Als Gunter Gabriel sich mit Eisleben anlegte und Adolf Noise einen Song daraus machte

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Mann des Anstoßes: Gunter Gabriel

Der Vorfall

Am 13. September 2004 sollte der deutsche Möchtegern-Johnny Cash Gunter Gabriel vor den rund viertausend Besuchern der "Eisleber Wiese" auftreten.[1] Das Publikum hatte sich zum alljährlichen Festival in der ostdeutschen "Lutherstadt" Eisleben zusammengefunden, um den Deutsch-Country-Barden als letzten Act des Konzerttagesplans zu hören. Gabriel, der sich seit jeher als Kämpfer für die Underdogs, Trucker und Malocher sieht, kam aber nicht nur über eine Stunde zu spät auf die Bühne, sondern fing dann auch noch ziemlich lustlos an zu singen. Als Reaktion darauf gab es Unmutsäußerungen aus der Menge, die der damals 62-Jährige daraufhin mit folgenden Worten beschimpfte:

"Ihr habt ja soviel Zeit, sonst wärt ihr nicht am Nachmittag schon hier. Ich hab leider keine Zeit, ich muss meinen Arsch immer in Bewegung halten, damit die Knete stimmt! [...] Nicht immer nur meckern, sondern lösen, Probleme lösen!!!"

Stieß diese Pöbelei das Publikum schon vor den Kopf, setzte Gabriel noch einen drauf, als er einen Mann aus der Menge dazu aufforderte, ihn hinter der Bühne zu treffen, doch dann brauche der wohl einen Zahnarzt. Nach nur anderthalb gespielten Liedern polterte der Musiker schließlich von der Bühne, da angeblich die Monitorbox defekt gewesen sei, und der Skandal war perfekt. Am folgenden Tag stürzten sich die Boulevardmedien auf den Vorfall und stellten Gabriel zur Rede, doch dieser dachte nicht daran, sich zu entschuldigen. Stattdessen ließ er eine weitere Tirade vom Stapel, diesmal insbesondere gegen Arbeitslose:

"Und deshalb ist Hartz IV verdammt noch mal endlich mal notwendig [...]. Es kann nicht sein, dass einer den ganzen Tag mit'm Arsch auf'm Sofa sitzt und derjenige, dem der Schweiß den Rücken runterrollt, der kriegt 200 Euro mehr im Monat, das geht doch nicht! Unmöglich! Die sollen bitte kommen und mein Boot streichen und entrosten und alles mögliche machen..."

In seiner 2009 erschienenen Autobiographie "Wer einmal tief im Keller saß" stellte Gunter Gabriel den Vorfall so dar, dass er über die Zuschaueranzahl, die Kostenpflichtigkeit sowie die genaue Uhrzeit des Auftritts von seinem Manager im Unklaren gelassen worden sei, weshalb ihm auf der Bühne schließlich der Kragen geplatzt sei. Dem Veranstalter sollte die Gage für den geplatzten Auftritt zurückerstattet werden, woraus aber bislang offensichtlich noch nichts geworden ist.[2]

"Zuviel Zeit?"

Nur wenige Tage nach dem Eklat machte sich der Hamburger Ex-Fischmob-Musiker Stefan Kozalla – besser bekannt als DJ Koze bzw. Adolf Noise – zusammen mit seinem International Pony-Bandkollegen Carsten Meyer (alias Erobique) daran, aus Gunter Gabriels sprechgesangartiger Tirade die Grundlage eines Songs zu machen, der später sowohl auf der Kompilation "Pudel Produkte 1" als auch auf der Adolf Noise-LP "Wo die Rammelwolle fliegt" erscheinen sollte. Eingeleitet von einem Ausschnitt aus einem Fernsehbeitrag über den Eisleben-Vorfall setzten schleppende Beats und simple Pianoakkorde ein, die Gabriels gesampleten Worten eine Melodie unterjubelten. In der Mitte des Stückes übernahmen dann Koze und Erobique selbst den Text, unter anderem variiert zu "Ihr habt ja soviel Zeit, sonst würdet ihr ja nicht den ganzen Tag nur Musik hören können!" Schließlich interpretierte Koze auch noch das oben zitierte Interview des Country-Egomanen auf eigene Weise:

"Ich hab leider keine Zeit, von wegen der Finanzierung meines Lebens! Oder denkt ihr, das macht sich von alleine, die ganze Arbeit, und das Geld kommt per Post einfach? Ich versteh den Ansatz nich! Arbeitsamt bezahlt oder was? Ja, Arbeitsamt bezahlt, is doch egal. Naja, gut. Wisst ihr was? Deswegen ist das nämlich notwendig! Weil den Leuten, denen der Schweiß runterläuft auf'm Rücken – die sollen mein Boot streichen, mein Studio streichen, die können hier die Mikrofonierung machen, die Arrangements machen von den Liedern! Ich versteh das nich, den Ansatz versteh ich schon nich..."

Der Song erhielt schließlich den Titel "Zuviel Zeit?" und entwickelte sich rasch zum Kulthit. Im Oktober 2004 erschien zudem die – wenn auch schon vor dem Vorfall geplante – Dreifach-Tribute-CD "Liebe Autos Abenteuer – Eine Hommage an Gunter Gabriel", bei der zahlreiche Bands und Künstler sich des Oeuvres des Trucker-Matadors annahmen und in Gabriel gewidmeten Titeln wie "Liebst Du'nen arbeitslosen Star", "Gunter, lackier deine Gitarre um" oder "Hey Hartz, ich brauch mehr Geld" (nach Gabriels wohl bekanntestem Stück "Hey Boss, ich brauch mehr Geld") den "Zuviel Zeit"-Skandal aufgriffen.

Quellen

  1. Meldung bei der Mitteldeutschen Zeitung vom 16. September 2004
  2. Meldung bei der Mitteldeutschen Zeitung vom 1. April 2005