Musik im Internet

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Die Geschichte der Musik im Internet beginnt in den 80er Jahren im sogenannten Usenet und den damaligen Mailboxnetzen. Die Geschichte des Internet selbst 1989 als Hypertext-Dienst im Rahmen des Usenet im schweizer CERN, 1990 positioniert sich der erste kommerzielle Internetanbieter am Markt. 1994 wird das World Wide Web Consortium (W3C) gegründet. Die Verringerung des Datenaufkommens durch Audiokompression und höhere Datenübertragungsraten seit Mitte der 90er Jahre ermöglichten es, vom heimischen PC aus Audiodateien zu verschicken oder aber zum Streamen bereitzustellen.[1][2] 2017 geht aus einer Studie hervor, dass inzwischen drei Viertel der Achtzehn- bis Zwanzigjährigen Musik ausschließlich oder überwiegend über das Internet hören, etwa zwanzig Prozent nutzten einen kostenpflichtigen Musikdienst. Über alle Alterklassen hinweg wird Musik von etwa einem Viertel der Probanden über das Internet gehört.[3]

Hintergrund

Das Internet ist trotz seiner Archivstruktur ein außerordentlich dynamisches und zeitnahes Massenmedium. Die dezentrale Netzstruktur und dort besonders der unmittelbare Zugriff von Musikern darauf, was wo und wie abgelegt oder gespeichert wird oder wurde, ist wohl eine der Ursachen, durch die das Musikangebot im Internet sich nicht nur bald vervielfachte, sondern auch flexibel gehandhabt und verwaltet werden konnte.

Seit das ohne großen Aufwand möglich war, muss dem Datenaufkommen von Audioangeboten im Internet eine gewisse Flüchtigkeit zugestanden werden. Vieles verschwindet so schnell wie es aufgetaucht ist, der Großteil dümpelt am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit oder gänzlich unbemerkt vor sich hin und nur wenige Anbieter schaffen es, ihre Internetpräsenz zu etablieren und ein dauerhaftes Musikangebot zu schaffen. A und O für die Bewerbung von Produkten sind zur Zeit nach wie vor Kontakte in der wirklichen Welt, Kontakte im Internet sind oft wechselhaft und erfordern eine ständige Pflege und gegebenenfalls Erweiterung. Newsletter werden über die Mailinglists der einzelnen Anbieter (Subskriptionen) oder über die jeweiligen Communities verwaltet.

Ökonomie der Netzbeteiligung

Die meisten Anbieter von Musik sind terrestrisch wie auch virtuell unterwegs. Neben dem Vertrieb ihrer „offiziellen“ Marktangebote gibt es Zusatzangebote wie Bonustracks, Remixe, Karaokeversionen und mehr. Einige MusikerInnen entfalten eine rege Aktivität in Internetprojekten, dies zum Teil auch unter öffentlichen Pseudonymen oder anonym. Ebenso weitgefächert ist die Beteiligung von Musikern und Fans an diversen ausschließlich virtuellen Projekten. Oft werden Musikaufnahmen auch unter dem jeweiligen Benutzernamen ohne spezifische Nennung von Interpreten, Produzenten oder Titeln hinterlegt. Damit ist eine Kultur des Understatements in das Musikangebot eingezogen, die Simulation wird vor der Produktion gehandhabt, die Coverversion erlebt eine neue Blüte. Mash Ups, Remixe und Remasters sind inzwischen bei diversen Communities und Anbietern eingezogen, Kleinprogramme oder -anwendungen mit oft intuitiven Oberflächen ermöglichen es, Klangresultate nach Onlinebedienung auf dem eigenen Desktop wie die Musik anderer und ähnliches Geräuschaufkommen abzuspeichern und weiterzuverarbeiten und die Resultate kostengünstig wieder im Internet zu präsentieren.

Daten aus dem Internet entfernen

Einige halten sich ganz aus dem Internet heraus oder entwickeln ihre Präsenz je nach Situation und Möglichkeit. Manche Inhalte sind netzspezifisch verankert und nicht leicht oder überhaupt nicht zu tilgen. Die Suchmaschinen brauchen für ein Update, bei dem die Seite nicht mehr angezeigt wird, zum Beispiel indem eine robots.txt Datei im Verzeichnis abgelegt wurde, etwa zwei bis drei Wochen, solange sind zum Beispiel auch Textdateien bei Google.books zwischengespeichert. Das Internet Archive versucht mit einer Wayback Machine sämtliche abrufbare Inhalte des Internets zu archivieren, Webseiten werden dort auch nach Löschung der Dateien und Domains gespeichert, auf Anfrage aber gelöscht oder nicht archiviert. Seiten in sogenannten Wikis, also Lexikoneinträge, können zwar gelöscht, aber in vielen Fällen auch wiederhergestellt und von jedermann eingesehen werden. Information und Recherche oft auch bei einfachsten Anfragen erfordern daher eine gewisse Vorsicht beim Umgang mit Work-In-Progress-Projekten wie der Wikipedia oder hier auch der Indiepedia, für zweifelsfreie Recherche empfiehlt sich manchmal die Überprüfung der Angaben anhand von Primärquellen. Sekundärquellen wie Online-Lexika können auf ihre Aktualität überprüft werden, mit Zunahme der Netzkompetenz bei der Weiterverarbeitung möglicherweise flüchtiger Inhalte etabliert sich vielerorts der Zusatz: „eingesehen am“ plus Datumsangabe für die jeweiligen Einzelnachweise und Webinformationen.

