AMM

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AMM
Herkunft: London, Großbritannien
Aktiver Zeitraum: 1965 bis heute
Genres: Experimentelle Musik / Avantgarde
Neue Musik
Jazz
Labels: Matchless Recordings und weitere
Homepage: Matchless
Line-Up:
Eddie Prévost, John Tilbury
Ehemalige:
Keith Rowe (1965–72, 1975–2004), Lou Gare (1965–76, sporadisch bis 1992), Lawrence Sheaff (1966–67), Cornelius Cardew (1966–73), Christopher Hobbs (1968–71)

AMM ist ein britisches Musikerkollektiv im Bereich zwischen Neuer Musik und Jazz, das 1965 gegründet wurde, der Name AMM wurde Anfang 1966 zum erstenmal verwendet.[1] Konzeptuell setzt sich das Ensemble mit den Möglichkeiten der Improvisation soweit auseinander, dass auch die Auftritte spontan stattfinden und kaum geplant werden. Für die von Beginn an legendären AMM-Sessions wurden und werden weder gemeinsam Proben abgehalten noch etwaige Stücke besprochen. Zur Zeit besteht AMM als Duo aus John Tilbury und Eddie Prévost sowie weiteren wechselnden Musikern. Um keine unfreiwilligen Routinen auszubilden, spielen die Musiker möglichst selten zusammen.[2] Die Bedeutung des Namens ist ungeklärt. Eddie Prévost ist das einzige ständige Mitglied der Formation seit Gründung. Es werden in Ausnahmefällen auch Kompositionen anderer aufgeführt, so von Cornelius Cardew oder Tom Phillips.

Hintergrund

Bei den ersten Sessions war bereits eine kleine Audienz von wenigen stillen Zuhörern zugegen, Ornette Coleman wurde aufgefordert zu gehen, nachdem er sich während einer Session im Zuhörerraum mit jemandem anders unterhalten hatte. Bei den ersten Aufnahmen war Syd Barrett zugegen, was der Band eine ungeahnte Popularität verschaffte, als Paul McCartney später bei einer Session zuhörte, fand er die Musik nach eigenen Angaben „langweilig“.[3] Bereits 1966 erscheint die erste Schallplatte, 1968 das Schlüsselwerk The Crypt. Das „zeitlose“ Album beeinflusste und beeinflusst zahlreiche Musiker bis heute[4]:

Like a Cloud Hanging in the Sky? (ab etwa 0:40 min. im hörbaren Bereich) –> [8] bei Vimeo

Musik

Die Gründungsmitglieder spielten zuvor Big-Band-Jazz und Hard Bop. In den Stücken steht deutlich die Emanzipation des Geräuschs als auch tonal determiniertes Klangereignis im Mittelpunkt. Um mit der Lautstärke von Keith Rowes Gitarre mithalten zu können, wurden die anderen Instrumente über Verstärker gespielt, zusätzlich wurden mit Kontaktmikrofonen ausgerüstete Alltagsgegenstände bei den Sessions zum Klingen gebracht. Eine Vorgabe hinsichtlich der Spielweise beinhaltete, dass Melodie-, Harmonie- und Rhythmusgestaltung der Sessions gängige Konzepte vermeiden sollten und die Gruppe musikalisch betont einen kollektiven Hintergrund propagierte.[5] Die Herangehensweise an die Instrumente ist experimentell und deutlich von John Cage beeinflusst. Bereits mit den ersten Sessions brüskierte AMM eine weitgehend an konventionelle Standards in der zeitgenössischen Musik wie im Jazz gewöhnte Hörerschaft.[6] „Die Improvisationen von AMM, haben, so frei sie sind, sehr wenig mit Free Jazz zu tun“, es wird stattdessen „die Tonsprache der Neuen Musik eingesetzt, obgleich eine untergründige Spannung entsteht, die der des freien Jazz nicht unähnlich ist.“[7] Auch für Kritiker und Musikexperten war die Musik derart ungewöhnlich, dass Statements bis hin zur Feststellung, Gare und Prévost wären am radikalsten, wenn sie nicht spielten, von entsprechender Unsicherheit zeugten.

<– The Nameless Uncarved Block (1991)

Prévost: "In the silences and pregnant pauses that were a characteristic of our performances you can hear doors swinging open and closed, a child's voice echoes in the distance, and there are other indistinguishable human murmurings and nameless isolated clonks. […] At the end of our performance – nothing. No applause, no cat-calls. Merely the empty sound of indifference."[8]

Line-Up und Zusammenarbeiten

60er und 70er

Gründungsmitglieder: Lou Gare (Saxofon), Eddie Prévost (Drums) und Keith Rowe (Gitarre).

