Molekulare Musik

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Molekulare Musik ist eine Methode der Erschließung von Musik aus den chemischen und physikalischen Eigenschaften molekularer Objekte und gehört in der engeren Definition in das Gebiet der Spektralmusik. Musik wird als „Kombination elementarer Wellenformen“ verstanden. Die Analysetätigkeit ermöglicht Aufschlüsse über Mikroprozesse in der Biochemie, die auf die Gestalt der Musik zurückwirken sollen und hauptsächlich zur Repräsentation von Konzepten oder Objekten im bewegten Mikrokosmos lebender Organismen gesucht werden.[1] Oft wird mit molekularer Musik auch ein mehr assoziatives Verständnis verbunden. Molekulare Ästhetik beruft sich auf die Materialforschung des Staatlichen Bauhaus der 1920er Jahre.[2]

Hintergrund

"All acoustic phenomena, including 'sound', are the result of mechanical movements of physical objects within or upon the surface of a solid, gaseous, or liquid acoustic medium such as steel, air, water, etc.. In the case of the acoustic phenomena we call 'sound', the movement of physical objects occurs at or close to audio frequency so that the resulting waves or pattern of waves passing through an acoustic medium do so at audio frequency. When these audio frequency waves impinge on the human listening apparatus (the inner ear) the result is that 'sound' is perceived in the human brain."[3]

Dabei ist das Ohr als Hauptwahrnehmungsorgan zu verstehen, es werden also auch Subbässe an den Fußsohlen usw. perzipiert und interpretiert. Besonders beim Singen kommt zudem die Eigenresonanz des Körpers zum Zuge.

Erzeugt werden zum Beispiel molekulare Töne, molekulare Tonleitern und molekulare Musikstücke. Im Mittelpunkt stehen die Möglichkeiten der Mustererkennung (pattern recognition). Der Begriff molekular weist eine engere und eine weitere Definition vor, bei der engeren geht es um Bewegungen von Molekülen und ihre Übersetzung mittels Spektralanalyse und Vergleich, dann Transposition in den hörbaren Bereich und gegebenenfalls Ausführung. Die verwendeten Instrumente sind hier: Spektrometer, Computer, statistische Erkenntnisse.

<– Die Kraft des Zufalls und die Brownsche Bewegung zur Darstellung von Molekülbewegungen im Experiment.

Bei der weiteren Definition wird ein intuitiver Ansatz verfolgt, der zum Beispiel im Rahmen der therapeutischen Entspannungsmusik Verwendung findet, aber in der populären Musik auch als Stilelement zum Beispiel von Ambient, Meditationsmusik, Minimalismus, postapokalyptischer Musik und ähnlichem Ausdruck findet. Instrumente sind: Sinnlich-spontane und intuitive Verwendungen musikalischer Module auf Grundlage der musikalischen Erfahrungen. Die Unabhängigkeit vom Instrumentenklang wird zum Beispiel durch die interaktive Anwahl ausführender Instrumentenpresets ermöglicht, das Sounddesign ist damit restriktiv zu nennen.[4] Viele Ansätze sind eher subjektiver Natur. Die Musikerin und Biochemikerin Linda Long versteht den Begriff als Grundlage für ein Verständnis von Leben und der vielfältigen Erscheinungsformen der Natur anhand des Computers und mittels Computermusik. Molekulare Musik sei hinsichtlich der therapeutischen und didaktischen Resultate sowie in ihrer Bedeutung für Forschung und experimentelle Musik von Interesse. Bei der Musik handelt es sich um intuitive Beschreibungen der Bewegungen von Hormonen und pflanzlichen Proteinen.[5] In seinen neueren Arbeiten übersetzt Joe Davis die DNA des Menschen in musikalische Folgen (siehe Weblinks): "Different organisms make different sounds in the way that say, the sounds of horses are perceived as different than the sounds of sheep."[6] Für David Lindsay kommt neben den tonalen Eigenschaften der Nukleinsäuren, aus denen die unterschiedlichen Proteine gebildet werden sowie der Reproduktionprozesse auch die Dissoziation, bzw. der Zerfall der Moleküle als Ausgangspunkt akustischer Ereignisse infrage.[7] Die Signatur soll charakteristische temporäre Ereignisse beschreiben. Walter Bauer hat 1996 die Titelmelodie von Dr. Schiwago auf Grundlage eines Samples gespielt, das er aus der spektrometrischen Betrachtung von Azeton in einem CDC13-Protein erhielt (CDC bedeutet Zellteilungszyklus). Verwendet wurden Pulssequenzen des Kernresonanz-(NMR)-Spektrometers der Universität Erlangen auf Grundlage des acoustic monitoring.

