On-U Sound Records

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"Disturbing the comfortable, comforting the disturbed" (Labelslogan).

On-U Sound Records veröffentlichen seit 1980 experimentell-avantgardistische Musik zwischen Punk, Dub / Reggae und Industrial mit starken Einflüssen aus der Elektronischen Musik und dem Post-Punk. Gegründet wurde On-U mit dem Jahr 1980 von einem britischen Musikerkollektiv um Adrian Sherwood in London. Die Musik war und ist bis heute derart eigen, dass sie innerhalb kurzer Zeit zu einem Genre- oder Minigenrebegriff erweitert wurde, dem On-U-Sound, und damit einem der einflussreichsten Musikereignisse der Populären Musik des ausgehenden 20. Jahrhunderts bis heute. On-U beeinflusst nach wie vor Genres und Stile wie Dub, Dubstep, Trip Hop, Techno, House, Drum'n'Bass, Post-Punk, Electro / Elektro, Ambient und viele weitere.[1] Bis 2015 wurden etwa 300 Tonträger veröffentlicht. Die beständigsten Acts sind African Head Charge, Mark Stewart (& The Maffia), Dub Syndicate und Little Axe (Skip McDonald). Der Kreis der aktiven Musiker wechselt dabei ständig.[2]

Hintergrund

Die Einteilung der Labelgeschichte folgt weitgehend Skysaw.org.[3]

1980 – 1989

On-U-Gründungsmitglieder sind Adrian Sherwood, Kishi Yamamoto, Pete Holdsworth, Lizard, Tony Phillips (aka Coco Charnel, Crucial Tony) und Martin Harrison. Im Januar 1980 erscheint die erste 7", eine Splitsingle mit Fade Away (Junior Byles) von den New Age Steppers und Learn a Language von London Underground auf der B-Seite. Hier wird bereits die politisch-radikale Ausrichtung des Kollektivs deutlich, die bei Mark Stewart, der später hinzukam, bereits im Pop-Group-Umfeld vorzufinden war:

"On-U became a cyberpunk bunker in which misfits and visionaries holed themselves up against a mad world order that was re-tooling itself as a Science Fiction monstrosity."[4]

1981 erscheint die erste New-Age-Steppers-LP, die den Beginn einer langen Reihe von Veröffentlichungen im On-U-Sound darstellt. Auf Foundation Steppers von 1983 findet sich eine Coverversion von Stormy Weather (Original von Harold Arlen / Ted Koehler).

<– Stormy Weather, die New Age Steppers (1983)

Bald ergeben sich Kontakte nach Jamaica und New York. Die Produktionen bis 1989 lassen sich, allein durch die Menge der Veröffentlichungen, chronologisch kaum ordnen. 1982 wird Judy Nylon / Crucials Album Pale Judy veröffentlicht, 1983 Learning to Cope with Cowardice von Mark Stewart & The Maffia, 1988 As The Veneer of Democracy Starts to Fade, außerdem insgesamt vier LPs der Singers & Players sowie etliche weitere Alben von On-U-Konstellationen inklusive Dub Syndicate, Tackhead und African Head Charge. Mark Stewarts Anger is Holy von 1987 ist ein typisches Beispiel für die Produktionen dieser Jahre.[5]

<– Mark Stewart / Maffia – Jerusalem (1982)

1989 – 1997, CD

Das CD-Zeitalter wird mehr oder weniger von einer Wende hin zu musikalisch noch radikaleren Ausdrucksformen begleitet, zum einen der Elektronischen Musik, zum anderen dem Dub. Die analoge Aufnahmetechnik versetzt die CD-Produktionen in eine Sphäre des Postdigitalen, ein besonderes Gewicht wird auf die Wärme der Aufnahmen gelegt: "I do mainly digital recordings but emulate analogue sounds by using analogue effects and flying it back over the digital thing just to make it warm – or try to."[6] 1990 erscheint African Head Charges Song of Praise:

  • African Head Charge – Dervish Chant (1990) [17] bei Youtube

1997 – 2001, Master Recordings, Reissues

In dieser Phase entsteht die Master-Recordings-Serie, eine Reihe von Compilations und von Veröffentlichungen unterschiedlicher Labelacts.[7]

2001 – 2007, Relaunches, Soundboy

2002 erscheint Little Axes Hard Grind, Down To The Valley kommt im Soundtrack zum Film Das Geheimnis von Green Lake (Andrew Davis) unter:

  • Little Axe – Down to the Valley (2002) [18] bei Youtube

Ebenfalls 2002 bis 2004 existiert das Sublabel Soundboy, auf dem Reissues und unveröffentlichtes früheres Material veröffentlicht wird und das ansich die Single und 12"-Sparte von On-U vertreten soll, während auf On-U allein Alben erscheinen sollen. Das Vorhaben wird gestoppt, nachdem ein anderes Label die Namensrechte beansprucht. Auf Soundboy erscheint auch Material von Mutabaruka mit African Head Charge, Omar Perry (Lee Perrys Sohn), Alan Glen und Mutant Hi-Fi.[8]

2007 – heute

Seit 2007 sind stärkere Einflüsse aus dem Dubstep und dem Jazz zu bemerken.

