Big Beat

Aus indiepedia.de
Wechseln zu: Navigation, Suche
Abgrenzung
Ursprünge: Funk, Hip Hop, Acid Trance, House, Breakbeat (Drum'n'Bass)
Herkunft: Großbritannien (UK)
Zeitraum: von 1990 bis dato
Anders als: Triphop, Electronica


Geschichte

Inspiration/Gedanke

Die Londoner Partykultur war Anfang der 90er laut vieler Meinungen auf einem Tiefpunkt in punkto Vertretbarkeit. Discos erlebten zwar eine neue Renaissance, vor allem durch die "Erfindung" des Techno, welcher den längst in die Jahre gekommenen "Disco Sound" ablöste und Raum für eine neue Generation der Partygeher machte. Neue Drogen und damit eine neue Mentalität hielt Einzug und diese war geprägt von Image. Die Mode und das Partyverhalten wurde zwar genau gesehen individueller, letztens war aber der Gedanke "aufzufallen" federführend. Viele distanzierten sich von dieser Welle und wollten sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, "Parties nach Plan" zu feiern. Deswegen wurden alte Lagerhallen ausfindig gemacht, spontan eine Soundanlage organisiert und illegal eine Party veranstaltet, welche im Prinzip keinen Regeln unterlag. Zu dieser neuen "Kultur" der Party fehlte allerdings auch noch die angemessene Musik. Die im New York der späten 70er wachsende Breakdance-, Battle-Rap- und Freestyleszene kann gefühlsmäßig mit der Entwicklung der Warehouse Parties im London der 90er in Kontext gebracht werden. Immerhin leistete sie (und leistet noch immer) größe Einflüsse auf diese Musik. Der Gedanke des freien Denkens und sich frei ausdrücken zu dürfen war wahrscheinlich federführend für eine Idee, die auch immer wieder propagiert wurde (siehe Video The Prodigy – No Good, Start The Dance). Der Gedanke von "illegalen Parties" (Parties, welche nicht staatlich angemeldet sind und daher keinen Gesetzen unterliegen) hat sich bis heute konsequent fortgesetzt und erlebt auch in anderen Musikrichtungen eine stetige Weiterentwicklung (Psy Trance, Drum'n'Bass, Hip Hop).

Jeder Musikstil hat im Prinzip auch seine Wahrnehmungsverstärker, in Form von Drogen, Dekoration, Styling oder Sprachkultur. Im Big Beat Bereich ist das ebenso zu spüren, jedoch vermischen sich hier Klischees der sonst bekannten Technokultur und sehr viele Aspekte anderer Popkulturen. Beispielsweise in der "Fabric" in London findet sich ein Großteil der Szene zusammen, um das Genre zu repäsentieren und weiterzuentwickeln. Das Styling variiert von Freestyle-Boarder-Typen über Aussteiger bis Yuppie. Daher ist ein breites Sortiment an Begleiterscheinungen zu beobachten, vor allem im Drogenbereich. Wie in London üblich ist die meistverbreitetste Drogen nach wie vor MDMA (Ecstasy), welche im letzten Jahrzehnt in England generell eine explosionsartige Konsumfrequenz verzeichnet. Dennoch ist im Big Beat Genre eine ebenso große Einnahme von Cannabis wie auch gar keine Einnahme von Drogen zu beobachten. Ebenso möchte sich die Szene von der leichtfertigen Annahme distanzieren, eine Musikkultur zu sein, die lediglich auf dem Ge-/Missbrauch von Rauschmitteln beruht. Dies äussert sich vor allem in der Komplexität der Klang- und Groovemuster, die selbst unter leichteren Fans bereits in fachorientierte Diskussionen ausarten, welchen auch ein sehr spezifisches Vokabular zugrunde liegt. Big Beat Veranstaltungen zeichnen sich meist durch eine eher in "concrete-culture" gehaltene Atmosphäre (alte Lagerhäuser, gepflegte Designclubs oder Sääle vergangener Zeit- und Kulturepochen) aus, welche meist durch komplexe Visuals und aufwendige Lichteffekte unterstützt wird.

Auch ein Großteil der Videoclips sprechen eine klare meist politische oder gesellschafts- bzw. evolutionskritische Sprache, jedoch häufig sehr satirisch verpackt (Adam Freeland, The Prodigy, Fatboy Slim, The Chemical Brothers, The Crystal Method, Leftfield, etc.). Beliebte Themen sind Kommerzialisierung, Redundanz von Geschichte oder der Gesellschaftsidentität und vor allem urbane Subkulturen. Die Poente der meisten Aussagen sind häufig freies Denken, Rede- bzw. Pressefreiheit und Schärfung der sozialen bzw. kulturellen Sensorik des Menschen im Zeitalter der dynamischen Massenkommunikation. Besonders beliebt für den Transport jener Information in den Videos ist ein "Antiheld", welcher mit (vor allem für uns Zuseher) bekannten Problemstellungen konfrontiert wird (Übersättigung, Unterdrückung, Zensur, Exzess, Fanatismus, Leidenschaft, etc.).