Non-Profit

Beim größten Teil der Internetaktivitäten steht ein Non-Profit-Gedanke aus Not oder Überzeugung (Freeware) oder aber die Idee der Shareware (Vergütung per Tausch oder Mikropayment) sowie des Filesharings über internetfähige Musikprogramme, wie zum Beispiel Ableton Live und Steinberg Cubase im Vordergrund. Das Musikangebot im Internet ist derart vielschichtig, redundant und hinsichtlich der angebotenen Qualitäten umfassend, dass für den Einzelnen von einem Überangebot ausgegangen werden kann, das Internet zwingt sozusagen von Beginn an selbst dann, wenn das Interesse sich nur auf die Musik bezieht, zu einer Eingrenzung und Reduktion von Interessen im Sinne einer Vorformulierung.

Freie Angebote

Das freie Angebot von Musikdateien und Informationen zur Musik im Internet betrifft Downloadmöglichkeiten von Musik in Form von Audiodateien, Videos, oft kostenlosen Musikprogrammen (Software), Patches und Plug-Ins (Anwendungen und Erweiterungen für Programme), sowie ein sehr hohes Informationsangebot zu und zur Musik in Blogs (personalisierten Tagebuchseiten) und Open-Source-Lexikoneinträgen sowie Linksammlungen. Zur Verfügung stehen auch Gitarren- und Drum-Tabs. Ein großer Teil des Informationsaufkommens zur Musik ist über die Archive von Zeitungen und Musikzeitschriften abrufbar und (2015) oft noch kostenlos. Ein anderer Teil ist in Form von Fan-Seiten, Lyrics, Interviews, Kurzdokumentationen, Essays oder Leseproben von Büchern u.ä. angelegt.

Das Internetradio ist fester Bestandteil der Netzkultur geworden und gehört ebenso wie Podcasts, RSS und Musikfernsehen zu den Streaming-Angeboten, bei denen lange Inhalte wie Radiosendungen oder Playlists mit Texten und Bildern abgerufen und die jeweiligen Angebotsseiten abonniert werden können. Das Datenaufkommen für das Streamen von MP3-Dateien ist relativ gering. Hörfunkprogramme können ohne Zulassung über das Internet verbreitet werden[4] und sind grundsätzlich (bis auf den Rundfunkbeitrag und die Providerkosten für den Internetzugang) kostenlos.

Die meisten Angebote sind Onlineangebote terrestrischer Unternehmen, inzwischen gibt es aber auch eine Vielzahl an Netlabeln und MusikerInnen, die ihre Musik ausschließlich im Internet anbieten. Den Fall, dass Netzanbieter sich auf eine terrestrische Präsenz hin erweitern, gibt es ebenso.

Freie Beteiligungen

Das interaktive Internet begann mit Foren zur Musik, in denen Informationen zur Musik und bald auch immer öfter eigene Musikproduktionen oder aber Musikproduktionen anderer angeboten und verteilt wurden. Musikerplattformen ermöglichten es, Audiodateien und Informationen relativ unvermittelt auszutauschen. Viele Musikerplattformen bieten ein kostenfreies Benutzerkonto und Upgrades auf kostenpflichtige Zugänge an. Foren unterteilen sich in solche, in denen Informationen zu Musik zur Verfügung gestellt und kommuniziert werden und solche, in denen die Musik selbst ausgetauscht wird, die Grenzen sind fließend. Hinzu kommen Plattformen, auf denen oder über die Musiker in sogenannter Echtzeit über große Distanzen miteinander Musik machen können[5] oder Programme und Patches austauschen oder zusammen entwickeln. Einige Anbieter ermöglichen es, kurze Tonaufnahmen der Umgebung, in der man sich befindet oder Feldaufnahmen anderer Umgebungen abzuspeichern und zu katalogisieren, diese sind gewöhnlich mit einem Online-Kartendienst wie Google Streetview über Google Maps (siehe zum Beispiel: radio aporee ::: maps) verlinkt.[6] Die Tonaufnahmen sind in den meisten Fällen unter einer freien oder eingeschränkt freien Creative-Commons-Lizenz verrechtet. Sie sind entweder uneingeschränkt oder vorübergehend frei verfügbar, abspiel- oder abrufbar.