Musik

Viel von der Musik, die auf dem Label erschien und erscheint, kann das Etikett autonome Musik für sich beanspruchen und das mit einem Grad an Autonomie, der in der Geschichte der Populären Musik nicht allzu oft anzutreffen ist. Entsprechend selten ist es, dass eine Szene sich einem Label so verbunden sieht, dass der Labelname zum Genrebegriff wird.[9] Die meisten Alben sind von Adrian Sherwoods Mix-und-Cut-Techniken geprägt, der sich bereits in prädigitaler Zeit Anfang der 1980er Jahre auf Tristan Tzaras Cut-Up-Techniken beruft, die von William S. Burroughs und Brion Gysin wiederentdeckt wurden.[10][11] Die zentrale Rolle Adrian Sherwoods liegt auch darin begründet, dass die Musiker des Sound-Kollektivs sich ständig und auch musikalisch und im Studio auf eine Weise austauschen, die spontane Mitschnitte ermöglicht.[12][13] Standardmäßig sitzt Adrian Sherwood am Mischpult. Sherwood hat unter anderem Remixe von Coldcut, The Bug, Depeche Mode, The Woodentops, Primal Scream, Pop Will Eat Itself, Sinéad O'Connor, den Einstürzenden Neubauten und Skinny Puppy angefertigt.[14] Zusammenarbeiten gab es unter anderem mit PIL und Asian Dub Foundation, Mala (Digital Mystikz) und Kode 9. Adrian Sherwoods letzte Soloarbeit mit Pinch erschien 2015. Als einer, der sich selbst "tone deaf" nennt, arbeitet Sherwood hauptsächlich mit Rhythmen / Tempi und auf der Klang- und Geräuschebene.[15] Alle Stücke werden an einem analogen Mischpult verarbeitet[16], entsprechend viel Wert wird auf die Wärme der Aufnahmen gelegt – mit manchem Equipment arbeitet Sherwood seit 1990.[17]

Ebenso deutlich sind die Einflüsse der DJ-Kultur, Sherwood ist im Alter von dreizehn Jahren bereits DJ, beendet diesen Erfahrungshorizont zunächst mit fünfzehn.[18] African Head Charge werden als Antwort auf Brian Enos und David Byrnes My Life in the Bush of Ghosts entworfen:

"... I read an interview in a newspaper where Brian Eno talked about he’d made an album called My Life In the Bush Of Ghosts with another musician - that Talking Heads fellow [David Byrne] - and he said 'I had a vision of a psychedelic Africa'. And I thought, 'Oh, that’s pretentious'. [...] But then I thought about it, and thought 'No, what a good idea! Make really trippy African dub'. From that day to this day, people really are scared of African music. You don’t hear loads of mental African drums in conjunction with big fat b-lines, do you? And I think it sounds great, with the hi-life guitars. So I entered that area and I used Bonjo I, who’d been in Creation Rebel and is a great percussionist. I built the thing around his percussion playing and the idea of making some really spaced out African dub. That was the idea of it. [...] Eno’s album was called My Life In The Bush Of Ghosts, so I called mine My Life In A Hole Under The Ground. And he kept talking about vision of a psychedelic Africa, so we called it African Head Charge. It wasn’t really taking the piss out of Eno. I think he thought we were laughing at him – it was having a laugh, but respectively."[19]

Trivia

Es gibt keine Verbindungen zum fast gleichnamigen US-Bootleg-Label On-USound, dessen Domainadresse on-usoundrecords.com On-U jedoch besetzt hat. Zugleich gibt es weder Verbindungen zur Adresse onusoundrecords.com noch zu onu-sound.com.

Musiker

Acts

2 Badcard, Adrian Sherwood, African Head Charge, Akabu, Andy Fairley, Annie Anxiety / Little Annie, Audio Active, Barmy Army, Bim Sherman, Charlie "Eskimo Fox", Creation Rebel, Deadly Headley, Doug Wimbish, Dub Syndicate, Gary Clail, Ghetto Priest, Harry Beckett, Jalal, Jeb Loy Nichols, Jesse Rae, Judy Nylon, Junior Delgado / Jux, Keith LeBlanc, Lee Perry, Little Axe / Skip McDonald, Tackhead (Fats Comet), Little Roy, London Underground, Mark Stewart / Maffia, Missing Brazilians, Mothmen, New Age Steppers, Noah House Of Dread, Playgroup, Revolutionary Dub Warriors, Samia Farah, Singers & Players, Strange Parcels, The Circuit, Tribal Drift, Voice Of Authority.