1965: Wochenendtreffen in Art eines Workshops für Experimentelle Musik am Royal College of Art in London.
Der Bassist Lawrence Sheaff kommt hinzu (1966/67, Cello, Akkordeon).[9] Der Name AMM wird seit Anfang 1966 verwendet.

Weitere:

1966 kommt Cornelius Cardew hinzu. Zum Teil finden die Auftritte unter dem Namen Cornelius Cardew Quintet statt. Cardew bringt später zwei Verstärker ein, Gare und Cardew beginnen damit, Alltagsgegenstände per Kontaktmikrofon als Geräuschquellen einzusetzen. Cardew verlässt das Ensemble 1973.
Mitte der 1970er Jahre ausschließlich im Duo, Eddie Prévost zunächst mit Lou Gare (1973-75), dann mit Keith Rowe (ab 1976). Diese Sessions sind etwas deutlicher am Jazz angelehnt, besonders Gare orientiert sich im Duo an den Spielweisen von John Gilmore and Albert Ayler, dennoch bezeichnet Prévost die Musik als Non-Jazz.[10]
Außerdem Christian Wolff (1968, Komposition), Christopher Hobbs (1968-71, Percussion).

80er und 90er

Prévost, Rowe sowie:

1980: John Tilbury (Piano). Tilbury hatte zuvor bereits an einigen Sessions teilgenommen. Sein Spiel orientiert sich an den Kompositionen Morton Feldmans, die Sessions wurden durch seinen Einfluss ruhiger, meditativer und minimalistischer, zugleich aber auch konventioneller.[11] Unverkennbar eigen sind die Aufnahmen dennoch, Keith Rowe findet in dieser Zeit zu einer subtilen Bildsprache als Ausdrucksform an der E-Gitarre.[12] In den frühen 1990ern tourt die Gruppe mehrmals in Europa und Nordamerika.
Desweiteren Rohan de Saram (Cello), Ian Mitchell (Klarinette), Evan Parker (Saxofon), kurzfristig: Steve Lacy.

seit 2000

Prévost, Rowe, Tilbury, seit 2005 Prévost, Tilbury sowie:

Christian Wolff (2001, 2010).
Musica Elettronica Viva (2004). Seit Beginn der ersten Dekade diese Jahrhunderts spielte Keith Rowe zunehmend in anderen Formationen und fand weniger und weniger Zeit für die Aktivitäten mit AMM, 2005 kam es zum Bruch zwischen Prévost und Rowe, Rowe verließ daraufhin das Trio, die letzte gemeinsame Session erschien als Doppel-CD, 2005 (Apogee). Die CD dokumentiert unter anderem eine Zusammenarbeit mit Alvin Curran, Richard Teitelbaum und Frederic Rzewski von Musica Elettronica Viva aus dem Jahr 2004.[13]
Sachiko M (2004), David Jackman (2005), John Butcher (2009, 2010), Ute Kanngiesser (2010).

Bewertung der Zusammenarbeiten

Prévost äußerte sich derart, dass von allen beteiligten Musikern außerhalb der Stammformationen Evan Parker und Christian Wolff am ehesten den Gedanken hinter AMMs Musik verstanden hätten.[14]

