Independent Label

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Independent Labels (engl.: unabhängige Tonträgerfirmen), kurz Indie Labels, Independents oder Indies, bezeichnen zunächst die Plattenfirmen, die nicht zu den Major Labels, also den großen Konzernen, gehören. Entgegen Independent-Labels zahlen Major Labels unter Vertrag genommen Musikern Vorschüsse und sorgen für Promotion.

Hintergrund

Independent ist in diesem Zusammenhang ein unscharfer und umkämpfter Begriff. Zu der ursprünglichen Independent-Major-Unterscheidung – anhand des Vorhandenseins eines firmeneigenen Vertriebsnetzes - traten weitere kulturelle und strukturelle Faktoren, wie die einfache Größe, die Entscheidungsfindung aufgrund von ästhetischen oder kommerziellen Aspekten oder die Einbindung in Musikszenen. Klassischerweise bedienen die Indies spezialisierte Szenen und bauen neue Musiker auf, während die Major Labels von den Innovationen und Marktsegmentierungen profitieren, indem sie erfolgreiche Musiker und Konzepte übernehmen. Independent Labels haben häufig den Ruf eines authentischen Gegenmodells, bei dem die Musiker fair am Gewinn beteiligt werden. Ihre Formen erstrecken sich von Ein-Personen-Enthusiasten-Unternehmen bis zu sogenannten "Major-Indies", die in verschiedenem Grade den Marktmechanismen folgen. Das Major/Indie-Verhältnis im weltweiten Marktanteil hält sich relativ konstant seit den Anfängen der (Pop-)Musikindustrie, Independent Labels können etwa 20-25% des Tonträgerverkaufs auf sich vereinen.

Begriff

In seiner Analyse der Aktivitäten der Plattenfirmen in den USA, "The Sound of the City", prägt Charlie Gillett 1970 die Unterteilung der Tonträgerindustrie in "Major Labels", die ein eigenes, landesweites Vertriebsnetz besitzen, und "Independent Labels", die Verträge mit unabhängigen, regionalen Vertrieben abschließen müssen.

Geschichte

Erste Indies

Independent Labels entstanden schon in den 20er Jahren in den USA, als sich für die Produktion von sogenannter "race music", afroamerikanischem Blues, eigene Plattenfirmen formierten. Als wirkliche erste Independentgeneration im Sinne des Major-Independent-Gegensatzes gelten die kleinen Labels der späten 50er Jahre, die im Zuge des Erfolgs von Rock’n’Roll den Major Labels kurzzeitig den Rang ablaufen konnten.

Diese ersten erfolgreichen Indies waren vor allem durch ihre Größe gekennzeichnet. Oft bestanden sie nur aus einem Produzenten, der sich für einzelne Single-Veröffentlichungen Musiker suchte und auch für die ökonomische Seite allein zuständig war. Von den Rock’n’Roll-Top-Ten-Hits von 1955-59 waren mehr als zwei Drittel von Independent Labels produziert, denn die damaligen sechs Majors reagierten vor allem aufgrund von kulturkonservativen Vorbehalten nur langsam auf die veränderte Situation.

Anfang der 60er Jahre mussten die Majors realisieren, dass Rock’n’Roll nicht nur eine vorübergehende Phase darstellte, sondern einen größeren Umbruch markierte: Der Teenager-Markt entwickelte sich zum kaufkräftigsten Segment. Solche Trends entstehen in einer komplexen Wechselwirkung von Marktmaßnahmen und kulturellen Entwicklungen, können also nicht vollständig kontrolliert werden. Daher begannen die Majors 1962 einerseits, etablierte Independent-Musiker einzukaufen, und andererseits, verstärkt unbekannte Musiker unter Vertrag zu nehmen, denen weitgehende kreative Selbständigkeit zugestanden wurde.

Punk-Indies und Independent-Philosophie

Die zweite Generation von Independent Labels setzt in der zweiten Hälfte der 70er Jahre mit dem Aufkommen von Punk ein. Zunächst schien es undenkbar, dass die Musikindustrie Interesse an der Musik hätte, und für die Produktion und den Vertrieb der Punk-Aufnahmen formierten sich Kleinstlabel, Vertriebsnetze, eigene Medien (lokale Radiosender, Fanzines) und Auftrittsorte. Es schien nicht mehr nötig, zur Produktion von Musik auf die herkömmlichen industriellen Strukturen zurückzugreifen, sondern möglich, alles selbst zu machen.

