Futurismus

Aus indiepedia.de
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Futurismus ist eine Richtung in der Kunst, Literatur und auch Musik des 20. Jahrhunderts, die zuerst in der prärevolutionären Stimmung in Russland und Europa in der ersten Dekade des Jahrhunderts geprägt wurde. 1910 bis 1913 wurden mehrere Manifeste zu und Werke im Rahmen einer Geräuschkunst veröffentlicht. In der Musik wird der historische Futurismus bis 1945 auch Bruitismus (bruit, franz.: Lärm) genannt. Der Bruitismus verstand sich als „Gegenbewegung zur ätherischen Musik des Impressionismus“.[1] Seit den 1960er-Jahren hat sich eine Richtung Afro-Futurismus mit Referenzen auf die Science Fiction entwickelt, bei der mittels DJ-Techniken und virtuellen Welten Spezifika des Futurismus teilweise rezipiert und transzendiert werden.

1910 bis 1945

Die Grundsteinlegung des Futurimus erfolgte 1910 durch das erste Manifest der futuristischen Musiker des Italieners Francesco Balilla Pratella. Auch Luigi Russolo versuchte seit 1912 die Musik durch eine Geräuschkunst abzulösen, sein Manifest L’arte di rumori von 1912 beeinflusste viele Musiker in der Folge.[2] Am 3. Dezember 1913, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, wurde die erste futuristische Oper, Sieg über die Sonne uraufgeführt, für die Michail Matjuschin die Musik komponierte. Matjuschin präsentierte in diesem Rahmen erste Experimente mit Vierteltonmusik[3] und verwendete Geräusche wie Kanonendonner und Flugzeugmotoren.[4]

Der Futurismus in Russland präsentierte sich, wo nicht unpolitisch, mit sozialistischem Hintergrund, der italienische mit nationalsozialistischem. Während des ersten Weltkriegs kam das musikalische Leben in Russland und Europa nahezu zum Erliegen, die Reihen der (oft patriotischen) Futuristen wurden zusehends durch Frontverluste gelichtet. Nach dem ersten Weltkrieg begann die Phase des Neo-Futurismus, die bis 1944 oder 1945 angesetzt wird und in deren Dunstkreis eine Reihe elektronischer Instrumente gebaut wurden.

Hauptvertreter und Zitat Marinetti

Hauptvertreter des Bruitismus waren Luigi Russolo und Francesco Balilla Pratella, Edgar Varèse, Michail Matjuschin, Arseni Michailowitsch Awraamow. Beeinflusst waren sie von Ferruccio Busoni und Filippo Marinetti:

"Wenn wir eine moderne Großstadt mit aufmerksameren Ohren als Augen durchqueren, dann werden wir das Glück haben, das Brummen der Motoren, das Auf und Ab der Kolben, das Kreischen der Sägewerke und die Sprünge der Straßenbahnen zu unterscheiden. Wir wollen diese so verschiedenen Geräusche aufeinander abstimmen und harmonisch anordnen. Jede Äußerung unseres Lebens ist von Geräuschen begleitet. Das Geräusch ist folglich unserem Ohr vertraut und hat das Vermögen, uns unmittelbar in das Leben zu versetzen. Während der Ton, der nicht am Leben teilhat, immer musikalisch eine Sache für sich und ein zufälliges, nicht notwendiges Element ist. Die Geräuschkunst darf sich nie auf eine imitative Wiederholung des Lebens beschränken. Sie wird ihre größte emotionale Kraft aus dem akustischen Genuss selbst schöpfen, den die Inspiration des Künstlers aus den Geräuschkombinationen zu ziehen versteht."[5]

Nachkriegszeit, Vorläufer des Afro-Futurismus

Nach dem Tod Marinettis und dem Ende des zweiten Weltkriegs endete die Referenz auf den Futurismus und die Bewegung ging in der Elektronischen Musik und dort besonders der Musique concrète auf. Nach wie vor beeinflusste der Futurismus allerdings vor allem die künstlerische (zum Beispiel die ungarische)[6], aber auch die musikalische Avantgarde, wo sie sich nicht, wie große Teile der Punkszene an Dada orientierte.

In den 1950er und 1960er Jahren wurden mit dem Tonband und den ersten einigermaßen bezahlbaren elektronischen Instrumenten (Synthesizern) die Voraussetzungen für einen neuen Futurismus geschaffen, der sich im Jazz (zum Beispiel Sun Ra), im Funk (zum Beispiel George Clinton), Crossover (Linkin Park und viele weitere), im Hip Hop (zum Beispiel Kool Keith) sowie in Electro (zum Beispiel Gerald Donald) und Elektro (zum Beispiel The Cassandra Complex), in der New Wave (zum Beispiel Gary Numan) und im Dub (zum Beispiel bei Lee Perry) niederschlug. Afro-Futuristen berufen sich oft auf „die magischen drei“ – Sun Ra, George Clinton und Lee Perry.[7] Manchmal werden auch Jimi Hendrix, Miles Davis und auch Ornette Coleman hinzugezählt.[8]

