Hauntology

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Abgrenzung
Ursprünge: Elektronische Musik, Synthpop, Experimentelle Musik / Avantgarde
Herkunft: Großbritannien
Zeitraum: seit ca. 2005
Anders als: Witch House, Seapunk, Vaporwave

Hauntologie bezeichnet ein kulturwissenschaftliches Phänomen, das sich in verschiedenen ästhetischen Formen manifestieren kann (u.a. Musik, Philosophie, bildende Kunst) und das der französische Philosoph Jacques Derrida erstmals 1993 definierte. Grundgedanke ist dabei die „Heimsuchung“ der Gegenwart durch Ideen aus der Vergangenheit, wodurch die Endlichkeit jedweder Geschichte in Frage gestellt wird. In der Populären Musik bezeichnet hauntology eine Spielart der Elektronischen Musik, die durch Samples, analoge Synthesizer und Vintage-Technologie auf die Rekonstruktion einer bestimmten (oder auch unbestimmten) musikalischen Vergangenheit anspielt.

Einführung und Geschichte

"Hauntologie" in der Philosophie

Als Reaktion auf die Aussage des US-amerikanischen Historikers Francis Fukuyama, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gehöre dem siegreichen Kapitalismus nunmehr uneingeschränkt die Zukunft und es sei somit das „Ende der Geschichte“ eingetroffen, formulierte der französische Philosoph Jacques Derrida im Jahr 1993 seine Theorie der Hauntologie. Unter diesem Begriff, der die Konzepte von haunt (dt. von etwas heimgesucht werden) und Ontologie (Lehre des Seienden) in einem Wort verbindet, versteht man nach Derrida die Gegenwart (oder auch „offensichtliche Nicht-Gegenwart“) von Ideen, Theorien und Ideologien aus der Vergangenheit, die selbst bei ihrem Scheitern in der Praxis noch in den Denkgebäuden der Gegenwart präsent sind und diese dadurch prägen. Dem Titel des zugehörigen Buches – Spectres de Marx (dt.: Geister von Marx) – entsprechend, bezog sich Derrida in erster Linie auf die Theorien von Karl Marx, die durch das Ende des Kalten Krieges nach 1989 in weiten Teilen als gescheitert und nicht mehr relevant galten, obschon die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ursachen von Marx' Kritik am Kapitalismus auf nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weiter Bestand haben sollten. Zum weiteren Umfeld der Hauntologie gehört bespielsweise auch die Theorie der „heimgesuchten Orte“, nach der sich bestimmte einschneidende Ereignisse in einen Ort so einprägen können, dass sie sich ständig wiederholen.

„Hauntology“ als Musikgenre

Etwa Mitte der 2000er Jahre kristallisierte sich auch in der Musik eine Form dieser heimgesuchten Gegenwart heraus, die zunächst vor allem britischen Urpsrungs war. Ausgehend von Derridas Theorie stellte sich für viele Musiker die Frage, ob die bis dato auf die Zukunft und ihre grenzenlos erscheinenden technologischen Möglichkeiten abzielende elektronische Musik mit all ihren Spielarten sich nicht mittlerweile als ebenfalls replikativ und limitiert herausgestellt habe. Als eine Reaktion darauf wandten sich Acts wie Boards of Canada, Burial, Mount Vernon Arts Lab oder das 2004 gegründete Ghost Box-Label mit Acts wie Belbury Poly und The Advisory Circle den ästhetischen und klanglichen Quellen der Vergangenheit zu – in diesen Fällen hauptsächlich britischen Quellen. Das Sample- und Soundarchiv des BBC Radio Workshop gehörte dabei ebenso dazu, wie verfremdete Scores von Fernsehdokumentationen (damals häufig über Gefahren des Alltags, Okkultes oder Apokalyptisches wie das Leben nach einem Atomkrieg) und ihrer Zeit vorauseilende Klangexperimentierer wie Joe Meek, Daphne Oram, Delia Derbyshire oder Coil. Im Verlauf der 2000er und 2010er folgten weitere Bands und Künstler wie Ariel Pink, Broadcast, Concretism und Demdike Stare; jüngere Künstler wie Oneohtrix Point Never beziehen sich häufig auf mediale Eindrücke aus ihrer etwas weniger lang zurückliegenden Kindheit in den 1980er und 1990er Jahren, so dass hier eher Sounds aus Videospielen oder Werbeclips maßgebliche Inspirationsquellen bilden. In Italien bildete sich mit Bands wie Jacula eine eigene Spielart der Hauntology, die sich speziell auf einheimische „kulturelle Geister“ wie Spaghettiwestern oder okkulte Volkssagen bezog. Mit dem crossmedialen Scarfolk Council-Projekt von Richard Littler etablierte sich auch ein internetbasierter Ansatz, in dem durch Blogeinträge, einen in Buchform veröffentlichten fiktiven Stadtführer sowie durch ein Online-Fernsehprogramm eine tiefschwarze Satire auf die fiktionale nordwestenglische Stadt Scarfolk, in der die 1970er Jahre niemals enden und in der sich Retro-Ästhetik, wohlmeinende Schreckenspropaganda und moderner Überwachungsstaat verbinden, umgesetzt wurde.

Wichtige Akteure, Alben und Songs

Wichtige Bands:

Wichtige Alben:

  • 2001 Mount Vernon Arts Lab – The Séance at Hobs Lane
  • 2004 Belbury Poly - The Willows
  • 2008 The Advisory Circle – Other Channels
  • 2009 The Focus Group – Witch Cults of the Radio Age
  • 2014 Concretism – Town Planning

Wichtige Labels

Einzelnachweise

  1. Eric Zann aka Jim Jupp - Ouroborindra (2005) [1] bei Youtube

Weblinks

  • Mark Pilkington – Hauntologists mine the past for music's future (2012) [2] Blogeintrag bei boingBoing.net
  • Felix Stephan – Hauntology-Pop: Elektronische Musik erforscht ihr Unbewusstes. Derridas Begriff der "Hauntology" in den Clubs: Eine junge Musikergeneration erinnert sich an eine Kindheit vor der Spielekonsole und erwärmt Techno mit Menschlichkeit (2012) [3] bei der Zeit
  • Mark Fisher – "What Is Hauntology?" (2012) [4] bei jstor.org

Links im Juli 2017.