Diskografie

  • 1966, Not necessarily "English music", Electronic Music Foundation EMF CD 036. Ein Stück auf einer CD-Compilation.
  • 1966, AMMMusic, ReR Megacorp / Matchless Recordings, Elektra 1967.
  • 1967, Afflicted Man's Musica Box, United Dairies UD12 (UK). Ein Stück auf einer Compilation mit Cardew/Gare/Prévost/Rowe/Sheaff.
  • 1968, Live Electronic Music Improvised, Mainstream Records, MS 5002 (USA). Cardew/Gare/Hobbs/Prévost/Rowe; Split mit MEV.
  • 1968, The Crypt , Matchless MRCD05.
  • 1969, Laminal, Matchless MRCD31.1. Eine CD in einem 3fach-CD-Set mit Aufnahmen aus Dänemark.
  • 1972, AMM at the Roundhouse, Incus Records EP1. Gare/Prévost.
  • 1974, To hear and back again, Matchless MRCD03.
  • 1978, To Hear And Back Again, Matchless.
  • 1979, It had been an ordinary enough day in Pueblo, Colorado, ECM Records/Japo 60031.
  • 1982, Laminal, Matchless MRCD31.2. Eine CD in einem 3fach-CD-Set mit Aufnahmen aus London.
  • 1982, Generative themes, Matchless MRCD06.
  • 1984, Combine & Laminates und Treatise '84, Live at the Arts Club, Chicago, Matchless MRCD26.
  • 1987, The inexhaustible document, Matchless MRCD13.
  • 1988, Wiederveröffentlichung von The Crypt, Matchless.
  • 1988, IRMA - Eine Oper von Tom Phillips, Matchless MR16.
  • 1990, Combine & Laminates, Pogus Productions 1990.
  • 1990, The nameless uncarved block, Matchless MRCD20.
  • 1992, Newfoundland, Matchless MRCD23.
  • 1993, Vandoevre, Virgin Records ABMT4. Ein Stück auf der CD-Compilation Ambient isolationism.
  • 1994, Live in Allentown USA, Matchless MRCD30.
  • 1994, Laminal, Matchless MRCD31.3. Eine CD in einem 3fach-CD-Set mit Aufnahmen aus London.
  • 1995, From a strange place, PSFD-80.
  • 1996, Before driving to the chapel we took coffee with Rick and Jennifer Reed, Matchless MRCD35.
  • 1998, For Ute, Fat Cat Records 7/8.
  • 2000, Tunes without measure or end, Matchless MRCD44.
  • 2001, Fine, Matchless MRCD46.
  • 2003, Formanex - AMM - Formanex, Fibrr Records
  • 2004, Apogee, Matchless MRCD61. Zusammen mit MEV.
  • 2005, Norwich, Matchless MRCD64.
  • 2006, That mysterious forest below London Bridge, Matchless MRCD70. CD-Compilation mit einem AMM-Stück.
  • 2008, Trinity, Matchless MRCD71. AMM/John Butcher.
  • 2009, Sounding music, Matchless MRCD77.
  • 2010, Uncovered correspondence, Matchless MRCD78.
  • 2012, Two London Concerts, Matchless MRCD85.
  • 2014, Place Sub. V., Matchless MRCD91,
  • 2015, Spanish Fighter, Matchless MRCD94[15]

Siehe auch

Musica Elettronica Viva, Jazz, Elektronische Musik, Time Lag Accumulator, Time Lag Accumulator, Experimentelle Musik / Avantgarde, Live-Elektronik, Serielle Musik, Postserielle Musik, Algorithmische Komposition, Computermusik.

Literatur

  • Philip Clark – The Wire Primers: A Guide To Modern Music AMM, 113-121; Verso, 2009
  • Michael NymanExperimental Music: Cage and Beyond (2. Aufl.), Cambridge University Press, 1999
  • Edwin Prévost – No Sound Is Innocent: AMM and the Practice of Self-Invention—Meta-Musical Narratives, Essays Copula, 1995
  • Edwin Prévost – Minute Particulars: Meanings in Music Making in the Wake of Hierarchical Realignments and Other Essays Copula, 2004
  • John Tilbury – Cornelius Cardew: a life unfinished, Kapitel 7, AMM 1965 - 71, Copula, 2008

Einzelnachweise

  1. Artikel AMM (Group) [1] bei der en.wiki
  2. Artikel AMM (Ensemble) [2] bei der de.wiki
  3. bei der en.wiki, Anm. oben
  4. Joe Panzner – On Second Thought. AMM – The Crypt (2003) [3] ausführliche Besprechung von The Crypt (1968) bei Stylus Magazine
  5. bei der en.wiki, Anm. oben
  6. Profil AMM – AMMMusic (1966) [4] bei allmusic
  7. de.wiki, Anm. oben
  8. ebd., Edwin Prévost wird zuweilen eine gewisse Arroganz attestiert.
  9. Dan Warburton – Interview mit Keith Rowe (2001) [5] bei Paristransatlantic
  10. en.wiki, Anm. oben
  11. ebd.
  12. ebd.
  13. Profil AMM – Apogee [6] bei Discogs
  14. "On rare occasions Evan Parker performed with various AMM formulations. He and Christian Wolff are the two musicians outside of the immediate circle of AMM with whom an indefinable rapport is felt - and a confidence that the AMM aesthetic would be pursued and respected.", Eddie Prévost – AMM 1965 / 1994 - a brief and mostly chronological historical summary [7] bei efi.group.shef.ac.uk
  15. Quellen für die Diskografie: Artikel AMM (en.wiki), Discogs, allmusic, Homepage Matchless Recordings

Weblinks

  • Profil [9] bei Discogs
  • AMM ‎– Before Driving To The Chapel We Took Coffee With Rick And Jennifer Reed (1997) [10] bei Youtube
  • Eddie Prévost – AMM 1965 / 1994. A brief and mostly chronological historical summary [11] plus Diskografie bei efi.group.shef.ac.uk
  • Liner Notes zu The Crypt [12] bei Matchless Recordings
  • Artikel AMM (Group) [13] bei der en.wiki
  • Artikel AMM (Ensemble) [14] bei der de.wiki

Links im Juli 2017.