Sun Ras Spielweise des Prototyps des Minimoogs, der ihm von Robert Moog zur Verfügung gestellt wurde, wurde von den Entwicklern als erstaunliche Fehlbedienung des Instrumentes verstanden, vgl. Sun Ra – Space is the Place (O.S.T.). Sun Ra verwendete das Instrument oft auch für einfache Spacesounds. Vielfach werden die Vorläufer des Afro-Futurismus inzwischen im Anschluss an Kodwo Eshun und Edward George als Pioniere dem eigentlichen Afro-Futurismus zugerechnet:

„Edward George lebt […] in London, ist Mitglied des Black Audio Film Collective und der Drehbuchautor und Hauptdarsteller von John Akomfrahs mittlerweile auch schon öfter im ZDF ausgestrahlten Doku-Fiction The Last Angel of History/ The Mothership Connection – einem weiteren entscheidenden Einfluß für unsere Tagung. In diesem Film wird der Begriff des Afro-Futurismus definiert, die »Kanonisierung« der drei Musiker Lee Perry, Sun Ra und George Clinton zu seinen wichtigsten Vertretern vollzogen und die Verbindung zwischen den beredten Motiven der drei genannten Vaterfiguren mit den »stummen« elektronischen Klangfiktionen der Detroit-Techno- und Drum and Bass-Kultur unserer Tage erstmals schlüssig durchgeführt.“

Diedrich Diederichsen in Loving the Alien[9]

Afro-Futurismus

1994 wird der Begriff Afro-Futurismus von Mark Dery, einem amerikanischen Kulturkritiker, geprägt.[10] Während der moderne Afro-Futurismus sich als „Cosmic Jazz“ (Sun Ra) und im Zusammenhang mit sozialkritischer Science Fiction nach Kodwo Eshun im Dub und im P-Funk als Sonic Fiction präsentierte, wird im postmodernen Afro-Futurismus die Zielrichtung der Futuristen (von Ton zu Geräusch) in Virtualisierungen der Welt und auch der musikalischen Texte übertragen. Die Fabriken der Moderne sind im Industrial noch vorzufinden, im Electro aber bereits den Geräuschen und Soundtracks von Computerspielen, Vorläufern virtueller Fabriken, gewichen.[11] Die Simulationen musikalischer Handlungen, zum Beispiel die Verwendung ganzer Phrasen aus der Musik von anderen oder aus ganz und gar stilfremder Musik, entbehrt dabei nicht der Kommentarfunktion und kann, wie bei den ursprünglichen Futuristen, auch kritisch verstanden werden. Was den Bruitisten das Geräusch dem Ton gegenüber war, sind beim Afro-Futurismus der Postmoderne DJ-Techniken und virtuelle Welten den Spacesounds der Pioniere gegenüber.[12] Das wird zum Beispiel unter dem Schlagwort "Cut'n Mix" rubriziert: „Das heißt auch, daß unter »afro-futuristischen« Gesichtspunkten Techniken wie Sampling, Scratchen, Dubbing und DJing westlichen Denkstrukturen nur bedingt verpflichtet sind. Grooves kennen keinen »Autor«, Breakbeats, (atonale) Basslinien und (dissonante) Geräusche/Sounds übernehmen die Funktion von Melodien und verschieben so jene Kategorien, die z. B. in der Rockrezeption als »Text« (Lyrics) fungieren.“[13]

<– Kool Keith, The Original Black Elvis – Livin' Astro

<– Alondra Nelson – Afrofuturism, Kurzvorstellung

Science Fiction, Gender und Black Atlantic

Zugleich ist der Afro-Futurismus nicht nur an der Verwendung von Science Fiction-Elementen im Zusammenhang mit Sozialkritik ausgelegt, sondern führt die im Punk und im Post Punk und auch der New Wave fortgeführte Debatte zur Dekonstruktion von Geschlechterrollen (Gender) weiter. Hier ist auch das Androgyne David Bowies, Grace Jones' und Janelle Monáes zu nennen. „Eshun ergänzte den Afro-Futurismus um das aquatische Element.“ (den Black Atlantic, Drexciya).[14] Die Bezüge im Cyberspace sind zumeist explizit, bei vielen Akteuren finden sich die Verweise auf Referenzobjekte des Afro-Futurismus in den Titeln und Texten wieder.

Bekannte Vertreter

Sun Ra, George Clinton (Parliament-Funkadelic), Lee Perry, Miles Davis, Labelle, Cybotron, Wu Tang Clan, Sensational, Spectre, Kool Keith, Barbara Panther, Janelle Monáe, Grace Jones, Alice Coltrane, King Pleasure, 4Hero, Soda_Jerk, A Guy Called Gerald, Afrika Bambaataa, Roni Size, Juan Atkins, Drexciya, Underground Resistance

Kritik

Thomas Burkhalter exploriert 2011 den Einfluss des Futurismus auf den Afro-Futurismus im Zusammenhang mit Weltmusik 2.0, dazu auch: „Avantgardismen entstehen dabei an verschiedenen Orten nicht zeitgleich, sondern sie sind immer relativ, an einen bestimmten Ort und eine Jetztzeit gebunden. Eine lineare Abfolge zum Beispiel von Futurismus, zu Musique Concrète und Freier Improvisation ist deshalb nicht möglich.“[15]

Trivia

Der erste Fernseh-Kuss zwischen „Schwarz und Weiß“ passierte bei Raumschiff Enterprise und wurde von Captain Kirk und Leutenant Uhura vollbracht. Martin Luther King soll Star Trek-Fan gewesen sein.

