Jello Biafra

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Jello Biafra
Jello Biafra in Philadelphia, 2007
Jello Biafra in Philadelphia, 2007
Herkunft: San Francisco, Kalifornien
Geboren: 17. Juni 1958 (59Jahre)
Aktiver Zeitraum: seit 1977
Instrumente: Gesang
Labels: Alternative Tentacles
Homepage: Jello Biafra bei Alternative Tentacles
Bands:
Dead Kennedys
Lard
1000 Homo DJs
The No WTO Combo
Jello Biafra And The Guantanamo School Of Medicine

Jello Biafra ist als Frontmann der kalifornischen Hardcore-Punks Dead Kennedys, als Solokünstler und durch zahlreiche Kollaborationen mit ähnlich gelagerten Bands und Künstlern eine der einflussreichsten Gestalten des musikalischen US-Undergrounds. Zudem ist er als politischer Aktivist für die Grüne Partei in den USA tätig und ist Verfechter von Vegetarismus und Anarchismus.

Biographie

Sozialisierung

Der als Eric Reed Boucher in Boulder, Colorado geborene und aufgewachsene Jello Biafra stammt aus einem politisch aktiven Elternhaus, was die Grundlage für seine spätere Positionierung in Amerikas politischer und musikalischer Gegenkultur bilden sollte. Bereits in den 1970er Jahren engagierte sich Boucher gegen den Vietnamkrieg und die Willkürakte der Nationalgarde, wie sie z.B. 1970 bei den "Kent State Shootings" in Ohio Todesopfer unter protestierenden Studenten forderten. 1977 ging er nach Kalifornien an die Universität von Santa Cruz und begann, in der dortigen aufblühenden Punkrock-Szene mitzumischen; zunächst als Roadie für die Band The Nails. In dieser Zeit legte er sich auch den Künstlernamen Jello Biafra zu; eine Kombination aus der landesweit bekannten Götterspeisen-Marke "Jell-O" und der ölreichen Provinz von Nigeria in Afrika, die sich 1967 von ihrem Mutterland losgesagt hatte und in einem dreijährigen, extrem blutigen Bürgerkrieg wieder unter nigerianische Herrschaft gezwungen wurde. Zu seinen musikalischen Haupteinflüssen dieser Zeit gehörten einerseits New York-Punkbands wie die Ramones und britsche Polit-Punks wie Crass.

Dead Kennedys

1978 traf Biafra den Gitarristen Raymond "East Bay Ray" Pepperell und gründete mit ihm sowie dem Bassisten Klaus Fluoride und Drummer Carlos "6052" Cadona die Dead Kennedys, die eine der einflussreichsten US-amerikanischen Punkbands der zweiten Generation – zusammen mit u.a. den Circle Jerks und den Germs sowie etwas später Bad Religion – werden sollten. Mit Songs wie California Über Alles, Holiday in Cambodia und Too Drunk to Fuck machten die Dead Kennedys Furore bei den Punk-Fans und brachten andererseits – etwa mit dem als pornographisch eingestuften HR-Giger-Cover der LP "Frankenchrist" – immer wieder die Obrigkeiten gegen sich auf. Hierbei waren es insbesondere Jello Biafras beißend-sarkastische Texte, die den politischen US-Hardcore entscheidend beeinflussen sollten. Sein musikalisch-songschreiberischer Input barg jedoch dem Keim zu späteren Rechtsstreitigkeiten nach Auflösung der Band, da er kein Instrument gut genug spielen konnte, um darauf zu komponieren, und statt dessen die Riffs und Melodien auf Band einsang. Die Instrumentalsektion der Band zog deshalb später vor Gericht, um erfolgreich die alleinigen Tantiemen für die Musik der Dead Kennedys einzuklagen. Bis zu ihrer vorläufigen Auflösung im Dezember 1986 blieben die Kennedys jedoch eine der radikalsten und respektiertesten Hardcore-Bands der Reagan-Ära. Eine ebenfalls kaum zu unterschätzende Rolle für den US-Underground spielte das von Biafra 1979 ins Leben gerufene Label Alternative Tentacles, auf dem zunächst die DK-Platten und später auch andere wichtige Indie- und Noise-Acts wie die Butthole Surfers und Neurosis, aber auch Spoken Word von kritischen US-Intellektuellen wie Noam Chomsky veröffentlicht werden sollten.

Solokarriere und Kollaborationen

Jello Biafra setzte unterdessen ab 1987 seinen Kreuzzug gegen die religiöse Rechte und Amerikas Konservative – ähnlich wie sein Bruder im Geiste von der Ostküste, Henry Rollins – als Spoken Word-Vortragender und in Kollaborationen mit anderen geistesverwandten Bands und Künstlern fort. 1988 rief er gemeinsam mit dem Ministry-Kopf Al Jourgensen das Industrial-Projekt Lard ins Leben, das bislang vier Platten veröffentlichte und bei dem Biafra wie üblich gegen das System wetterte und von Jourgensens stampfend bis rasenden Maschinenbeats untermalt wurde. Mit Jourgensen arbeitete er auch bei den Projekten 1000 Homo DJs und Revolting Cocks zusammen. Weitere Alben-Kollaborationen folgten 1989 mit den kanadischen Hardcore-Punks von D.O.A. ("Last Scream of the Missing Neighbours"), 1990 mit den ebenfalls aus Kanada stammenden Jazzcore-Pionieren NoMeansNo ("The Sky Is Falling and I Want My Mommy"), 1991 mit den Noiserockern Steel Pole Bath Tub ("Tumor Circus") sowie 1994 mit dem Outlaw-Countrymusiker Mojo Nixon ("Prairie Home Invasion"). Jello Biafra steuerte außerdem zahlreiche Gastbeiträge für Alben anderer Musiker bei, wobei die bekanntesten Partner wohl Sepultura, The Offspring und Napalm Death sein dürften. Eine langjährige persönliche und musikalische Freundschaft verbindet Biafra auch mit den Melvins, mit denen er bislang zwei Kollaborations-Alben veröffentlichte.

