Genre und Stil

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Die Begriffe Genre (lat. genus für Sorte, Ursprung, Familie, Art) und Stil (lat. stylus für Stift) werden oft unscharf verwendet, zumal sie in den Bereichen Musik, Kunst und Literatur sowie in den verschiedenen Sprachräumen unterschiedliche Ausprägungen erfahren haben. Die Unschärfe geht bis hin zu synonymen Verwendungen. Stil bezeichnet, wie oder auf welche Weise etwas ausgeführt wird, Genre den Bereich, in dem es ausgeführt wird (was).

Hintergrund

Werden beide Begriffe inbezug auf ein musikalisches Ereignis zusammengebracht, dann kann bei entsprechender Unschärfe der Eindruck ungerichteter Hierarchien (Widersprüche oder Paradoxien) entstehen. Genres (zum Beispiel der Post-Punk, der ebenfalls ein Genre ist und sich aus avantgardistischen Bestrebungen aus dem Punk entwickelt hat) entstehen aus Stilen (Spielarten von Ursprungsgenres). Mit Stil wird entweder ein Personalstil verbunden (Wie spielt ein Interpret oder eine Band? Siehe: Bandsound) oder – sobald er sich auch auf Gruppen oder Szenen erstreckt – charakteristische Formeln und Formulierungen bei einem Musikereignis (Auf welche Weise spielt ein Interpret oder eine Band ein Stück?). Das ist auch chronologisch der Verlauf der Bedeutungserweiterung von wie (ursprünglich: Mit welchem Stift und welchen Eigenheiten schreibt X) hin zu auf welche Weise (in Bezug auf X: Welcher später vielleicht anerkannten Schreibart folgend schreibt Y). Die Perspektive Stil bezieht sich somit auf den Vorgang des Schreibens oder Musikmachens inklusive der Verwendung standardisierter Formeln, zuletzt also auf einen Kalligraphen, Autor, Interpreten oder eine Band, die Perspektive Genre auf den vorliegenden Bestand, zuletzt also einen vorbildhaft fixierten musikalischen Text. Ausnahmen sind der Epochenstil und der Dekadenstil, die sich auf die Zeit beziehen. Ein Genre ist – den intuitiven Gesetzen der Materialisierung folgend, dass es mehr Mühe macht, ein Musikstück auf Vinyl zu bringen, als es sich nur vorzustellen – der konservativere und damit weniger veränderliche Bezugsrahmen und gehört zum Bestand des (tendenziell fixen) Musiksystems, Stil orientiert sich dagegen näher an der musikalischen Handlung oder Interaktion. Stile sind einerseits Abwandlungen von Genres oder Gattungen, zum anderen Module oder Formeln, die in Genres unterkommen. Aus einem Personalstil kann ein Subgenre oder, wenn der Hype groß genug ist, auch gleich ein Genre werden. Die Frage ist die nach der Perspektive, was will ich fokussieren? Den Text (Relationen, Interrelationen) oder den Vorgang des Schreibens (hat er das gemacht, haben die jenes getan ...). Inbezug auf einen musikalischen Text ist ein Genre gegenüber einem Stil das Allgemeinere, nachgeschaltet und übergeordnet, inbezug auf die Spielart beziehungsweise die Musiker vorgeschaltet und untergeordnet. Die Begriffe subjektiv und objektiv korrespondieren teilweise.[1]

Genre, Gattung, Stil und Epoche

Es gibt eine Stilkritik, eine Genrekritik eher selten oder nicht. In der Zeit und inbezug auf den Text ist Stil der Mode näher und Genre das weniger bewegliche Klassifikationssystem. Genre (Was haben die Musiker gespielt?) ist eine letztlich textimmanente Klassifikationsweise, Stil bezieht sich vom Menschen auf den Text und umgekehrt. Gattung ist noch allgemeiner und bezeichnet stil- und genreübergreifend Formelsammlungen in ihren möglichen Kombinationen, also die Ballade, den Popsong, Circusmusik oder die Oper. Epoche beschreibt die groben zeitlichen Rähmen und befasst sich mit den Wandlungen der Musikgeschichte.

Geschichte: Die 1970er, die 1990er und heute

Durch die Explosion der Stilevielfalt in den 1970er Jahren gab es einen Bedeutungswandel, der im Bereich der Musik vielleicht zur vorliegenden Sprachunsicherheit beigetragen hat. Innerhalb kürzester Zeit entstand eine Vielzahl neuer Genres, wo bereits bestehende Genres exponentiell zunehmend weltweit kommuniziert wurden. Durch die Entwicklung der Computertechnologie, das Ende des Kalten Krieges und das Internet wurde die Übersicht in den 1990er Jahren zusätzlich erschwert. 2017 zeichnet sich eine fortschreitende Genremassenproduktion ab, in deren Verlauf die Urheber im Einzelnen weitgehend verschwinden. Anstelle von Urhebern treten Playlists mehr und mehr in den Vordergrund. Die Identifikation von Urhebern wird zunehmend selektiv durch den Zufall bestimmt und konstituiert weitere Zusammenhänge. Die Genremassenproduktion korreliert mit einem arealen Hören, das gefordert ist, wenn ein Überblick über die Musik im Ganzen gewonnen werden will. Dabei sind Band- und Actnamen mehr und mehr obsolet, zumal der Anspruch an Vielfalt inzwischen zu einer geradezu anarchischen Pluralität musikalischer Ausdrucksformen und auch Stile geführt hat. Das hat in den letzten Jahrzehnten stark zu einer Theoretisierung der Popmusikforschung beigetragen. Der Verlauf kann den Eindruck eines Aus-der-Musikgeschichte-entlassen-Werdens erwecken.

Trivia

In der Alltagssprache bezeichnet Stil auch ein der Mode zugehöriges Phänomen und bezieht sich auf geschmackssicheres Auftreten.

Einzelnachweise

  1. Vgl. Verbindung von Innen- und Außenwelt (Norbert Groeben, 1988) nach Budde, Dirk – Analyse und Kritik Populärer Musik im interdisziplinären Diskurs, in: Petersen, Peter und Helmut Rösing (Hrsg.) – 50 Jahre Musikwissenschaftliches Institut in Hamburg (1999)

Weblinks

  • Artikel Genre, Abschnitt Genre, Gattung, Stil und Epoche [1] bei der de.wiki
  • Artikel Stil, Abschnitt Stil in der Musik [2] bei der de.wiki
  • pte pte – Software ordnet Musik nach Genre und Stil (2010) [3] in der Computerwoche
  • Dirk Budde – Stil und Stilbegriff in populärer Musik (1998) [4] Texte zur Popularmusik bei der Uni Gießen
  • Peter WickeGenres, Stile und musikalische Strömungen populärer Musik in Deutschland (2010) [5] „Mit der ausgeprägten Individualisierung in temporären Projektzusammenhängen und personalisierten Mix-Stilen sinkt [...] die normative Bedeutung von Genremodellen und die Halbwertzeit generischer Begriffe.“, beim Deutschen Musikinformationszentrum

Links im September 2017.