Elektronische Musik

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Elektronische Musik war zu Beginn der Begriffsgeschichte eine Kompositionsmethode, die 1949 von Werner Meyer-Eppler zum erstenmal erwähnt wurde[1] und bei der vorrangig oder ausschließlich Klangerzeuger eingesetzt werden sollten, deren Klänge elektronisch erzeugt wurden. Der Begriff wurde mit der Zeit mehr und mehr für jede Art des Umgehens mit elektronischen Instrumenten in der Musik, somit als Gattungsbegriff, interpretiert und ist als solcher heute allgemein anerkannt. Elektronische Verstärkung zählt nicht dazu, sondern in den Bereich der elektroakustischen Musik.[2] In der Zeit vor Meyer-Epplers erster Erwähnung wurde diese Musik, die sich im Kontext von Radio- und Fernsehübertragungen entwickelte, oft auch Elektrische Musik genannt.

Anmerkungen zur Geschichte

– > für Computermusik siehe Zeitleiste Geschichte Computermusik und Umgebung.

Elektronische Musik wurde zu Anfang von Edgar Varèse, später Iannis Xenakis oder Karlheinz Stockhausen und vielen anderen oft eher als Elektroakustische Musik entwickelt, was selbst ein umstrittener Kategorienbegriff ist.[3] Elektronische Musikinstrumente genießen in der Rezeption ernstzunehmender Musik bis heute bei weitem nicht die Reputation akustischer Instrumente. Die ersten Akzeptanzen sogenannter neuer Parameter in der Satzlehre (wenn auch noch nicht der offiziellen) sind nach Joseph Schillingers Bestrebungen, jedwede Musik unter das Diktum der Mathematik zu stellen, durch Werner Meyer-Epplers Einfluss Mitte der 1950er Jahre zu verzeichnen (vgl. auch Schillinger-System). Schillingers Kompositionssystem übt bis heute immer wieder deutlichen Einfluss auf musikalische Entwicklungen nicht nur der Hörvarianten Elektronischer Musik aus. Meyer-Eppler selbst verfolgte eine Art der authentischen Musik, bei der Komponisten zugleich auch Interpreten sein konnten.[4] Mit der Entwicklung der elektronischen Musik wurde dann tatsächlich zunehmend die übliche Trennung zwischen Interpreten und Komponisten aufgehoben, was in Folge auch und besonders der Populären Musik einen ungeahnten Schub gab und ein bis dahin ungekanntes Maß an musikalischen Freiheiten ermöglichte.

Die erste Elektronische Musik, die die Eingliederung vorhandener Instrumente, Ondes Martinot, Trautonium, Theremin usw., in ein Orchestrarium der normalen Instrumente betrieb, wurde in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg durch Paul Hindemith, Olivier Messiaen, Anis Fuleihan und Arthur Honegger aufgeführt, dann Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel. Am Anfang der Elektronischen Musik, wie sie heute verstanden wird, wurde im Kölner Studio für Elektronische Musik herausgefunden, dass Pulse ab einer bestimmten Frequenz in Klang umschlagen (vgl. auch Artikel Soundchip). Seitdem wird unterschieden zwischen additiver Klangsynthese (der Kombination von Sinustönen) und subtraktiver Klangsynthese, dem Filtern von Tönen aus einem Rauschspektrum heraus. Am Institut für Sonografie in Utrecht wurde, zeitgleich zur Entwicklung des Moog in den USA, Mitte der 1960er Jahre der „variable Funktionsgenerator“ vorgestellt, ein Gerät zur Verwendung flexibler Spannungen und Vorläufer des heutigen Sequencers. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde die enstehende Elektronische Musik besonders von konservativen und teils dubiosen Kreisen angefeindet.

Kompositionsmethoden in der modernen oder zeitgenössischen Elektronischen Musik erfordern oft geradezu das Bauen eigener Instrumente (oder Anwendungen auf Softwarebasis, zum Beispiel durch Grundlegungen stochastischer Prozesse) bis hin zur Erstellung von Programmroutinen in Sprachen wie ABC zum Beispiel. Dabei spielt mehr und mehr auch die Verwaltung und Verfügbarkeit von Klängen eine interessante Rolle.