2008 gab Biafra anlässlich seines 50. Geburtstags zwei Konzerte unter dem Motto "Jello Five-O" mit einer Band namens Jello Biafra and the Axis Of Merry Evildoers. Aus dieser Band ging sein neuestes Projekt mit dem Namen Jello Biafra And The Guantanamo School Of Medicine hervor, zu dem auch Ex-Faith No More-Bassist Billy Gould und Victims Family-Gitarrist Ralph Spight gehören und das musikalisch am Punk- und Hardcore-Sound von Biafras früheren Projekten anknüpft.

Juristische und sonstige Konflikte

Seine provokative Art brachte Jello Biafra neben einer Menge Respekt aber auch einiges an Problemen persönlicher und juristischer Natur ein. Er wurde immer wieder vor Gericht zitiert (u.a. 1987, als das PMRC ihn wegen des "Frankenchrist"-Covers wegen Verbreitung obszönen Materials (harmful matter) anklagte), was wiederum Biafras unbeugsame Kritik an jeglicher Zensur befeuerte und ihm als Thema seiner Solo-Releases diente. Auch der oben genannte Rechtsstreit von 1998 mit seinen Ex-Bandkollegen wie auch deren Versuch, ab 2001 mit einer reformierten Version der Band (mit neuen Sängern) wieder ins Geschäft zu kommen, inspirierte den Musiker zu neuen Schmäh-Tiraden (u.a. das gemeinsam mit den Melvins eingespielte Those Dumb Punk Kids (Will Buy Anything)). Besonders schmerzhafte Konsequenzen für Biafra persönlich hatte allerdings der Zusammenstoß mit rabiaten "Punks" 1994, die ihn nach einem Konzert des Ausverkaufs bezichtigten und den Musiker krankenhausreif schlugen. Eine Zeitlang war nicht sicher, ob sich Jello Biafra davon vollständig erholen sollte, was glücklicherweise letztlich aber doch der Fall war.

Politische Aktivitäten

Weniger gefährlich, wenn auch bislang erfolglos waren Jello Biafras Versuche, für politische Ämter zu kandidieren, die alle zwischen Farce und ernsthaften Zielen oszillierten: Bereits 1979 ließ er sich als Kandidat für das Bürgermeisteramt von San Francisco aufstellen (im Falle eines Wahlgewinns wollte er unter anderem Geschäftsleute dazu zwingen, Clownskostüme zu tragen, aber auch den Autoverkehr in der Innenstadt verbieten), und im Jahr 2000 bewarb er sich um die Position des Unabhängigen Präsidentschaftskandidaten (das aber trotz wohlwollender Reaktionen an Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader ging). Eine Liaison aus politischem und musikalischem Aktivimus bildete schließlich die anlässlich des von Gewalttätigkeiten seitens der Ordnungskräfte überschatteten G8-Gipfels in Seattle formierte Supergruppe The No WTO Combo. Zu dieser Band, die nur wenige Tage bestand und ein Livealbum ("Live from the Battle of Seattle") hinterließ, gehörten außer Sänger Jello Biafra noch Ex-Nirvana-Bassist Krist Novoselic, Ex-Soundgarden-Gitarrist Kim Thayil sowie Schlagzeugerin Gina Maiwal (Sweet 75).

Jello Biafra ist nach wie vor als Spoken Word-Künstler, Musiker, Politiker und Publizist aktiv.

Solo-Diskographie

Alle Releases erschienen auf Jello Biafras Label Alternative Tentacles.

  • 1987 No More Cocoons
  • 1989 High Priest of Harmful Matter − Tales From the Trial
  • 1991 I Blow Minds for a Living
  • 1994 Beyond the Valley of the Gift Police
  • 1998 If Evolution Is Outlawed, Only Outlaws Will Evolve
  • 2000 Become the Media
  • 2002 The Big Ka-Boom, Part One
  • 2002 Machine Gun in the Clown's Hand
  • 2006 In the Grip of Official Treason

Kollaborationen

Alben
Tracks

Jahrescharts

Jahr Titel Kritiker Charts Leser Charts
NME Spex Spex
1987 No More Cocoons
42
1990 Last Scream of the Missing Neighbours (mit D.O.A.)
46
23

Kompilationsbeiträge

Trivia

  • Jello Biafra hat seit 1977 auch als Schauspieler in einer Reihe von Filmen mitgewirkt.

Referenzbands

Weblinks