Der Punk und sein Nachfolger New Wave sozialisierten in ihrem (medial produzierten und von den Protagonisten zum Teil kalkulierten) zerstörerischen und selbstbewussten Gestus eine Generation von jungen Musikern und Enthusiasten, die sich als Underground gegen den Mainstream, die massenmarktbezogene Major-Musik, gegen seine Mechanismen und Ästhetik abgrenzen wollten.

Das DIY-Konzept wurde zum Leitgedanken einer politisch aufgeladenen Independent-Philosophie. Der Major/Indie-Unterscheidung auf Grundlage des Vertriebsnetzes und der einfachen Größe wurden soziale, ästhetische und dezidiert weltanschauliche Aspekte zur Seite gestellt. In den 80er Jahren entwickelten sich mehr oder weniger von diesem Paradigma ausgehend eine Vielzahl von Independent Labels, die maßgeblichen Anteil an der weiteren Ausdifferenzierung der Popmusik in Subkulturen und minoritären Szenen hatten. Mit dem Aufbau unabhängiger Vertriebe (etwa Rough Trade in England, EFA in Deutschland) und der Etablierung vieler Indie-Labels (z.B. Mute, SST, Sub Pop) entwickelte sich im Laufe der 80er eine alternative Parallelstruktur.

Indies in den 90ern/00ern

Die klassische Unterscheidung zwischen Underground und Mainstream löste sich auf. Mit den Major-Erfolgen von Nirvana, Rage Against The Machine, Alternative Rock, Hip Hop und Techno konnte die vermeintliche Gewissheit, dass Musik für subkulturelle Szenen, politische Haltung und Rebellion mit Independent zusammengedacht wird, nicht mehr gehalten werden. Der Mainstream konstituierte sich nicht mehr nur als Weltstarpop, sondern inszenierte sich selbst erfolgreich als Flickenteppich der Minderheiten-Musik. Gleichzeitig näherten sich Indielabels und Majors in den Strukturen und Verfahrensweisen an, auch Kooperationsmodelle machten die Grenzen fließend.

Das Independent-Feld ist – nicht zuletzt nach dem Zusammenbruch der zumindest einige Jahre existenten Alternative zum (Turbo)Kapitalismus – ein Austragungsort der gesellschaftlichen Widersprüche, des Abschieds von herkömmlichen politischen Modellen, der Frage nach der Möglichkeit von Freiräumen und gegenhegemoniellen Praktiken. Ästhetische, weltanschauliche und ökonomische Aspekte sind nur noch bruchhaft als Teil einer Definition unabhängiger Labels zu sehen. Der Independent-Begriff findet sich in unterschiedlichsten Ausprägungen als Marke und als idealistischer Entwurf wieder.

Die letzte aufrechtzuerhaltende Unterscheidung stellt trotz der graduellen Verläufe die prinzipielle Logik der Unternehmensphilosophien dar: Für Majors ist das musikalische Material unwichtig, solange sich daraus ein Gewinn erwirtschaften lässt; Independents gehen von musikalischen Präferenzen (oder zumindest Hintergründen) aus und verorten sich in Form von Kleinstlabeln weiterhin als Teil bestimmter regionaler oder virtueller Szenen.

Wichtige Labels

Literatur

  • Götz Alsmann (1985): Nichts als Krach. Die unabhängigen Schallplattenfirmen und die Entwicklung der amerikanischen populären Musik 1943-1963. Münster.
  • Simon Frith (1981): Sound Effects: Youth, Leisure and the Politics of Rock’n’Roll. New York.
  • Charlie Gillett (1983): The Sound of the City. The Rise and Fall of Rock and Roll. Revised Edition. London.
  • Tom Holert/Mark Terkessidis (Hg.) (1996): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft. Berlin.
  • Johannes Ullmaier (1997): What’s so funny about L'age Polyd’or? Zur Independent/Major-Konstellation. In: Testcard – Beiträge zur Popgeschichte #5/1997. Mainz: Ventil Verlag S.94-104.