Haupteinflüsse

Zum einen gibt es seit den 1950er Jahren die Konkrete Musik Pierre Schaeffers und ihrer Vertreter, die mit Field Recordern und Tonbandaufnahmen arbeiteten oder arbeiten, Schaeffer beabsichtigte eine Umkehrung der Kompositionsrichtung vom traditionellen Ablauf Idee-Partitur-Aufführung (Top Down) in Richtung eines Ablaufs vom Konkreten zum Abstrakten (Bottom Up). „In scharfem Gegensatz dazu positioniert sich in Köln eine seriell geprägte Denkschule der elektronischen Musik, die das spannungsgesteuerte Analogstudio und die Entwicklung algorithmischer Kompositionssysteme mit sich bringen“[5], Karlheinz Stockhausen und andere im Studio für Elektronische Musik:

„Nachdem Stockhausen 1953 dort zu arbeiten begonnen hatte, wurden alle elektronischen Instrumente wie Melochord und Trautonium entfernt und stattdessen Generatoren (für Sinustöne, weißes Rauschen und Impulse) sowie Filter von der Messtechnik des Rundfunks zur Verfügung gestellt. Daneben gab es noch mehrkanalige Bandmaschinen, auf denen die einzelnen Sinustonkomponenten in mühseliger Handarbeit aufgezeichnet und miteinander abgemischt wurden. Die komplexe Studiotechnik erforderte eine konzise Planung des Kompositionsprozesses, da die Klangerzeugung zu jener Zeit nicht in Echtzeit ablief, sondern erst als Endergebnis eines vielstufigen Prozesses ein hörbares Ergebnis lieferte.“[6]

Seit den 1960ern wurde in den USA die Minimal Music von Steve Reich und Terry Riley und anderen als Gegenentwurf zur seriellen Musik vorgestellt. Weitere Wege bei der Erschließung Elektronischer Musik eröffneten John Cage und Pierre Boulez im Bereich der Live-Elektronik, Morton Subotnick und KomponistInnen des San Francisco Tape Music Centers, sowie auch Éliane Radigue, Vladimir Ussachevski (Tonbandmusik und Klangsynthese) und Morton Feldman (Graphische Notation). David Tudor war einer der ersten Interpreten der experimentellen elektronischen Musik. Hauptsächlich auf stochastischen Kompositionsprinzipien wurde auch die Algorithmische Komposition von Iannis Xenakis entwickelt, Spektralismus und Texturalismus greifen ebenso auf Elektronische Analyseparameter zurück und beschäftigen sich mit der Gestaltung von Obertonreihen.

Abgrenzung zu Elektronische Tanzmusik und Elektronische Popmusik

Ebenfalls seit 1953 arbeitete Robert Moog in den USA an elektronischen Thereminen, bis er 1964 den ersten monophonen Synthesizer als Modulsystem vorstellte.[7] Nach der Entwicklung des ersten bezahlbaren Synthesizers (dem Minimoog), mehr dann noch der ersten Drummaschinen (vgl. zum Beispiel Roland TR-808), wurde bald eine Ausdifferenzierung in Richtung Elektronischer Tanzmusik vorgenommen, der Terminus Elektronische Musik steht seitdem hauptsächlich für die Hör- und nicht Tanzvariante von auf Grundlage von Oszillatoren, Samples und Klangsynthese gemachter Musik und dort auch nicht für die massentauglichere Elektronische Popmusik. Auch frühe elektronische Instrumente, zum Beispiel das Rhythmicon von Henry Cowell, Leon Theremin und Joseph Schillinger (1931), konnten Zeit- und Längeparameter der Musik rhythmisch umsetzen. Tonhöhe fiel dabei bis Anfang des Millenniums noch ins Gewicht, bis neuartige Pitchfunktionen auch dieses Hindernis überwinden konnten. Heutzutage ist auch ein Tempowechsel bei gleichbleibender Tonhöhe möglich (vgl. Granularsynthese).

1969 erschien mit Popcorn von Gershon Kingsley das erste Stück Popmusik auf dem Markt, das mit Mitteln der elektronischen Musik produziert wurde. Elektronische Popmusik baut auf der einen Seite auf der Verarbeitung und dem Umgang mit Samples und digitaler Tongestaltung auf sowie auf der Verwendung analogen elektronischen Equipments. Letzteres in Folge der Psychedelic 60s, die sich bei der Erschließung neuer und unbekannter (ethnischer) musikalischer Techniken besonders offen gezeigt hatten und des sich anschließenden Krautrocks Klaus Schulzes. Eine nennenswerte Entwicklung bedeutete die Markteinführung des Minimoog 1970. Kaum zu überschätzen war für die Entwicklung der Popmusikvariante der Elektronischen Musik die Einführung des MIDI-Standards 1982. Ab Mitte der 1980er Jahre kamen hauptsächlich bezahlbare polyphone Synthesizer auf den Markt. In den achtziger Jahren setzte sich besonders die digitale Soundsynthese des Yamaha DX-7 durch – des erfolgreichsten Synthesizers aller Zeiten, mit dessen erscheinen die Synthesizer-Ära, wie vielfach behauptet wurde, im Grunde vorbei war. Dennoch wird die Elektronische Musik nicht von der Computermusik abgelöst und beide bilden ihre je eigenen Horizonte und auch Kontexte aus. Tatsächlich verschmelzen die Devices der Elektronischen zum Teil mit denen der Computermusik.