Sonifikation

Sonifikation wird die Übertragung und Umwandlung von Daten in Klangereignisse genannt. Dazu gehört zum Beispiel das Hörbarmachen mikroskopischer Bewegungen, zum Beispiel auch des Klangspektrums von Wassertropfen, Kleintieren, elektromagnetischen Strömen usw.. Molekulare Schwingungsformen mit Frequenzen zwischen 30 GHz und 300 THz werden per Spektrometer sichtbar gemacht, visuell oder durch Vergleich mit anderen Spektren ausgewertet und übertragen.[8] Eines der ersten Instrumente zur Sonifikation ist der Geigerzähler (1908).[9] Sonifikation dient, wo sie keinen explizit-musikalischen Zweck verfolgt, dem begleitenden und vertiefenden auditiven Monitoring von Mikroprozessen. Zur Umsetzung werden unterschiedliche Zeitskalen flexibel verwendet.

Makromolekulare Strukturen

Mikrofone, die ankommende Geräusche in elektromagnetische Schwingungen übersetzen, die dann wieder in Geräusche zurückübersetzt werden, sind bis heute nicht in der Lage, mikroakustische Signaturen individueller Zellen aufzunehmen. Grundlage sind deshalb Bewegungen von Molekülgruppen, -massen oder -schwärmen. Der hörbare Bereich wird als Klangfeld verstanden, in dem sich Mikroprozesse abbilden und entlang der je verwendeten Zeitachse formulieren. Molekulare Musik als algorithmische Kompositionsmethode ist stark an die Serielle und Postserielle Musik angelehnt. Makromolekulare Strukturen in der Musik werden zum Beispiel anhand zellulärer Automaten erzeugt, Algorithmen, mit denen Modellierungen von Sequenzen in Richtung (diskreter) räumlicher Komposition möglich sind.[10] Das Vorgehen ist topologisch, die Orte der Töne oder Noten werden flexibel im Verhältnis zu ihren Nachbarschaften berechnet. Als Beispiel kann John Conways Spiel des Lebens als Kompositionsmethode angeführt werden.[11]

Instrumente, Algorithmen

Einfache Spektrometer, Spin-Anregungs-Spektroskopie, Rastertunnelmikroskopie.[12]

Algorithmen als Annäherungen zur Transposition der DNA und ihrer Prozesse werden bei David Lindsay beschrieben.[13] Verwendet werden Rhythmusgeneratoren, die soweit wie möglich im Vergleich zu den beobachteten Prozessen analog eingestellt werden. Das poetisch-metrische System akzentuiert bei den energetischen Kräften der Zerstörung der Wasserstoffbrücken auch die Pausen im Dissoziationsprozess.[14] Unterteilt wird in repetitive und non-repetitive Sequenzen.

  • Beispiel: David Lindsay – A Thousand Apologies (2001) [19] (.mov Direkt-Download)
  • Apologie: In defense of Nonsense-DNA [20]
  • Background: DNA Copyright Lecture [21]

Eine Einlassung der urheberrechtlichen Seite betrifft das Copyrighting der DNAs von Personen als intellectual property und Variante des Patentierens der intellektuellen Basis eines Menschen. Zur Anwendung kommt ein Verfahren, das Kerry Mullis erfunden hat, die vielfache Kopie des Ausgangsmaterials, hier: der DNA, bis die Masse sichtbar wird:

"The problem can be seen as identical to that of a musical recording. If I buy a CD and listen to it, there is no infringement. I only infringe on intellectual property rights if I make a copy of that CD. This, clearly, is a question of not patenting but of copyright."[15]

Die Geräuschentwicklungen von Molekülen in Liquiden untersucht Mark Fell anhand der Brownschen Bewegung (Musikbeispiel eingebettet): [22] beim BBC. In seiner Übertragung ist die Tonhöhe durch die Entfernung der Moleküle voneinander bestimmt und die Klangfarbe durch den Winkel, in dem die Bewegung stattfindet.[16][17] Hier entstehen entgegen der weiteren intuitiv-molekularästhetischen Definition von Musik Klänge, die möglichst allgemein oder undesignt die betreffenden Prozesse abbilden sollen und im Rahmen von Musik entsprechend schwer zu hören sind, soweit die funktionale Komponente (die Idee, der Algorithmus oder die Übersetzung) im Vordergrund steht: "There will be some weird sounds coming out but also it's underpinned by science."[18]

Genetische Codes werden auch in Musik übersetzt, wodurch zum Beispiel Kompositionen zustandekommen, bei denen jeder Sänger / jede Sängerin seinen / ihren individuellen genetischen Code vorträgt:

Kritik

Da Mikroakustik zum Teil spekulativ ist, wird versucht, den Anteil an Unvorhersehbarkeit durch spektrale, taktile, emotionale oder statistische Methoden, zum Beispiel die optionale Anwahl unterschiedlicher Instrumentenparameter auszugleichen. Hier zeigt sich ein Schwachpunkt des Spektralismus überhaupt. An wenigstens einem Punkt der Kette ist Poesie gefragt, womit die objektive Fundierung der meisten Techniken und damit der Methode in Zweifel gezogen werden kann. Synästhesie ist zudem auch eine Geschmacksfrage.

