuen deutschen Gitarrenpop auf und fanden erfolgreiche Nachfolger wie Juli oder Silbermond, die sich musikalisch zwar auf Vorbilder aus NDW und Indierock beriefen, de facto aber das Chartsfutter des neuen Jahrtausends bildeten und auch von Otto und Ottilie NormalradiohörerIn gut gefunden wurden. Selbst eine – wenn auch nicht gecastete – Teenie-Band wie Tokio Hotel konnte durch Rückgriff auf Rockband-Charakteristika (Look, Sound, Einflüsse, Verhalten) zum weltweiten Erfolg werden und die Unterscheidung zwischen Authentizität und Kommerz höchst schwierig werden lassen.

Die Vermarktungswege wurden ebenfalls den rasanten Entwicklungen der Gegenwart unterworfen, was in erster Linie durch eine massive Krise der Tonträgerindustrie und das teilweise Versagen traditioneller Marketingstrategien deutlich wurde. Musik-Downloads, Online-Portale wie MySpace und YouTube sowie virales Marketing, vorgemacht durch die Arctic Monkeys aus England, nahmen zwar nicht gänzlich den Platz des klassischen Plattenladens ein, sorgten aber für drastische Einbußen im Tonträgerverkauf. Kleinere wie auch manche größere Labels und auch viele Bands konnten sich nicht mehr finanzieren und stellten die Arbeit ein; gleichzeitig ging auch in Deutschland die Konzentration der Musikindustrie weiter in Richtung großer Mischkonzerne. Durch Casting-Shows wie „Popstars“ und „Deutschland sucht den Superstar“ wurden gezielt „Bands“ und „Künstler“ aufgebaut, deren Lebenserwartung sich in 99 % aller Fälle – mittlerweile „kultige“ Acts wie die No Angels oder Daniel Küblböck bildeten die kuriose Ausnahme – allerdings auf die laufende Saison beschränkte. Auch die Indie-Szene wurde hier mit hineingezogen, galt es doch den Fernseh- und Medienbossen als gelungener Schachzug, auch jüngere, „glaubwürdige“ Acts wie Max Buskohl zu promoten, der als Vorbilder The Hives und The Killers nannte.