Einer der Hauptvertreter elektronisch erzeugter Musik, der die Grenzen zwischen Elektronischer Musik und Elektronischer Popmusik vor allem durch seine Kontakte zu beiden Kreisen auch zum Verschwimmen brachte, ist Brian Eno, musikalisch auch mit dem von ihm so benannten Ambient. Viel komplexe Populäre Musik spielt sich im Bereich einer weitläufigen Interpretation von Ambient, Drone usw. ab.

Analog / Digital

Elektronische Musik wird entweder analog oder digital produziert oder als Mischung von beidem. Analoge Instrumente sind zum Beispiel monophone Synthesizer, als analog können auch Einspielungen gelten, die das Sampling übersteigen (Overdubs). Gesang ist in der elektronischen Musik erlaubt, wenn jedoch akustische oder akustisch verstärkte weitere Instrumente hinzukommen, spricht man von halbakustischer Musik. Produzenten digitaler Musik orientieren sich in der Elektronischen Popmusik stärker an Marktstandards (auch was die Instrumentenauswahl betrifft) als in der Elektronischen Musik, die auf die Entwicklung und Nutzung möglichst aktueller Produktionsweisen ausgerichtet ist. Auf die Jahre 1979 - 84 wird in der populären Variante der Elektronischen Musik als analoge Jahre referiert, das bedeutet, dass zu der Zeit hauptsächlich Stücke unter Verwendung analogen Equipments produziert und bekannt wurden.

Bei der digitalen Repräsentation eines analogen Klangbilds gibt es heutzutage keine nennenswerten Probleme mehr. Allerdings reagiert Software bei sogenannten Fehlbedienungen (Midifehler zum Beispiel) derart anders als Hardware (zum Beispiel bei wackelnden Filterpotentiometern), dass bei Vergleichen im Allgemeinen auf „Vorteile“ von Hardware in dieser Hinsicht referiert wird. Hardware ist oft auch bedienerfreundlicher, damit können die Resultate motivierter erscheinen. Die Entwicklung von Interfaces lässt die Grenzen zwischen analog und digital inzwischen verschwimmen. Eine grundlegende Differenz ist das grundlegend wärmere Soundbild analoger Maschinen, reine Software- oder gar Chipproduktionen bestechen oft durch ein brilliantes aber poröses Soundbild, das viele als „hart“ bezeichnen und dem es dann auch an Druck fehlen kann. Dementsprechend sind Vinylmasters oft darauf ausgelegt, den Gesamteindruck von Stücken etwas heller zu gestalten, CDmasters dementgegen darauf, ein möglichst warmes und druckvolles Soundbild zu ergeben.

Im Zuge der sogenannten Digitalen Revolution seit den 80ern gab es Bestrebungen der Abkopplung digitaler Musik von der bisherigen Referenzgeschichte der Musik, das hatte eine Beschleunigung der Ausdifferenzierung virtueller musikalischer Ergebnisse (Programme, Patches und Subpatches, Plug-ins, Programmiersprachen wie zum Beispiel Pure data, Filter, Effekte) und die Verschiebung der Designfrage von der wirklichen musikalischen Gestalt zum Design von Oszillatoren und ähnlichem (vgl. Artikel Soundchip) zur Folge. In der Konsequenz ist mit Nicolas Negroponte seit 1998 die Rede vom Postdigitalen Zeitalter, das soll keine Gegenbewegung sein, sondern es geht um die Frage: Wie wurde im Laufe der Digitalen Revolution mit den Ereignissen umgegangen und wie kann das kreative Potential, das dort frei gesetzt wurde, jetzt verarbeitet und angewendet werden (siehe auch Artikel Postdigital).

Trivia

Theodor W. Adorno zufolge klingt Elektronische Musik wie Webern auf der Wurlitzerorgel, jeder Ton werde durch die „dazwischengeschaltete Apparatur geprägt“.[8]

Siehe auch

Computermusik, Serielle Musik, Postserielle Musik, Postdigital, Algorithmische Komposition, Neuronale Netze, Soundchip, Pure data, Glitch (Stochastik), Musik im Internet, Futurismus, Spektralmusik, Texturalismus, Digital Vinyl System, KORG MS-Serie (analoge Synthesizer), Roland TR-808 (Drummaschinen), Populäre Musik, Komposition, Musikalisches Werk, Schillinger-System, Datamosh, Databending, Circuit bending, Equipment.

