Lexikon-Sonate

Aus indiepedia.de
Wechseln zu: Navigation, Suche
Lexikon.png

Lexikon-Sonate ist eine interaktive algorithmische Komposition für computerkontrolliertes Klavier auf OS X, die vom Wiener Komponisten Karlheinz Essl seit 1992 als Work-in-Progress entworfen wird. Das letzte Update des, im Internet unter einer Creative-Commons-Lizenz in einer Demoversion als Freeware erhältlichen Programms, erfolgte 2010 mit der Version 4.0.1. Per Tastatureingabe und im Autoplay können infinite, finite und repetitive Strukturen erzeugt werden.

Hintergrund

Die Idee zu Lexikon-Sonate entstand im Zusammenhang mit der 1992er elektronischen Auflage eines der ersten Hypertexte überhaupt – Andreas Okopenkos Lexikon-Roman von 1970 – durch die Gruppe Libraries of the Mind, zu denen Essl als Komponist hinzukam.[1] Für Karlheinz Essl erschließt sich das Programm aus den Prinzipien des Radikalen Konstruktivismus.[2]

"… I began to implement some models for algorithmic composition, which later became the starting point for Lexikon-Sonate. As a side-effect a whole library of compositional tools – the ‘Real Time Composition Library’ (RTC-lib) for MAX – evolved […] ‘Serialism’ here refers to a certain method of musical thinking rather than orthodox dodecaphonic techniques which have been abandoned by serial theory itself (cf. Stockhausen, 1957 and Koenig, 1965). [… Lexikon-Sonate] does not contain any pre-organised musical material, but a formal description of it and the methods how it is being processed. The idea of autopoiësis – material organizing itself due to specific constraints – plays an important rule."[3]

Per Tastatur werden die Einsatzzeitpunkte (Entry Delays) von Einzelereignissen wie Tönen und Akkorden, sowie von Modulen gesteuert, die aus der Analyse der Musik von Bach, Beethoven, Schönberg, Webern, Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Cecil Taylor gewonnen wurden. Überlagerungen unterschiedlicher Module führen bei Interpretationen vielfach zu Metastrukturen beziehungsweise Superimpositionen.

<– Karlheinz Essl: Live-Performance of Lexikon-Sonate (2005)

Fenster, Bedienelemente

Lexikon-Sonate weist auf dem Bildschirm insgesamt drei relevante Fenster vor, zwei weitere enthalten Hintergrundinformationen. Das Audio-Fenster sollte zuerst aufgesucht werden, um das Audio von standardmäßig Off auf On zu schalten. Driver, Sampling Rate und Vektoreneigenschaften sind hier einstellbar. Auch für den CPU-Verbrauch gibt es eine Anzeige. Im [Control]-Fenster können Pausen und Komplettstopps per Checkbox eingestellt werden. Mit zwei Radiobuttons kann die Automatik angehalten werden oder ein Wechsel der aktuellen Kombination wird herbeigeführt. Die jeweils aktiven Module und ihre Gewichtungen können verfolgt werden. Beim Autoplay steigen die Module im Vordergrund ein, werden mit dem Einstieg des nächsten Moduls ausgeglichen gewichtet und mit dem Einstieg des dritten Moduls im Hintergrund gehalten, bevor sie ausgeblendet werden (Gewichtungen 3, 2, 1 im [Control]-Fenster, unveränderbar).

Das zentrale Fenster zeigt eine Tastatur von 84 Tasten. Die aktiven Tasten sind im Verlauf jeweils grün hinterlegt, das Abspielergebnis ist so auch visuell nachvollziehbar. Die Einzelheiten der Verläufe, die sich mit bis zu 96.000 kHz samplen lassen, folgen siebzehn (ursprünglich 24) unterschiedlichen Kategorien, die auf Zufallsbasis automatisch abgespielt werden können, während zugleich per Tastatur weitere Module dazugespielt werden. Die Zufallsauswahl erfolgt deterministisch beziehungsweise restriktiv, das bedeutet, dass jedes Modul einmal zum Zuge kommt, bevor das erste wieder erklingt. Wie die komplexeren Module, können einzelne Töne oder Akkorde per Tastatur dazugespielt werden, sind jedoch weder in den Tonhöhen noch hinsichtlich der jeweiligen Dynamik bestimmbar. Die Module sind auf Basis der Real Time Composition Library (RTC-lib) für MAX (siehe Pure data) entstanden, die zu Beginn der 1990er Jahre ebenfalls von Karlheinz Essl am IRCAM entwickelt wurde.

Module

Die siebzehn Module lauten Esprit, MeloChord, Arpeggio, Joyce, BrownChord, Figuren, Ricochet, Gruppen, Dependance, Triller, SoloPlay, Scala, Orgelpunkt, Glissando, RepLay, Clouds und Fermata und werden in einem Hilfetext mouseover kurz erklärt. Jede der Kategorien kann endlos isoliert oder in Kombination mit bis zu zwei weiteren Kategorien abgespielt werden, über die Computertastatur sind Einflussnahmen des Interpreten auf die Folge der Module möglich. Die Tastaturbelegungen sind in einem Extra-Fenster einzusehen. Die Module 1-9 laufen im Dauerbetrieb, die weiteren je einmal durch. Die Tasten der Klaviatur können nicht gezielt angesteuert werden: "Instead, the instructions for playing the piano – the indication ‘which key should be pressed how quickly and held down for how long’ – are directly generated by a computer program …" (Karlheinz Essl).