Kostenpflichtig

Etwa zeitgleich mit den ersten Entwicklungen im Bereich Audio begann auch der Musikmarkt sich im Internet zu reproduzieren, neue Formate und Angebotsstrukturen wurden von den Großen des Musikmarkts jedoch erst spät bestätigt und übernommen. Die Logistik des E-Business musste noch ausgearbeitet werden, der Prozess ist bis heute nicht beendet. Ein kostenpflichtiges Musikangebot wird inzwischen von vielen Unternehmen angeboten, dabei sind nicht nur Netzanbieter aus dem Bereich der Musik wie Beatport oder Spotify aktiv, sondern auch Musikabteilungen von Unternehmen, die im weitesten Sinne mit der Musikproduktion zu tun haben, so zum Beispiel Apples iTunes Store.

Auswirkungen des Internets auf den terrestrischen Musikmarkt

Music Information Retrieval: Systematisierung von Suchvorgängen in digitalen Umgebungen Musik

Das Konzept des Megastars wurde durch das Internet auf unabsehbare Art und Weise in kürzester Zeit revolutioniert und überholt. Bands und Acts mit weit über einer Millionen Views oder Plays sind zum Teil kaum über die Grenzen ihrer Szenen hinweg bekannt. Nicht nur, was das betrifft, ist der Markt weniger ins Vertikale als in die Breite gewachsen, es scheint sich auch die marxistische Weisheit abzubilden, dass mit einer Steigerung der Quantität auch die Qualität steigt[7], die Masse qualitativ hochwertiger Musik im Internet macht eine zielgerichtete Suche von Beginn an notwendig. Andererseits gibt es erste Bestrebungen, einen Begriff von Amateurmusik neben dem Begriff der Musik als solcher zu etablieren, der die Produktionen sporadisch tätiger Homestudios usw. und von musikalischen Laien außerhalb des DIY kategorisieren soll.[8] Die meiste Musik im Internet ist verschlagwortet (getaggt), zu fast jeder Audiodatei gibt es also Stil- und Genreinformationen auf der Seite, auf der sie angeboten wird, die von den Suchmaschinen erfasst werden. Systematisiert wird die Musik anhand eines Begriffsapparates, der in ständiger Entwicklung ist. Kategorien und Genres der erfahrenen wirklichen Welt unterliegen neben aller Subjektivität einem Bedeutungswandel, der die Beweglichkeit der Szenen, aber auch der Diskurse oder allgemeinerer Diskurse abbildet.[9] Die Forschungsrichtung Music Information Retrieval beschäftigt sich mit der Systematisierung und insbesondere dem Auffinden von Musik in digitalen Umgebungen wie dem Internet.[10]

Der soziale Charakter des Internets wird ersichtlich, wo nicht nur fast jede Information und theoretisch zumindest jede Datei an jedem Ort der Welt weltweit abgerufen werden kann, sondern auch der Tonträger- und Instrumentenmarkt mit seiner ungleichgewichtigen Benachteiligung strukturschwacher Regionen sich am Versandhandel und den Preisen der Internetanbieter messen lassen muss.[11]

Auswirkungen auf die Musik

Auch was die Kompositionsmethoden betrifft, ist die Beaudrillardsche Simulation der Produktion inzwischen oft zugeordnet, wenn nicht vor- oder übergeordnet, der Ideenvielfalt und Vielfalt der Zugänge bei der Umsetzung und Präsentation von Musik kann vom Einzelnen oft nur mit Staunen begegnet werden. Viele Ergebnisse werden bereits früh als Work-In-Progress-Versionen vorgestellt: Das unmittelbare Feedback ist oft geeignet, Rückschlüsse auf bzw. für weitere Entwicklungen zu ermöglichen und kann Produktionsprozesse auch motivational positiv beeinflussen. Der Kreativität im Umgang mit Musik scheinen kaum Grenzen gesetzt zu sein. Die Überschneidungen zwischen Musik und angrenzenden Bereichen sind zahlreich bis hin zum Databending, dem Abspielen zum Beispiel von Videodateien als Audiodatei. Stochastischen Kompositionsmethoden ist durch das Internet ein weites Feld eröffnet. Ein besonderes Anliegen ist es oft, mit den neuen Mitteln und Methoden auf die Referenzlosigkeit der originären aber auch der eigenen musikalischen Texte zu verweisen.[12] In diesem Sinne kann möglicherweise auch der oben erwähnte Kult des Understatements verstanden werden.

