Dopplereffekt

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Dopplereffekt ist ein Detroiter Musikprojekt von Gerald Donald und James Stinson (verst. 2002), später kam Michaela To Nhan Le Thi hinzu. Gerald Donald trat unter den Pseudonymen Rudolf Klorzeiger und Heinrich Mueller auf.

Inhaltsverzeichnis

Zwei Zitate vorweg

Social constructs + scientific methods create the dynamic of this music. (Gerald Donald)
Biological socialism leads towards victory. (Dopplereffekt)

Geschichte

Die erste 12" erschien 1995 auf International Deejay Gigolo, danach folgten sporadisch weitere bis 2007. Den besten Überblick über die Musik bietet die Doppel-LP Gesamtkunstwerk von 1999, ein bisher unübertroffenes Spektakel von kältester synthetischer Sterilität, was bei Discogs hinsichtlich der Musik als Überpräsenz von Kraftwerk bezeichnet wird.[1] Zusammen mit Underground Resistance waren Dopplereffekt in ihrer ersten Schaffensperiode während des Electrorevivals Mitte der 90er Jahre außerordentlich einflussreich. Nach der Veröffentlichung von Gesamtkunstwerk ist ein Bruch zu verzeichnen, der sich durch eine weitgehend erneuerte Rhythmik und Dramaturgie bemerkbar machte, während das Hörbild, also in erster Linie das Equipment, dann auch die Zusammenstellung und Ausführung von Stimmen und Motiven annähernd gleichblieb. Der en.wiki Artikel zu Dopplereffekt bringt das auf den Punkt:

"This second period of the band, very contrary to the mid-1990s releases, has been characterised by what sounds like mostly digital sound synthesis and processing, the implication of a connection of the band's music composition to contemporary physics research via track titles and sleeve artworks, and oftentimes the absence of danceable drum rhythms and / or tonality, hence resembling Contemporary classical music styles, especially Musique concrète and early pioneers of electronic music with analogue modular music systems / synthesizers. However, the compositions are still mostly based on short sequenced riffs/ loops, and the instrumentation is often still based on the traditional scheme "drums + bass + main riff + background synth pads". These traits (free form in some aspects, pop music tradition in others) are contradictory from a mainstream point of view, but are acceptable in the context of the Ambient genre or film music."

Artikel Dopplereffekt – en.wiki[2]

Zu diesem Zeitpunkt äußerte sich Gerald Donald in einem Interview mit der Zeitschrift The Wire bereits wie folgt: "A rhythm section is only a component in music not the essence."[3] Live treten Gerald Donald und Michaela To Nhan Le Thi gewöhnlich mit je einem Keyboard, einem Playback der Backgroundspuren und einfachen Instrumentalergänzungen auf.[4] Seit 2007 ist kein Tonträger mehr erschienen. Allerdings tourt das Duo weiterhin weltweit. Ein Set im Jahr 2009, das erste Liveset in Los Angeles, leerte in kurzer Zeit die Halle, das Publikum war anscheinend vom Auftritt der beiden nicht begeistert.[5]

Musik

Wie für Electro allgemein üblich, kommen die Drums von der Roland TR-808, sporadisch auch von der 606, die HiHats sind weitgehend gelassen und in ein höhenintensives Klangbild eingepasst, die Bassdrum ist hochgestimmt und kurz gehalten. Die Backbeats werden zumeist von der 808-Snare oder den Claps markiert. Bei einer Maschine wie der 808 unterstreicht dieses Vorgehen den maschinellen (quantisierbaren) Anteil und Charakter der Musik (die Unregelmäßigkeiten der Drumsounds sind auf diese Weise weitgehend wegsubtrahiert). "Synthetic handclaps race with thump-basskick and frantic hi-hat while the pair adds rich swooshes and plucky counter melodies."[6]