Bei Arpeggio 3.1 (1993-2010)[4] lauten die kompositorischen Vorgaben des Algorithmus zum Beispiel: 1. enthält 4 bis 14 Töne, 2. steigt auf oder ab, 3. in 2 bis 4 Intervallen. Der Zufallsgenerator brownian wählt eine Zahl, die den Freiheitsgrad der Ereignisse bestimmt, die Restriktionen werden von anti-octave&prime und anti-bis&osc verwaltet – ähnlich dem Tonhöhengenerator des, am Espressivo der Wiener Klassik orientierten, Esprit:

Harmony ls.jpg

Harmony Generator von Esprit (siehe Abbildung): "In ESPRIT, the harmony algorithm uses the random generator brownian which selects a number within defined boundaries (min, max) according to a brown factor. With this factor (a real number between 0 and 1) the statistical distance between consecutive values is determined – the ‚Freiheitsgrad’. […] In order to filter out tone repetitions, octaves, and oscillating pitches, the resulting stream of pitches is evaluated by two objects, anti-octave&prime and anti-bis&osc. If such an undesireable event were about to take place the pitch is surpressed and brownian is asked to supply another one that fits into the constraints. This method avoids disturbing musical effects of a not-so-smart harmonical algorithm."[5]

Kritik

Bei Lexikon-Sonate wird die Dominanz der Tonhöhen durch ein Mit- und Gegeneinander der Parameter aufgefangen. Allzu harmonische Folgen, wie Oktav- und Primverbindungen, werden unterdrückt. Einfluss hat der Interpret fast ausschließlich auf die Einsatzabstände beziehungsweise Rhythmen und die Anzahl und Folgen der verwendeten Module. Durch das Hervortreten der Rhythmik aufgrund der Eingaberestriktionen läuft der Parameter Einsatzzeitpunkt Gefahr, die anderen zu überblenden. Da eine Midiausgabe in der aktuellen Version entgegen früheren Versionen nicht mehr vorgesehen ist, kann die Rede von einer Demoversion sein. Die Einbindung von Lexikon-Sonate in Anordnungen Elektronischer Musik ist auf diese Weise nicht ohne weiteres möglich. Eine midifizierte Version der Meta-Komposition kann für Auftritte angefragt werden. Ein zusätzlicher Controller, wie im eingebetteten Video, ist nicht erforderlich. Eine Windows-Version existiert nicht.

Trivia

Die Uraufführung wurde am 2. Februar 1994 vom Österreicher Kunstradio – Radiokunst organisiert und übertragen. Sie erfolgte ohne Interpreten durch einen Bösendorfer SE. Hörer konnten durch Anruf per Mobiltelefon die Abspielautomatik ändern. In einer weiteren Anordnung wurde ein Duett ohne Sichtkontakt veranstaltet.[6] Per Klick auf den Titel des Hauptfensters kommt der Benutzer auf die Internetseite des Programms. Seit 1997 gibt es eine Online-Version: [4] (1997)

Systemvoraussetzungen und Copyrighthinweis

Die Komposition ist unter einer Creative-Commons-Lizenz lizenziert[7], 10.6 MB groß (Zip-Archiv) und in der aktuellen Version für Mac OS X ab 10.4.11 verfügbar (Universal Binary). Sie ist als Freeware erhältlich und benötigt keine weiteren Installationsroutinen.

Einzelnachweise

  1. Artikel Andreas Okopenko [1] bei der de.wiki
  2. Karlheinz Essl – Lexikon-Sonate. An Interactive Realtime Composition for Computer-Controlled Piano (1995) [2] bei Karlheinz Essl
  3. Essl, ebd.
  4. Für die Namen der einzelnen Module siehe das MAX-Fenster mit den Softwarekomponenten.
  5. Karlheinz Essl – Lexikon-Sonate. An Interactive Realtime Composition for Computer-Controlled Piano (1995) [3] bei Karlheinz Essl
  6. ebd.
  7. Read-me-Text

Soweit nicht nachgewiesen stammen die Zitate und Informationen aus: Karlheinz Essl – Lexikon-Sonate. An Interactive Realtime Composition for Computer-Controlled Piano (1995) [5] längerer Text zu einer früheren Version, bei Karlheinz Essl. Die Abbildung des Harmony Generators von Esprit aus dem Kapitel 4. Structure Generators.

Weblinks

Allgemein

  • Download [6] 10.6 MB (Zip) bei Karlheinz Essl
  • Gertrud Schmutzer – Eine interaktive Real Time - Komposition für computergesteuertes Klavier (1994) [7] bei essl.at
  • Gerhard Eckel – About the Installation of Karlheinz Essl's Lexikon-Sonate (1996) [8] bei iem.at
  • Matt Bellingham, Simon Holland und Paul Mulholland – Conference Paper: An analysis of algorithmic composition interaction design with reference to Cognitive Dimensions (2014) [9] PDF bei researchgate.net
  • Homepage [10] bei Karlheinz Essl
  • Artikel Karlheinz Essl junior [11] bei der de.wiki

Aufführungen, Videos

  • Lexikon-Sonate performed by Karlheinz Essl @ Sonology (2014) [12] bei Youtube
  • Lexikon-Sonate: laptop performance by Karlheinz Essl (2011) [13] bei Youtube
  • David Borgo – Lexikon-Sonate Improv (2007) [14] mit begleitendem Sopransaxofon, bei Youtube
  • MuellieMess plays Karlheinz Essls Lexikon-Sonate (2016) [15] Solo bei Soundcloud
  • TransitweltLse (2015) [16] bei Soundcloud
  • Sammlung von Aufnahmen [17] bei Karlheinz Essl
  • Karlheinz Essl: Lecture on Realtime Composition (2010) [18] bei Youtube

Links im Mai 2017.