Kürzel Elektro-, Electro-, Electronica

Elektronische Tanzmusik, Live-Elektronik, Elektro, Electro, Electronica, Electronics, Electropunk / Elektropunk, Elektro-Trash, Electro Funk, Electroclash, Dark Electro, Electro House, Electro Wave, Electro-Industrial, Electronic Body Music, Hardcore Electro, Minimal Electro

Literatur

  • Werner Meyer-Eppler – Elektrische Klangerzeugung: Synthetische Sprache und elektronische Musik (1949)

Einzelnachweise

  1. Elena Ungeheuer – Wie die elektronische Musik erfunden wurde (1992) [1] bei amazon
  2. So oft ein Gitarrensignal auch verfremdet wird, am Anfang ist die Saite. Die Meinungen darüber, ob eine E-Gitarre ein elektronisches Musikinstrument ist, gehen dabei auseinander. Im Grunde wird die reine oder funktionelle Verstärkung im Rahmen der Elektronischen Musik nicht oder nicht jenseits eines möglicherweise stattfindenden Störsignals (Distortion oder Feedback) erwähnt.
  3. Selbstverständlich ist Elektronische Musik auch akustische, der Begriff ist somit irreführend, zumal fast jede Musik heutzutage elektronisch produziert wird. Ein Problem ist, dass neben den Begriffen Elektronische und Elektroakustische Musik ein Begriff für das Restmusikaufkommen, die traditionelle Musik fehlt, wo akustische Musik offensichtlich tautologisch ist.
  4. Gottfried Michael KoenigAlgorithmische Komposition [2] Vorlesungsreihe, TU Berlin, WS 2002/2003, 08.11.02
  5. Karlheinz EsslWandlungen der elektroakustischen Musik (2007) [3] im Abstract bei Karlheinz Essl
  6. ebd., Karlheinz Essl – Wandlungen der elektroakustischen Musik
  7. Moog History [4] bei Moog archives
  8. Ein Hinweis auf die Bedeutung des Equipments bzw. der verwendeten Instrumente bei: Theodor W. Adorno – Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt (1958) [5] bei Google.books, S. 153

Weblinks

  • Chronik der Elektronischen Musik [6] mit Videos verlinkte Bildtafeln bei Soundhaus (Collins / D'Escrivan, 2007)
  • Daniel CioccoloniTimeline Stilrichtungen und KomponistInnen neuer und zeitgenössischer Musik [7] bei Youtube
  • Gottfried Michael Koenig – Seriell – elektronisch – digital. Über kompositorische Strategien. (2000) [8] Elektronische Musik / Authentische Musik (bei Meyer-Eppler), Erfahrungsbericht aus dem Studio für Elektronische Musik in Köln, 1954 und weiteres, Vortrag mit Publikumsdiskussion, Leseprobe bei Google.books, S.87ff
  • ryoko700 – High Voltage Audio [9] bei Youtube
  • Karlheinz Stockhausen – Studie II (1954) [10] die erste Partitur für elektronische Musik, bei Youtube
  • Marcus SchmicklerÜber Elektronische Musik / On Electronic Music (2007) [11] Infotext bei Vimeo, Uploader: Institut Fuer Musik Und Medien
  • Artikel Studio für Elektronische Musik [12] bei der de.wiki
  • Sinustongenerator [13] bei Onlinetonegenerator, bitte daran denken, die Lautstärke vom Kopfhörer oder der Anlage vorher anzupassen.
  • Einblick in das Studio für Elektronische Musik 1974 in Stockholm [14] bei Youtube
  • Sonja Diesterhöft – Meyer-Eppler und der Vocoder (2004) [15] bei der TU Berlin
  • Leo Merz – Digital Vintage (2007) [16] PDF bei roglok.net
  • Tobias RappMusikwissenschaftler über elektronische Musik. „Es sieht aus wie Legosteine.“ Was macht eigentlich ein Laptopmusiker? Ein Gespräch mit dem amerikanischen Musikwissenschaftler Mark Butler über den modularen Charakter elektronischer Musik (2008) [17] bei der TAZ
  • Tom Dissevelt & Kid Baltan – Acid house from 1958 ... (Dick Raaijmakers) syncopation (1958) [18] bei Youtube

Links im Juli 2017.