Die Themen werden meist aus Chiptunes oder in Form von solchen generiert. Zugleich werden allerlei Effektsounds aus Computerspielen und Soundtracks[7] als Motiverweiterungen oder zum Füllen von Leeren eingebracht. Damit wird eine zusätzliche Ebene unbeteiligt betrachtender Distanz aus einer fragmentierten virtuellen Realität solcher im Nachhinein möglicherweise ästhetikverfremdenden Erlebniszusammenhänge, man möchte sagen hinzugeschaltet (eine Art Ethikkiller zum Zwecke eines Eindrucks von der „reinen Anschauung“). Neben den prägnanten Rhythmen sind die meisten Motive mit einfachen Begleitungen auf der jeweiligen tonalen Basis unterlegt. Im Vordergrund stehen die typischen Neo-Chiptunes, dabei werden zuweilen sehr unwahrscheinliche, kontraintuitive Motive mit einfachen und intuitiven in Kontrast gesetzt. Die Sounds sind bereits auf eine je sehr eigene Art und Weise plausibel durchdesignt, durchaus spektakulär und doch einleuchtend in ihrer Einfachheit. Insbesondere die Attacks und Releases der Sounds können in vielen Stücken frakturiert erscheinen, weil die Textur, was das Mikrotiming der Motive wie auch die Frequenzverteilungen der Sounds betrifft, ziemlich lückenlos reflektiert ist – die Instrumente schließen also bei fast allen Stücken aneinander an (Tonhöhe / Tonlänge). Die Stimmen sind ungerührt formal gesprochen (das erinnert an die Flying Lizards) und oft zusätzlich mit einem Vocoder oder Autotune verfremdet. Stilistisch bewegt sich die Musik von Dopplereffekt zwischen Detroit Techno und (Detroit-)Electro. Einflüsse kommen aus dem Industrial, New Wave, Elektropop und den Chiptunes / der 8bit-Ästhetik.

Mit Gesamtkunstwerk ist ein in der Tat faszinierendes formalistisches Werk entstanden, bei dem der auf die Spitze getriebene Formalismus den Reiz beim Hören ausmacht – Menschlichkeit oder Empfindsamkeit ist weitgehend und systematisch gelöscht, mehr noch: Das ehemals Menschliche oder auch sogenannte Menschliche ist wie ein „lebendes System“ in die Musik eingearbeitet. Das Hören solcher Musik bräuchte dementsprechend neue Voraussetzungen. Wo eine menschliche Perspektive noch konstatieren könnte, dass traumatische Versenkungszustände (Seziertischängste) planlos mit Momenten unfreiwilliger absoluter Vernunft wechseln, könnte für das lebende System vielleicht schon nach einem neuen hygienischen Design für die Ohren (möglicherweise einer Requantisierung der Hörwahrnehmung) gefragt werden, sonst zerrt Dopplereffekts Musik oft einfach nur quälend an den Nerven. Neben digitalen Keyboards und Chipsounds verwenden Dopplereffekt insbesondere monophone Synthesizer (wahrscheinlich den KORG MS-20 und vielleicht auch den MS-10). Die bizarre wie erstarrte Schönheit der Musik könnte Einflüssen aus dem High Energy (Pet Shop Boys) zu verdanken sein – die Motive sind vielfach nicht als geschlossene Formen, sondern mit ihren mikrodramatischen Verlaufsformen selbst als dramatisierende Teilaspekte der Textur / des Arrangements von Parts oder ganzen Stücken konstruiert (bieten also eher fragmentierte Erfahrungshorizonte anstatt nur eine einzige intendierte Stimmung abzubilden). Ein Ergebnis ist, dass man sich durch die Motivdichte zusätzlich getrieben fühlt. Nach eigenen Aussagen halten sich bei den Aufnahmen spontane und planvolle Maßgaben die Waage, wobei eine Tendenz zur Komposition als Vorentwurf besteht.[8] Das besondere an der Musik ist auch, dass die Stücke trotz ihrer hochreflektierten Texturen nicht auf Dancehallmaximum gemischt sind, sondern dem Trash im Techno Tür und Tor geöffnet haben.