Es wird unterschieden zwischen der Generation, die die Anfänge des Internets miterlebt hat, den digital immigrants oder digital naives, und denen, die mit der Netzkultur groß geworden sind, den digital natives.[13] Bei einigen Entwicklungen werden die Suchmaschinen inzwischen umgangen und Webseiten oder Inhalte von Funkmodulen direkt adressiert. Open Source ist die eigentliche Triebkraft nicht nur der technologischen Entwicklungen im digitalen Bereich, auch die Musik selbst ist bis in die Mikrokomposition und hin zu Makrokompositionen seit dem Internet vielfältigen Anfechtungen und Transgressionen unterstellt. Mit der Zunahme von Direktadressierungen ist auch eine mögliche Gefährdung des Open-Source-Gedankens im Sinne eines freien Internets verbunden, die Folgen für die Musik sind jedoch zur Zeit noch nicht absehbar.

Was die Fachterminologien betrifft, so ist mit dem Internet eine Vielzahl neuer Begriffe und eine Vielzahl an Anglizismen eingezogen. Die Öffnung der Privatarchive mit seltenen Musikaufnahmen zum Teil auch kaum bekannter Kultbands aus der Musikgeschichte hat dazu geführt, dass auch die historische / historisierende Verortung von Musik zur Zeit noch eine stete Revision erfährt.

Web 2.0 / Social Media

Hauptartikel –> Web 2.0

Das Internet 2 ist als hauptsächlich interaktives Projekt dazu gedacht, Angebote für einen aktiven und kreativen Umgang mit dem Internet und im Internet zu bündeln.[14] Inzwischen bürgert sich zunehmend der Begriff Social Media oder Social Network ein. Stärker noch als das World Wide Web soll Web 2.0 Dekonstruktionen als postmoderne oder posthistorische Kompositionsmethoden und entsprechende Zugänge zu Internetcontents eröffnen.[15] Die großen Suchmaschinen erfassen Inhalte von Web 1 und 2 gleichermaßen.

Siehe auch

Musikerplattform, Virtuelles Idol, radio aporee ::: maps, Pure data, Postdigital, Soundchip, Elektronische Musik, Neuronale Netze, Computermusik, Live-Elektronik.

Einzelnachweise

  1. Artikel Musik, Abschnitt Internet [1] bei der de.wiki
  2. Michael Ahlers / Christoph JackeMusik im Internet. Entwicklungen, Trends und Perspektiven (siehe Literatur und Weblinks).
  3. Autor unbekannt – Internetnutzung. Mehrheit der jungen Leute hört Musik überwiegend online (2017) [2] beim Deutschlandfunk
  4. Artikel Internetradio [3] bei der de.wiki
  5. Georg Hajdus Quintet.net bietet eine optimierte Netzkommunikation für Musiker an, die über große Distanzen an Partituren orientierte Musik miteinander machen [4] bei Quintetnet
  6. Startseite [5] bei radio aporee ::: maps
  7. Artikel Dialektischer Materialismus [6] bei der de.wiki
  8. Social Media für Amateurmusik – Chance oder Blödsinn? [7] Startup-Idee von Stefan Petersen bei Web-ideas.de
  9. Ahlers / Jacke schreiben in ihrem diskurstheoretischen Aufsatz über eine fortschreitende „Mediatisierung der Kommunikation von Musik“, ebd., Anm. 2
  10. Artikel Music Information Retrieval [8] bei der de.wiki
  11. Michael Ahlers / Christoph Jacke – Musik im Internet., ebd., Anm. 2
  12. Artikel Simulacrum [9] bei der de.wiki, ein Simulacrum ist ja auch als auditives Phänomen denkbar.
  13. Artikel Digital Native [10] bei der de.wiki
  14. Artikel Web 2.0 [11] bei der de.wiki
  15. ebd.

Literatur und Weblinks

  • Bernd Schorb (Hrsg.) – Klangraum Internet. Report des Forschungsprojektes Medienkonvergenz. Monitoring zur Aneignung konvergenter Hörmedien und hörmedialer Online-Angebote durch Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren, Leipzig 2012
  • Michael Ahlers / Christoph Jacke – Musik im Internet. Entwicklungen, Trends und Perspektiven. [12] beim Deutschen Musikrat, Bonn 2012
  • Janko Roettgers – Mix, Burn & R.I.P.. Das Ende der Musikindustrie [13] PDF 2007, 183 S. bei Mix, Burn & R.I.P.
  • Linksammlung Musik im Internet (2001) [14] bei Andreas Schiener
  • Dein Guter Ruf.de [15] „Ihr persönlicher Online-Reputations Manager“ bei deinguterruf.de

Links im Juli 2017.