Siehe auch

Sun Ra – Space is the Place (O.S.T.), P-Funk, Virtuelles Idol, Schillinger-System, Jean-Claude Eloy, Underground Resistance – X-101, Elektro, Electro, Curtis Jones, Helios Creed, Chrome, Drexciya – Sea Snake, Dopplereffekt, Mark Stewart & The Maffia, George Clinton, Underground Resistance, Post-Hip-Hop, Post-Techno, Karlheinz Stockhausen, Algorithmische Komposition, Computermusik, Elektronische Tanzmusik.

Einzelnachweise

  1. Artikel Bruitismus [1] bei Ultimus
  2. Artikel Futurismus [2] bei der de.wiki
  3. vgl. Partiturauszug aus Sieg über die Sonne: "raise it by quarter tone" und "lower it by quarter tone"
  4. Artikel Sieg über die Sonne [3] bei der de.wiki
  5. Wolfgang Sterneck zitiert Marinetti (1909) [4] bei Sterneck.net
  6. Artikel Futurismus [5] bei der de.wiki
  7. Alondra Nelson – Afrofuturism [6] Kurzdarstellung bei Youtube, Video oben rechts
  8. Artikel Afrofuturism [7] bei der en.wiki
  9. Leseprobe Loving the Alien [8] beim ID Verlag
  10. Alondra Nelson – Afrofuturism [9] Kurzdarstellung bei Youtube, Video oben rechts
  11. Der futuristische „weiße“ Elektro dagegen schafft es kaum, gerade noch bei Sigue Sigue Sputnik und Helios Creed, in die Postmoderne.
  12. Vom Space zum Cyberspace zum Beispiel bei Kool Keith (1999), vgl. Artikel Black Elvis/Lost in Space [10] bei der en.wiki.
  13. vgl.: Didi Neidhart (1998) – Understanding The Alien. Afro-Futurismus zwischen Free Jazz, Techno, Drum'n'Bass. [11] Rezension von: Diedrich DiederichsenLoving the Alien. Science Fiction, Diaspora, Multikultur. bei Kunstfehler.at
  14. ebd.
  15. Thomas Burkhalter – Weltmusik 2.0: Zwischen Spass- und Protestkultur [12] bei norient.com, 27. Januar 2011

Weblinks

Bruitismus

  • Artikel Futurismus, Abschnitt Musik [13] bei der de.wiki
  • Marinetti, Filippo: Manifest des Futurismus (1909). In: Baumgarth, Christa – Geschichte des Futurismus, Reinbek bei Hamburg, 1966.
  • Russolo, Luigi: Die Geräuschkunst (1913). In: Baumgarth (s.o.)
  • Wolfgang Sterneck – Das Künstliche Geräusch. Futurismus und konkrete Musik [14] bei Sterneck.net
  • Luigi Russolo – Corale (1921) [15] bei Youtube

Afro-Futurismus

  • Startseite [16] bei Afrofuturism.net
  • Artikel Afrofuturism [17] bei der en.wiki
  • Christian Lorenzen – Wechselspiel: Tradition und Transformation als Basis für Sun Ras Zukunftsvisionen [18] Examensarbeit mit viel musikalischer Analyse bei Michael-Rappe.de, PDF
  • Nabeel Zuberi – The Transmolecularization of [Black] Folk: Space is the Place, Sun Ra and Afrofuturism [19] bei amherst.edu, PDF
  • Ausstellung Soda_Jerk [20] „Das Werk basiert auf dem Konzept des Afrofuturismus, einer Kulturtheorie, in der Science Fiction-Tropen als eine Form der Sozialpolitik aufgefasst werden.“, im Künstlerhaus Bethanien, 2011
  • Afro-Futurismus [21] bei Society of Control.com
  • Diedrich Diederichsen – Loving the Alien. Science Fiction, Diaspora, Multikultur. ID Verlag, 1998
  • ders.: – Yo. Hermeneutics, ID Verlag, 1995
  • Kodwo Eshun (1996) – Heller als die Sonne. Abenteuer in der Sonic Fiction. ID-Verlag, 1999
  • Criticism – Liste aller Publikationen zum Thema [22] bei Afrofuturism.net
  • Onyx AshantiBeatjazz (Controller, 2011) [23] bei Youtube, erste Vorstellung: [24] bei Youtube
  • Top 15 Greatest Black Superheroes (im Comic) [25] bei Youtube

Links im Juli 2017.