Authentizität

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Graffito am East End, Berlin Hellersdorf, 14. September, 2013

In Populärer Musik wird Authentizität (aus dem Griechischen und Lateinischen für „echt, verbürgt, zuverlässig“ im Sinne von „originär“) vielfach mit Streetcredibility übersetzt. Die Bürgschaft für das Eigene wird hauptsächlich von der Fangemeinde (Peer-Group) übernommen, die darunter oft eine Kongruenz zu den eigenen Lebensverhältnissen versteht. Diese Kongruenz soll dechiffrierbar sein, was die Musik betrifft. Wenn man sich vom Musikalischen ins Populärmusikalische begibt, dann ist das bereits eine ökonomische Entscheidung, eine Ökonomie der Aufmerksamkeit, die die Bestätigung in reinen Verkaufszahlen nahelegen würde, wäre da nicht auch das Moment des Widerstands gegen die Kulturindustrie, das bei der publikumswirksamen Bürgschaft oft zum Zuge kommt.

Auch Streetcredibility hat also erst in zweiter Linie mit Verkaufszahlen zu tun. Wo die Verwertungsmaschinerie bewusst wird, wird populärer Musik Glaubwürdigkeit verliehen. Das kann auch bei anderen Anlässen der Fall sein, zum Beispiel beim gemeinsamen Engagement vieler Musiker gegen den Irakkrieg 2003. Musik muss sich aber nicht in Wirtschaft oder Politik einmischen, um glaubwürdig zu sein: Das Image des an politischen und gesellschaftlichen Fragen Uninteressierten kann zu dessen authentischer Gestalt beitragen.

Authentizität in der Populären Musik ist ein sensibler Maßstab, sie reagiert geradezu allergisch auf Versuche der künstlichen Anpassung – sie ist ein Wahrheits- und Ehrlichkeitsmaßstab zur Vermittlung von Aufrichtigkeit, der die Ebenen der musikalischen Gestaltung wie auch die Rahmenbedingungen sehr genau erfasst. Was verbürgt wird, ist nicht nur die Angemessenheit des musikalischen Ausdrucks, auch die Lebensbedingungen der Musiker kommen hinzu. Superstars stehen oft vor dem Problem, Authentizität nur aus gesamtgesellschaftlichen Topoi generieren zu können, die für Stile (im Sinne von Subkulturen) typischen entgehen ihnen.

Streetcredibility ist ein junges Instrument. Beim frühen Blues zum Beispiel ist eher von Authentizität im Sinne von Ursprünglichkeit die Rede, beim Hip-Hop eher von Streetcredibility. So ist Authentizität in der populären Musik ein individueller (subjektiver) Maßstab, Streetcredibility ein kollektiver (intersubjektiver). Die wirksamsten Elemente für die Re/konstruktion von Streetcredibility in Populärer Musik sind oft Liveelemente, wie sie zum Beispiel im Song Denkmal (2004) der Band Wir sind Helden eingelassen sind. In einem der offiziellen Videoreleases des Songs wird der Refrain an einer Stelle vom Publikum mitgesungen („Sie haben uns ein Denkmal gebaut“). Hinzu kommt eine Videopräsentation, die sich stark an der Dokumentation von Bühnen- und Tourerlebnis orientiert.[1]

In der inoffiziellen Satzlehre der Populären Musik ist eine sehr oft verwendete und oft auf Authentizität des Vortrags hin verwendete Spieltechnik das Laid Back bis hin zu rhythmischen Differenzen, zum Beispiel bei der ersten Buzzcocks Time's Up: [4] bei Youtube oder bei Tav Falcos Version von Brazil von 1981: [5] bei Youtube.

Weitere Bedeutungen

Weitere Bedeutungen von Authentizität im Zusammenhang mit Musik ergeben sich aus der historischen Distanz zum gespielten Material, zum Beispiel zu Musik der 1960er und 1970er Jahre oder authentischer mittelalterlicher Musik auf Mittelalterfestivals sowie in der Neuen Musik durch Werner Meyer-Epplers Begriffsprägung authentische Komposition, durch die die Rolle des Musikers als Komponist und Interpret zusammenfallen sollte, was auch als „Wegfall der Interpretation in der Elektronischen Musik verstanden wird.[2] Eine wertneutrale Darstellung des Verlusts von Aura und Authentizität findet sich zuerst in Walter Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935-39).[3][4]

Einzelnachweise

  1. Artikel mit Ergänzungen aus Budde, Dirk: High ideals and crazy dreams. Zur Darstellung von Topoi in Subkulturen und Randbereichen der Populären Musik, PMB-Verlag, Berlin 2004, 210 Seiten
  2. Markus Bandur – Terminologie der musikalischen Komposition [1] Leseprobe bei Google.books, im Laufe der 1990er-Jahre wurde der Interpret umgehend wieder eingeführt.
  3. Artikel Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit [2] bei der de.wiki
  4. Wolfgang Ernst – Der Originalbegriff im Zeitalter virtueller Welten. Aura und Authentizität. (2000) [3] bei Yumpu.com

Weblinks

Links im Juli 2017.