Live-Elektronik

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Live-Elektronik ist ein Genre der elektroakustischen Neuen Musik, das seit Beginn der 1960er Jahre von John Cage initiiert und von David Tudor, Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono und anderen aufgegriffen und entwickelt wurde. Zum Teil bezeichnet Live-Elektronik auch die Sektion elektronischer Instrumente im Rahmen einer elektroakustischen Aufführung, wie auch die Aktionen der betreffenden Musiker. Der Begriff wird im Jazz und der Populären Musik auch für die im heutigen Sprachgebrauch sogenannten Electronica in Anspruch genommen und bezeichnet dort komplexere Keyboard- oder Computersoundarrangements zum Beispiel auch im Rahmen von elektronisch verstärktem Equipment wie E-Gitarre und E-Bass oder auch Drummaschine.

Hintergrund

Pioniere der Live-Elektronik waren Ende der 1950er Jahre die amerikanischen Theatermusiker Gordon Mumma und Robert Ashley.[1] Der Begriff Live-Elektronik wurde 1960 von John Cage zum erstenmal für eine Komposition verwendet[2], er bezeichnet Musik, die auch mit elektrischen Geräten gemacht wird, ein Beispiel ist Imaginary Landscape No. 1 (1939), bei dem zwei Schallplattenspieler Sinustöne abspielen, deren Frequenzen manuell beeinflusst werden[3], Imaginary Landscape No. 4 ist ein Stück für 12 Radios, bei denen Sendefrequenzeinstellungen und Lautstärken von 24 Musikern bedient werden.

Mit dem Begriff ist eine Echtzeit-Idee (von Null anfangen, bzw. sofort umsetzen) verbunden, neben der Dramaturgie finden auch Klangsynthese und gegebenenfalls Rhythmisierung spontan (Improvisation) oder geplant (Interpretation) gleichberechtigt auf der Bühne statt. Seit Ende der 1960er Jahre zählt auch die Manipulation von Instrumenten und Platinen, das sogenannte Circuit bending zum Bereich der Live-Elektronik.

Begriffs-Interpretationen

Martin Supper unterteilt 1997 Live-Elektronik noch in die drei Bereiche „Instrumentalaufführung mit elektronischer Klangumformung“, „Synthesizereinsatz bei Konzerten“ und „Computergestützte, interaktive Systeme“. Aufführungen „mit Einspielungen von vorproduziertem Klangmaterial“ und Ensembles, die ausschließlich Live-Elektronik verwenden, werden auch in Betracht gezogen. Konrad Boehmer reduziert Live-Elektronik auf die Aufführungspraxis mit Einspielungen vorgefertigten Materials.[4]

Laptopmusik als Subkategorie der Computermusik wird üblicherweise zur Live-Elektronik gezählt, indem die Performance sich ausschließlich auf einen Computer als Instrument bezieht, der für Aufführungen sozusagen prädestiniert ist. Die oft auch selbstgeschriebenen oder -entwickelten Patches und Programme, sowie die Steuereinheiten gelten als Bauelemente für weitere Anwendungen und Improvisationen.

Abgrenzungen gibt es zur Elektronischen Musik, Musique concrète, Akusmatik, Tape music und Computermusik, Vorbehalte hin und wieder gegenüber Komponisten, die ihre Werke selbst spielen.[5] Die von Werner Meyer-Eppler zu Beginn der 1950er Jahre vorgestellte Idee von Elektronischer Musik sollte Komponisten jedoch gerade eine von Interpreten unabhängige authentische Musik an die Hand geben, mit den Möglichkeiten der Live-Elektronik wurde die Hoffnung auf eine Öffnung der Studios in Richtung Bühnengeschehen und Aufführungspraxis verbunden. Klangtransformationen markierten den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, bis die Klangsynthese zunehmende Bedeutung erlangte. Pierre Boulez veröffentlichte einige seiner Werke in einer akustischen Fassung und einer Fassung mit Elektronik.

Musik

Eines der bekanntesten Beispiele für Live-Elektronik ist die entwickelte Anordnung I Am Sitting in a Room von Alvin Lucier, bei der er mit Endlosüberlagerungen aus einem Feedbacksystem in Art des Time Lag Accumulators von einer Ursprungsansage bis zum Klang der Raumresonanzen gelangt:

<– Alvin Lucier – I Am Sitting in a Room (1969), "It's like a Radiohead album"[6]

<– TouchOSC controlling Live-Electronics: Masterclass Karlheinz Essl Corfu, Panos Amelidis: Flöte / Niko Palamaris: TouchOSC[7]-kontrollierte Live-Elektronik

Siehe auch

Live-Coding, Algorithmische Komposition, Neuronale Netze, Elektronische Musik, Serielle Musik, Postserielle Musik, Elektroakustische Musik, Databending, Circuit bending, Time Lag Accumulator, Musikalisches Werk, Repetitive Musik, Computermusik.

Diskografie

Liste von Tonträgern mit Coverabbildungen [6] bei allmusic

Literatur

  • Martin Supper – Elektroakustische Musik und Computermusik (1997) [7] bei Amazon

Einzelnachweise

  1. Artikel Electronic Music, Abschnitt Live electronics [1] bei der en.wiki
  2. John Cages Cartridge Music von 1960 gilt als frühestes Werk der ersten Phase der Live-Elektronik, 1960-1969
  3. Artikel Live-Elektronik [2] bei der de.wiki
  4. Beide nach Maximilian Marcoll – Das Elektronische der elektroakustischen Musik (2006) [3] Diplomarbeit bei der Folkwang-Uni, S. 62ff.
  5. vgl. Artikel Live-Elektronik bei der de.wiki [4] „Immer wieder wird die Live-Elektronik von den Komponisten selbst gespielt, und damit die üblicherweise praktizierte Arbeitsteilung von Komponisten und Ausführenden aufgehoben.“, eingesehen am 6. November 2013
  6. Kommentar zu Alvin Luciers I am Sitting in a Room auf der Youtube-Seite des eingebetteten Videos.
  7. Benjamin WeissIm Test: TouchOSC (2011) [5] bei der De:Bug

Weblinks

  • Artikel Live electronic music [8] bei der en.wiki
  • Artikel Electronic Music, Abschnitt Live electronics [9] bei der en.wiki
  • Karlheinz Stockhausen – The British Lectures. Live-Electronics (1972) [10] bei Youtube

Links im Juli 2017.