Verlauf

Wirklich groß wurde Big Beat 1991 durch den Song "Charly" von The Prodigy, obwohl Meat Beat Manifesto und The Orb beispielsweise schon Jahre vorher mit ähnlichen Klängen und Arrangements präsent waren. Bis 1997 erlebte Big Beat einen stetigen Anstieg. Artists wie Fatboy Slim, The Chemical Brothers, Fluke, The Prodigy, Propellerheads, Apollo 440, Lunatic Calm, Leftfield etc. entwickelten das Genre stetig weiter und arbeiteten teilweise auch eng zusammen. Bis zu diesem Zeitpunkt kam Big Beat kaum über die englischen Grenzen hinaus. Der weltweite Durchbruch kann wohl 1996 eingordnet werden, als The Prodigys "Firestarter" internationale Top-Charts-Platzierungen erzielte – das 1997 folgende Album "The Fat Of The Land" ordnete sich ebenfalls in den oberen Rängen der Verkaufslisten ein und machte The Prodigy zu diesem Zeitpunkt zu der umsatzreichsten Band der Welt.

Die Jahrtausendwende bescherte Big Beat einen Umschwung. Zum einen kamen immer mehr Artists auch aus anderen Nationen als Großbritannien, wie beispielsweise aus den USA (The Crystal Method, BT, Jay Gordon, Moby,...) oder Australien (A.Skillz & Krafty Kuts, JDS, ...), zum andern etablierte sich Big Beat immer mehr als Trendmusik für Feature Filme (The Matrix, Romeo Must Die, The 51st State, Fight Club, Zoolander, The Fast And The Furious, etc.), später auch für TVProduktionen (CSI, Third Watch, Witchblade, Fastlane, etc.) und Werbespots. Trotz steigender Präsenz in den Medien verlor Big Beat deutlich an Bewusstsein der Konsumenten. Auch stilistisch änderte sich viel. Anfang des neuen Jahrtausends waren sich die Künstler nicht mehr ganz über den Namen ihrer Musik einig, manche nannten es nun Tec Funk, manch andere Nu Skool Breaks, einige ordnen es sogar unter Trip Hop ein. Dennoch betraten die Weiterentwicklungen ein neues Level der Produktions- und Groovekunst. Adam Freeland, Elite Force, Dylan Rhymes, Meat Katie, Cirrus, Evil Nine, Rennie Pilgrem, Plump DJ's, Bentley Rhythm Ace, Overseer, Atomic Hooligan und viele andere ließen die verschiedensten Einflüsse in das Genre kommen und machen es damit teilweise schwer, es noch von Drum'n'Bass, Ragga Jungle, Electronica und Minimal Techno abzugrenzen.

Austausch

Da Big Beat nach wie vor einen gewissen Underdog Status genießt, entstehen eine Menge Kollaborationen auch außerhalb des Genres, die meist stilübergreifende Resultate mit sich bringen. Die Szene versucht vor allem Rassen, Kulturen und verschiedene Denkansätze zusammenzuführen, dies geschieht beispielsweise anhand folgender Fusionen.

Hip Hop

Vor allem Hip Hop MC's nutzen die meist komplexen Grooves für interessante Impulse und die Ergebnisse sind verblüffend homogen. Einige berühmte MC's (Method Man, Ice Cube, Mos Def, Roots Manuva, Aesop Rock, Rahzel, Guru, Navigator, T Fly, Tenor Fly, Q-Tip, Kool Keith, Shifty, De La Soul, Afrika Bambaataa, etc.) haben bereits solche Kollaborationen hinter sich. Das Klangbild unterscheidet sich eindeutig von "herkömmlichen" Hip Hop Produktionen und gibt den Werken eine gewissen "edle Note".

Rock/Metal

In diesem Bereich stellt Big Beat eine wichtige Brücke dar. Nachdem Rock eines der experimentierfreudigsten Genres ist (Rock – Metal [und alle dazugehörigen Sub-Genres], Rap Core, Ska, Industrial Rock, etc) und die 90er durch Pro Tools und andere digitale Produktionsplattformen auch hier Einzug gefunden haben, sind die Fusionen hier immer öfter zu beobachten. Die Schnittstelle selbst bildet meist der Rhythmus, welcher durch elektronische Klänge ersetzt wird. Gutes Beispiele hierfür sind Methods Of Mayhem, Filter, Bush, Linkin Park, Quarashi oder auch Bloodhound Gang, welche oft gefilterte Big Beat Grooves entweder als Support Beat oder überhaupt als Unterlage haben.