Durch die objektzentrierte Vorgehensweise entsteht ein Legitimationsproblem, bei dem die Frage nach der Musik als Ausgangspunkt einer Komposition gestellt werden kann. Bearbeitungen von musikalischem Quellmaterial ermöglichen eine Verschiebung des Legitimationsproblems auf Sozialisation und Ausbildung von KomponistInnen.

  • Flächen, Pulse, Repetitionen, rhythmische Entitäten, Klangsignatur, Klangsynthese, optische Spektrometrien, Pigmente, photolabile Moleküle, Stabilität und Zerfall von Strukturen.
  • Aus Teilen zusammengesteckt, zerlegen, zusammensetzen, flächig, Bögen, Breakbeat, Jazz, zerhackstückt, Anti-Rock, reduziert, transparent, flüchtig, Wasser, Aggregatzustände, Diktatur der Zeit durchbrechen, Hologramm, Elektronen, Protonen, Neutronen, Erwartungen, Wechsel.

Das Molekulare als philosophisches Konzept

Der Begriff des Molekularen findet in der Musik auch Eingang durch den entsprechenden Ansatz von Gilles Deleuze und Félix Guattari (Tausend Plateaus), der besonders in den 1990er Jahren als Hintergrund für komplexere Elektronische Tanzmusik Verwendung fand.[19] Molekular bezieht sich hier nicht auf das Molekül als physikalische Größe, sondern auf ein Konzept der Dekonstruktion von Hierarchien.[20] Eine Kurzvorstellung eines Videovortrags von John Marks zum Thema fasst den Ansatz des Molekularen und seine Interdependenzen zur Musik zusammen:

„Der Begriff des ‚Molekularen‛ bei Gilles Deleuze und Pierre-Félix Guattari bezieht sich, wie Eugene Thacker jüngst angemerkt hat, nicht unbedingt auf ‚Moleküle’ im wissenschaftlichen Sinn [...] ‚Molekular’ steht in Tausend Plateaus gleichbedeutend mit Werden, Deterritorialisierung, Multiplizität. Die beiden Autoren formulieren daraus eine Kampfansage an den genetischen Determinismus, der beharrlich mit der Molekularbiologie in Zusammenhang gebracht wird. In ihrer Behandlung des Werks von François Jacob und Jacques Monod interpretierten sie die Beziehung zwischen Nukleinsäuren und Proteinen unter dem Aspekt von ‚Ausdruck’ und ‚Inhalt’“.
„Am stärksten ausgeprägt ist der ‚molekulare’ Blick in Deleuzes Schriften zur Ästhetik, insbesondere in jenen zu Musik, Literatur und Film, in denen er eine radikal materialistische Position bezieht. In Bezug auf die Musik spekuliert er, dass es möglich sein müsse, von der Vorstellung einer musikalischen ‚Materie’, die in eine ‚Form’ gezwungen wird [...] abzugehen und die Dualität Materie-Form durch Materie-Kraft zu ersetzen. Bestimmte Arten der Musik könnten damit unhörbare Kräfte hörbar machen. In der Literatur erhellt der molekulare Blick, wie unpersönliche Affekte, Empfindungen und Singularitäten sich in Worte fassen lassen.“[21]

Musiker

Atoms For Peace, Curtis Roads, Charles Dodge, Underground Resistance, Yasunao Tone (Fluxus), Linda Long, Larry Miller, David Lindsay, Sebastian Berweck, Rei Nakamura, Mark Fell, Ludger Brünner, Tim Otto Roth, Gerhard E. Winkler, Kim Cascone, Richard Chartier, William Basinski (besonders die Disintegration Loops), György Ligeti, Pierre Boulez und weitere.

Trivia

Es gibt einen Science Fiction mit dem Titel Molekularmusik (Armin Rößler, Heidrun Jänchen).[22] Es existiert auch ein Patent auf den Namen Molecular MusicTM.[23]

Siehe auch

Computermusik, Neuronale Netze, Repetitive Musik, Musikalische Sozialisation, Physikalische Modellierung, Algorithmische Komposition, Spektralmusik, Pure data, Serielle Musik, Postserielle Musik, Live-Elektronik, Circuit bending, Visuelle Musik, Elektronische Musik, Musikalisches Werk, Soundchip.