<– Pornoactress

Actdesign

Das Actdesign reiht sich ein in die inzwischen durch Laibach und andere bekanntgewordenen unkommentierten Repräsentationen einer Faszination durch Faschistisches, Bürokratisches und einer Art unlebbarer Systemik – einer angesichts der Menschheitsgeschichte nicht völlig unverständlichen Sehnsucht nach der Verabschiedung des Körperlich-Menschlichen zugunsten einer posthumanen Kollektivordnung. Diese wird auf unterschiedliche Weise mit fragwürdigen Ambitionen in Zusammenhang gebracht, bei Laibach zum Beispiel mit dem kollektivfaschistischen Pathos von Vollkommenheit und Leadership, bei Dopplereffekt wird Wissenschaft als Abenteuer und Experiment mit allen zugehörigen unästhetischen Beigaben ("We had to sterilize ... the population", Sterilization) in historisch-faschistische Zusammenhänge gebracht, was durch die Wahl der Pseudonyme Rudolf Klorzeiger und Heinrich Mueller untermauert wird. Dem deutlich zynischen und wohl auch ansatzweise zynismuskritischen Hörbild fehlen zuweilen Bezugspunkte in Form von Kommentaren zur möglicherweise kritisierten Wirklichkeit, weil Gerald Donald und James Stinson, später dann auch Michaela To Nhan Le Thi ihre Identitäten zunächst weitgehend geheimhalten wollten und es kaum Interviews oder verwertbare Actgeschichte gibt.

Pseudonyme und Kollaborationen von Gerald Donald

  • Unter dem Pseudonym Heinrich Mueller hat Gerald Donald Remixes gemacht und ist in diversen Internet-Projekten aktiv, zum Beispiel Zerkalo, Zwischenwelt und Black Replica.

Stilrichtungen

Electro, Afro-Futurismus

Diskografie

  • Gesamtkunstwerk 2x12" + 7"/ CD - International Deejay Gigolo Records (1999; versammelt alle vorherigen Veröffentlichungen seit 1995 und einen neuen Track)
  • Scientist Mixes 10"/ 12" - International Deejay Gigolo Records
  • Myon-Neutrino/ Z-Boson (12") – International Deejay Gigolo Records
  • Linear Accelerator 2x12"/ CD - International Deejay Gigolo Records (2003)
  • Calabi-Yau Space 2x12"/ 5" CD - Rephlex (2007)
  • weitere Veröffentlichungen mit Drexciya, anderen Acts und Solo.

Trivia

  • Der Roman "Hellblau" von Thomas Meinecke beschäftigt sich unter anderem auch intensiv mit einer Reflexion über die Musik von Dopplereffekt.[9]

Einzelnachweise

  • Die Eingangszitate referieren auf 1) die Linernotes der Doppel-LP Gesamtkunstwerk und 2) das The Wire Interview 2009
  1. Profil [1] bei Discogs
  2. Dopplereffekt [2] en.wiki
  3. The Wire – Dopplereffekt Interview, zur Zeit nicht verfügbar.
  4. ebd.
  5. Infos [3] Drexciya Research Lab
  6. Liveset 2009, Los Angeles [4] L.A. Weekly
  7. Das eingebettete Video verwendet als Quellmaterial zum Beispiel die Anfangssequenz des Soundtracks zum Film Killdozer von 1974 [5] bei Youtube
  8. Nachbearbeitetes Interview mit Heinrich Mueller (Gerald Donald) [6] bei Youtube
  9. Thomas Meinecke – Hellblau (Frankfurt a. M., 2001) 21.40 €

Weblinks

  • Homepage [7] Drexciya Research Lab
  • Gerald Donald Tubejerk77 Kanal [8] bei Youtube
  • Nachbearbeitetes Interview mit Heinrich Mueller (Gerald Donald) [9] bei Youtube
  • Original Interview Heinrich Mueller [10] Red Bull Academy
  • Profil [11] bei Last.fm
  • Review und Tracklist Gesamtkunstwerk [12] bei Global Darkness
  • Profil [13] bei Discogs

Links zuletzt überprüft am 25. Dezember 2013.

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