Pop

Produzenten wie BT oder The Dust Brothers produzieren auch außerhalb ihres Genres teilweise namhafte Künstler und Interpreten und vermischen so bekannte Klänge mit dem zur Zeit beliebten dreckigen elektronischen Sound und Rhythmen. Kommerzielle Big Beat Hits sind zB

Stildefinition

Die ersten eindeutigen Einflüsse waren sicherlich Drum'n'Bass (welches ja auch wieder Breakbeat als Wurzel hat), Jungle und Acid. Da noch nicht klar war, in welche Richtung die ersten Experimente gehen sollten, wurde das Wort "Big Beat" erstmals Mitte der 90er von Norman Cook aka Fatboy Slim verwendet. Wahrscheinlich referierte er damit auf seinen eigenen Club "Big Beat Boutique". Zu diesem Zeitpunkt hatte die Musik bereits ein eindeutiges Gesicht, welches sich durch folgende Merkmale bis heute zu erkennen gibt:

Beat/Rhythmus

Die Fusion aus Hip Hop, Drum'n'Bass und Funk erklären den Grundrhythmus von Big Beat am besten. Die starke Betonung auf den ersten Takt ist ebenfalls charakterisierend. Meistens werden die Rhythmen auch durch im Raum verteilte Soundeffekte unterstützt. Rein von den "Drumkits" ist hier nahezu alles erlaubt, nicht der Klang der Drumsounds definiert das Genre sondern eher ihre Platzierung. Verzerrer und Raumeffekte liegen generell sehr oft auf den Drumloops um einen fettenden dreckigen "Effekt" zu erzielen. Das Tempo orientiert sich dabei zwischen 90 und 140bpm, damit hat Big Beat fast das größte geschwindigkeitsorientierte Spielraumintervall hinter Jazz und Metal.

Aufbau/Kern

Nicht nur der Rhythmus allein definiert das Genre. Ebenso distinktiv sind auch die Synthesizer Klänge, welche meist verschiedensten Ursprungs sind. Während Acts wie The Prodigy, The Rogue Element und The Crystal Method eher auf analoge Synths bauen (Moog, Alesis Andromeda A6 oder gar analoge Modularsynthesizer), setzt sich das Prinzip der Neuronalsynthese vor allem im Big Beat Bereich zur Zeit am meisten durch. Ziel der Synths ist es meist, einen Hybrid aus einerseits bekannten Klängen (Gitarre, Drums, Streicher, Klavier, Cembalo, E-Bass, etc.) und andererseits synthetischen Sounds zu erzeugen und diese als rhythmische Elemente einzusetzen. Meist werden diese aktiv durch verschiedene Synth-Parameter laufend verändert.

Voice Lines/Samples

Nicht nur der Synthesizer wird als Klangerzeuger im Big Beat Bereich verwendet, sondern auch Sampler haben schon von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt. Vor allem Voice Samples werden gerne als Unterstützung des Grooves zum Einsatz gebracht, jedoch oft in großer Abänderung (Pitching, Distortion, Bandpass Filter, Delays, Raumeffekte). Neuere Werke setzen weniger auf externe Samples, die irgendwo isoliert wurden, in immer mehr Produktionen reicht das Budget, um Gastmusiker (teilweise auch hohen Ranges) einzuladen und eine auf den Track abgestimmte Voice Line zu bekommen.

Mix/Mastering

Der Name Big Beat ist definitiv auch auf die Abmischung zurückzuführen. Die Bass Lines und Drum Loops leben meist von einer sehr sub-bass-lastigen Abmischung und fetten das gesamte Klangbild auf. Auch Räume sind wichtig, sie erlauben den am Rhythmus beteiligten Elementen sich über verschiedene Verteilungen im Raum aufeinander abzustimmen. Das ist vor allem der Teil, welcher das Genre an sich sehr anspruchsvoll macht. Das Abmischen und Verteilen jener Elemente bedarf eines fundierten Wissens über Musikproduktion. Erkenntlich macht sich das dadurch, dass Werke, welche bereits Mitte der 90er produziert wurden heute nach wie vor genießbar klingen, obwohl die Halbwertszeit einer Produktion im Bereich der elektronischen Musik sehr kurz ist.

Wichtige Akteure, Alben und Songs

Wichtige Bands, Acts, Artists: The Prodigy, Fatboy Slim, The Chemical Brothers, The Crystal Method, Lunatic Calm, Meat Beat Manifesto, Meat Katie, Koma & Bones, Adam Freeland, Apollo 440, Elite Force, Overseer, Fluke, Dylan Rhymes, Cirrus, Evil Nine, Leftfield, Groove Armada, Hybrid, Rennie Pilgrem, Chris Carter, Propellerheads, Freestylers, DJ Shadow, Headrillaz, ...

Wichtige Alben:

Wichtige Songs

Vorläufer

Wichtige Labels