Einzelnachweise

  1. Die Perspektive Organismus bzw. Leben schließt mit ein, dass Luft eines der Hauptraummedien ist, das Transpositionen in Musik ermöglicht, das durch die Bewegung der Moleküle. Entsprechend weist Joe Davis darauf hin, dass es bisher keine Erkenntnisse über „nicht-ruhende lebende Organismen im Vakuum“ gibt. In: Projektbericht Joe Davis [1] bei geneticsandculture.com. Vielfach wird auch über das Wabblige oder Wobbeln des Moleküls eine aquatische Vorstellung generiert.
  2. Programmheft zum Symposium Molekulare Ästhetik (2011) [2] beim ZKM, Karlsruhe
  3. Projektbericht Joe Davis [3] bei geneticsandculture.com
  4. Siehe zum Beispiel: Linda Long – Musik der Hypophyse [4] Compose, bei Molecular Music.com
  5. Startseite Linda Long [5] bei Molecular Music.com
  6. Projektbericht Joe Davis [6] bei geneticsandculture.com: "I found that slightly different acoustic signatures corresponded to slightly different species of microorganisms."
  7. David Lindsay – A Striking Resemblance: DNA Dissociation as a Rhythmic Event (2002) [7] bei Lazlo.com
  8. Thierry Delatour – Molekularästhetik [8] Profil beim ZKM
  9. Artikel Sonification [9] bei der en.wiki
  10. Artikel Zellulärer Automat [10] bei der de.wiki
  11. Artikel Conways Spiel des Lebens [11] anschauliche Beispiele bei der de.wiki
  12. Artikel Rastertunnelmikroskop [12] bei der de.wiki
  13. David Lindsay – A Striking Resemblance: DNA Dissociation as a Rhythmic Event (2002) [13] bei Lazlo.com
  14. ebd., Lindsay
  15. ebd., Lindsay. Auch der finanzielle Vorteil eines Copyright-Verfahrens entgegen einem Patentverfahren wird berücksichtigt.
  16. Jason Palmer – Music from tiny particles' movements set to debut (2012) [14] Mark Fell beim BBC
  17. Das erinnert möglicherweise an den Aufbau des Reactables mit seinen Modulen.
  18. ebd., Jason Palmer
  19. So zum Beispiel Label und Vertrieb Mille Plateaux.
  20. John Marks – Deleuze’s Molecular Vision (2011) [15] beim ZKM
  21. ebd., John Marks (2011) [16] Infotext beim ZKM
  22. Armin Rößler / Heidrun Jänchen – Molekularmusik (2011) [17] bei amazon
  23. Startseite [18] bei Molecular Music.com

Weblinks

  • Andi Hörmann – Molekulare Popmusik (zu den Atoms For Peace, 2013) [24] beim Deutschlandfunk
  • Travis Feldman – Start-Up Molecule Synth [25] die möglichen Reibungen von Molekülen werden auf die Funktionen elektronischer Sextaeder mit je vier Schnittstellen für die Steuerung übertragen. Fotozelle ist ebenso möglich (bei Kickstarter.com).
  • Tiny ear listens to hidden worlds [26] mit Klangbeispiel beim BBC
  • Klangwirkstoff Records [27] ein esoterischer Ansatz bei Planetware
  • Artikel Sonifkation [28] bei der de.wiki
  • Peter Weibel – Rede vom 3. Juli 2009, zur Eröffnung der Einzelausstellung „MicroSonical Shining Biospheres No.1“ [29] bei Sajo-art.de
  • Niedrigfrequente Schalleinwirkung per Membranverbindung auf einen Wasserstrahl: Amazing Water & Sound Experiment #2 [30] bei Youtube, Schalleinwirkung zur Verteilung von Propangasmolekülen: CBC's new 2012 Dubstep Ruben's Tube [31] bei Youtube
  • UD Virtual Compound Microscope [32] Online-Mikroskopie bei Udel.edu

Musik

  • Auszüge aus dem Konzertprogramm des Symposiums des ZKM Karlsruhe – Piano+ (2012) [33] bei Youtube
  • DrexciyaDrexciya 2 Hour Mix – Return To Bubble Metropolis. Molecular Enhancement. [34] bei Youtube
  • Yasunao ToneMolecular Music (1976) [35] bei Youtube
  • MIATanz der Moleküle (2007) [36] bei Youtube
  • The Empire of GlassMolecular (2011) [37] bei Youtube
  • Funny van DannenMolekulare Müdigkeit (2010) [38] bei last.fm
  • MonulokuMolekulare Tanzbewegung (2012) [39] Erster Track im Mix bei Youtube
  • IN-SONORA IV Molecular Music Project (2009) [40] bei Youtube
  • Música molecular.wmv [41] Exposition und Durchführung der menschlichen DNA bei Youtube

Links im Juni 2017.