Personen

Adrian Sherwood, Al Jourgensen, Alan Branch, Alan Pillay, Ari Up, Bernard Fowler, Bonjo I, Bruce Smith, Carlton "Bubblers" Ogilvie, Congo Ashanti Roy, Crucial Tony, David Harrow (aka James Hardway), Dr Pablo, Jah Wobble, Jah Woosh, Keith Levene, Kishi Yamamoto, Mikey Dread, Neneh Cherry, Pete Holdsworth, Prince Far I, Ri-Ra, Shara Nelson, Steve Barker, Steve Beresford, Style Scott, Talvin Singh, Vivien Goldman.

Diskografie

Einzelnachweise

  1. Genet – Comment [1] 6. April 2004 bei Discogs
  2. Artist index [2] bei Skysaw.org
  3. On-U Sound Records discography [3] Labelgeschichte bei Skysaw.org
  4. Mark Fisher – Adrian Sherwood and On-U Sound: adventures in schizophonic sound (2012) [4] beim FACT-Magazine
  5. Mark Stewart – Anger is Holy und weitere [5] bei deejay.de
  6. Melissa Bradshaw – Pay It All Back: Adrian Sherwood On 30 Years Of On-U Sound (2011) [6] bei The Quietus
  7. Diskografie Master-Recordings-Serie [7] bei Discogs
  8. Profil Soundboy [8] bei Discogs
  9. Ein anderes Beispiel dafür, dass ein Labelname zum Genrebegriff wird, wäre Motown.
  10. Zum 30. Geburtstag – On-U Sound Records bei Rough Trade East. Interview mit Adrian Sherwood und Steve Barker (2010) [9] ab 11:30 min. bei Youtube
  11. Artikel Cut-Up [10] bei der de.wiki
  12. Adrian Sherwood bei der Arbeit – Boogaloo (Never Trust a Hippy, 2003) [11] bei Youtube
  13. Kurzdarstellung der Arbeitsweise im Umgang mit einem King-Tubby-Sample an einem Mackie-24Spur-Mischpult: Adrian Sherwood @ Dubspot! Interview + Workshop Recap: Talks Dub, Music Production + (2012) [12] ab 4:20 min. bei Youtube
  14. Profil Adrian Sherwood [13] bei Discogs
  15. Info @ Dubspot!-Video bei Youtube, Anm. oben
  16. Vorstellung des Equipments und der Arbeitsweise: A Day With Adrian Sherwood at On-U Studios (2014) [14] bei Youtube
  17. ebd., ... at On-U Studios (2014) bei Youtube
  18. Adrian Sherwood zu seiner kurzen DJ-Karriere: Adrian Sherwood on Being Adrian Sherwood [15] ab 7:30 min., bei Youtube
  19. Melissa Bradshaw – Pay It All Back: Adrian Sherwood On 30 Years Of On-U Sound (2011) [16] bei The Quietus

Weblinks

  • David Parker – Fanseite On-U Sound in the area [20] bei Skysaw.org
    • Links zu den Homepages und Accounts der Musiker [21] bei Skysaw.org
    • Dub From Creation: Forthcoming material [22] angekündigtes Material auf On-U bei Skysaw.org
  • Profil [23] bei Discogs
  • Max DaxInterview: Adrian Sherwood (2012) [24] bei Electronic Beats

Videointerviews mit Adrian Sherwood

  • Vorstellung des Equipments und der Arbeitsweise: A Day With Adrian Sherwood at On-U Studios (2014) [25] bei Youtube
  • Adrian Sherwood on Life in the Music Industry (2014) [26] In den Worten, die auch Helios Creed an anderer Stelle wählt:"I'm blessed", bei Youtube. Auch musikalisch sind die beiden nicht weit voneinander entfernt, wenn auch keine weiteren Kontakte zu bemerken sind. Adrian Sherwood über die Schwierigkeiten, die Lebenshaltungskosten zu tragen, ohne mit den Interessen der Industrie zu involvieren.
  • Adrian Sherwood on Being Adrian Sherwood [27] bei Youtube
  • Zum 30. Geburtstag – On-U Sound Records bei Rough Trade East. Interview mit Adrian Sherwood und Steve Barker (2011) [28] bei Youtube

Musik

  • Kanalseite [29] bei Youtube
  • Keith LeBlanc - Major Malfunction (1986) [30] bei Youtube

Links im Juni 2017.